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WÖRTER UND Sachen
KULTURHISTORISCHE ZEITSCHRIFT FÜR SPRACH- UND SACHFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VON
R. MERINGER
W. MEYER-LUBKE
R. MUCH
J. J. MIKKOLA
M. MURKO
BAND I
MIT 175 ABBILDUNGEN UND 2 KARTEN
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„Sprachforschung, der ich anhanffc und VOM der ich ausgehe, hat mich doch nie in der Weise befriedigen können, daß ich nicht immer ^ern von den Wörtern au dem Sachen gelangt wäre."
yakob Grimm.
HEIDELBERG 1909 CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG
Verllgs-Archiv Nr. 303.
Germany
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 1
R. Meringer, Die Werkzeuge der /«wsere- Reihe und ihre Namen (Keule, Stampfe,
Hammer, Anke). Mit 35 Abbildungen 3
W. Meyer -Lübke, Romaniscli BAST- • 28
R. Much, Holz und Menseli 39
W. Passier, Ethno-geographiselie Wellen des Sachsentums. Ein Beitrag zur deutschen
Ethnologie. Mit Karte 49
R. M. Meyer, Isolierte Wurzeln 58
J. Strzygowski, Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus des Refektoriums.
Mit 11 Abbildlangen 70
Th. Bloch, Über einige altindische Göttemamen 80
L. Wenger, Sprachforschung und Rechtswissenschaft 84
J. Janko, Über Berührungen der alten Slaven mit Turk<jtataren luid Germanen
vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte 94
Etymologien 109
siov. suzenj «Sklave', muka •Marter« von M. Murko- Tenuare im Rumiinisclien von S. Puscariu. Filis. batscMamia «pigna-, sopras. guotta •chiodo-, vic. vor. pindola «bietta' von C. Salvioni.
Literatur 115
W. O- streng, Haus uml Hof im Französischcu. Angezeigt von W. Meyer- Lübke.
J. R. Bunker, Das Bauernliaus der Gegend von Köflaeli in Steiermark. Mit 47 Text-
.•ibliildungen 121
R. Meringer, Sprachlich -sacliliclie Probleme. Mit 40 Abbildungen 164
1. Zu den Werkzeugen der pimere ■'ReWw 164
2. Zu den Werkzeugen der molere YxvWw. 165
3. Die Urbedeutung von got. (janisan. \io]xa\ usw 168
4. Zur Duenos- Inschrift . . ' 173
5. Die l'rbedeutung von ffTTtvbai, spondco 177
6. Zum vertieften Tische 181
7. Deutsch Brücke ' 187
8. Lat. pons und seine Si])pe 192
9. Zum verehrten Pflock 199
10. Schlußwort 204
R. Meringer, Prähistorische Rinnensteine. Mit 2 Ab))ildungen 210
W. Meyer-Lübke, Zur (lesehiihte der Dreschgeräte. Mit 40 Abbildungen und Karte 211
Wörterverzeichnis 245
Sachverzeichnis 258
Verzeichnis der Abbildungen.
Nr. Seite
Melilbereilunp bei ilen Ägyptern .... 1 4
Mehlbereitung bei den Griechen .... 2 5
Ein liölzerner steirischer Mörser .... 3 7
Ein ungarischer Holzniörser samt Stöläel 4 7
Finnische Holzmörser 5 — 8 7
Ein Stamperl S) 8
Die huzulische Stupa 10 8
Eine wotjakische Stampfe 11 9
Eine Kohlcnstampie des 16. Jahrhunderts 12 9
.Stampfe zum Erzpochen. 10. .lahrliundert 13 9
Trockeni)och\verk. 19. Jahrhundert ... 14 10
Naßpoclnverk. 19. Jahrhundert .... 15 10
Eine heutige einfache Lohstampfe ... 16 11
Koreanerin beim Reisstampfen 17 12
Kaschubische Graupenmühle 18 12
Anke und Stofsel. Steiermark 19 13
Stampfen des Feldspats für Poizellanfabri-
kation in China 20 13
Ostasialische Anke zum Schroten .... 21 14 Mühle des 17./18. Jahrhunderts. Vorn
eine Anke 22 14
Eine huzulische Anke 23 15
Anke bei den ungarischen Slowenen . . 24 15
Steirische Anke 25 15
Steirische Anke 2(1 16
Steirische Hirsestampfc 27 16
Kleine .steirische Anke zum Schroten und
Ölpressen 28 16
Schmiede mit Eisenhammer. 16, Jahrhun- dert 29 17
Französischer Eisenhammer. 18. Jahrhun- dert 30 17
Steirischer Eisenhammer 31 ]8
Steirischer Eisenhammer 32 18
Kon.slruktiüneinesmodernen Eisenhammers 33 19 Die Mahlvorrichtungen des Plans von St.
Gallen 34 23
Rekonstruktion der Anken des Plans von
St. Gallen 35 24
Ethno- geographische Wellen des Sachsen-
tums (Karte) 57
Koptischer Grabstein in Kairo 1 70
Arabischer Grabstein in Damaskus ... 2 71
Koptische Altarplalten 3 72
Reliefplatte in Agram 4 73
Nr. Seite Athos, Kloster Lawra: Innenansicht der
Trapeza 5 74
Athos, Kloster Lawra : Grundrifs der 'frapeza 6 75 Kloster Dau in Attika: Die hexagonale Kirche und das Refektorium mit 13
Tischen 7 76
Athen, Kloster Daphni : Kirche und Refek- torium 8 77
Ravenna, S. ApoUinare nuovo: Mosaik
des Abendmahls 9 78
Bauriß von St. Gallen: Refektorium ... 10 80 Bauriß von St. Gallen: Schema des Refek- toriums bei Weglassung der beweg- lichen Bänke 11 80
Plan der Hofstätte vom Kliegl-Gute . . 1 122
Das Kliegl-Haus, Vorderseite 2 123
Das Kliegl-Haus, Rückseite 3 123
Grundriß des Erdgeschosses des Kliegl-
Hauses 4 124
Grundriß des Dachraunies des Kliegl- Hauses 5 124
Herd im Kliegl -Hause 6 126
Stadel beim Kliegl-Haus 7 130
Stadel beim Kliegl-Haus, Erdgeschoß . . 8 130
Stadel beim Kliegl-Haus, Obergeschoß . 9 131
Stadel beim Kliegl-Haus, Dachraum . . 10 132
Knechtkammer beim Kliegl-Haus .... 11 133
Kliegl, Knechlkanimer, Erdgeschoß ... 12 133
Kliegl, Knechtkammer, Obergeschoß . . 13 134
Das Hübler- Haus 14 134
Wohngeschoß des Hübler -Hauses .... 15 135
Das Alpen bauer- Haus 16 136
Grundriß des Alpenbauer -Hauses .... 17 136
Das Schriebt -Hau.^ .samt Stadel IS 138
Grundriß des Schriebt -Hauses 19 138
Das Jud-Haus 20 139
Wohngeschoß im Jud-Hause 21 140
Das Engelbauer -Haus 22 141
Grundriß des Engelbauer- Hauses .... 23 142
Das Feilbauer- Haus 24 143
Grundriß des Feilbauer- Hauses 25 143
Das Blüml-Jörgl-Haus 26 145
Grundriß des BlOml-Jörgl-Hauses ... 27 145
Aufriß der Giebelseite des Ziri- Hauses . 28 146
Aufriß der Hauptfront des Ziri -Hauses . 29 147
Grundriß des Ziri- Hauses 30 147
Verzeichnis der Abbildungen.
Nr. Seile
Das Lange Wegger-Haus 31 149
Grundrifj des Langen Wegger- Hauses . . 3^ I i'.J
Das Hofameser-Haus X) löl
(irundriß des Hofanieser- Hauses .... M l^>-2
Das König- Wirtshaus in Köflaeh .... I!.5 ITA
Das König- Wirtshaus, Erdgescholi . . . :!(j 1.5.5
Das König- Wirtshaus, Obergeschoß ... 37 1.5.5
Das Sleiner-Sclmeider-Haus 3S 157
Das Steiner- Schneider- Haus, Erdgeschoß 3(( 1.5s
Das .Steiner-Silnieider-Haus, Obergeschoß 40 1.5.S
Die Hochbundschuli-Keusclie 41 159
Grundriß der Hochbundschuh-Keusclie . 42 lliO
Die Reinthaler- Keusche 43 lül
Grundriß der Reintlialer Keusdie ... 44 101
Die Schriebl-Keusche 45 1(12
Die Schriebl-Keusche, Erdgeschoß ... 4ü 1G2
Die Schriebl-Keusclie. 01)eigcsch()ß ... 47 \i'<i
Lettische Mörser 1 — 3 l(j4
Lettische Kornstampfe 4 105
Polnische Stampfe zur Bereitung der
Gerstengraupe 5 KiG
l'ülnische Handnudile (i Kjlj
Eine lettisclie Handniühle samt Jk'hlkasten 7 l(i7
Indische Reisanlie 8 KiS
Handiuühle im Westergötland 9 109
Agyptisclie Dienerin Korn malilend. um
den Toten damit zu versorgen . . . 10 170
Getreideiuahlen in Südaliilia 11 171
l'hallische Gesichtsurne. Vorderseite . . 12 175
l'hallische Gesichtsurne. Rückseite ... 13 175
l'liallisclie Gesichlsurne. Seitenansicht . 14 175 Bruchstück einer römischen Gesichtsurne
mit l'liallus 15 170
Bretterverhindungen 10 179
Der lettische Ptlug 17 ISO
Eine ägyplLsche Altarplatto 18 183
.Ägyptischer Totentisch 19 184
Ägyptischer Totcntiscli i>0 185
Bosnisches Badegetaß 21 185
Ägyptisches Iklief. Der Tote vor dem be- setzten Tisch 22 ISO
Ägyptisches ReUef. Der Tote vor dem
Tisch mit Blumen- und Wasserget'äß 23 ISO
Christus auf der Kelter 24 187
Ein 2' 2 Kilometer langer Prflgehveg im leh- migen Boden bei Lannach in Steiermark 25 188 Ein Priigclweg in Ingermannland 1015 . 20 189
Ausseer Haus mit «BriUki» 27 190
Vogesenliolzprügelweg 28 191
Gedeckte Harte aus Nötsch im Gailtale . 29 193 Eine Scheune mit einer in den Dachraum
führenden Brücke 30 194
Die ol)ere Brücke von vorn gesehen . . 31 195
Die oliere Brücke von der Seite .... 32 190
Mykeniscbe Gcnuije 33 197
Kr. i^'Ae
Baetylischer Oplertisch, restauriert ... :J4 198
Baetylischer Altar .35 199
iMykenischer Goldsiegehing .30 2fK)
Mykeni.scber Goldsiegelring 37 2(J(J
Mykenisclies Siegel aus Speckstein ... 38 201 Versuch der Rekonstruktion eines myke-
nischen Pfahlheiliglums 39 202
Versuch der Rekonstruktion eines niyke- nischen Heiligtums mit Pflock und
Baum ; 40 203
Serbischer Rinnenstein 1 210
Bulgarischer Rinnenstein 2 211
Drescliende Ochsen aus Alt-.Ä^ypten . . I 213
Ein Dreschstein aus Lecce (Apulien) . . 2 210
Ein Dreschstein aus Reggio-Emilia ... 3 21t>
Syrische Dreschlafel aus Aleppo .... 4 218
Dreschstein aus S. Marco in Lancis ... 5 219
Der Grattacase aus S. Giovanni Rotondo 0 219
Dreschtafel aus Braganza 7 220
Drcschtafel aus (Zypern 8 220
Der Ixiltiloio aus Imola 9 223
.Ägyptischer Dreschwagen 10 223
Dreschwagen aus Urdona (Süditalien) . . 11 224
Pieniontesischer Dreschwagen 12 224
Italienische Drcschwalze 13 225
l'roHl des piemontesischen rübat .... 14 225
Dreschwalze aus Reggio-Emilia 15 22.5
l'rolil der alessandrinischen rabäta ... 10 220
Provenzalische Dreschwalze 17 220
Die trihhietta in Luco nei Marsi .... 18 227
Chuaton a battre l'.t 229
Maniement du chuaton 20 229
Chuaton aus Leysin 21 229
Die Mazza aus Trapani 22 230
Zillertaler Bengel 23 231
Der engadinische pd 24 231
Trask aus Strona (Novara) 25 231
Engailinischer Flegel 20 234
Pieniontesischer Flegel 27 234
Walliser Flegel 28 2.34
Frustu-Flegel 29 234
Frei burger Flegel 30 234
Braunschweiger Flegel 31 234
Flegel aus S. Pol (Pikardie) 33 2;U
Mecklenburger Flegel 33 2;U
Flegel aus Fondo im Xonstal 34 235
Pieniontesischer Flegel 3.5 2X»
Genter Flegel 36 235
Die .Mazzafrusta aus Luca nei Marsi . . 37 'iXt
Russischer Dreschflegel 38 ä:V>
Mosaik .1US der Kapelle von Prilz bei Laval
(Mayenne) 39 2as
Mosaik aus der Kathe«lni von Aosla . . 44t 242 Die Verteilung der Ausdrücke lür Flegel
iu Frankreich 243
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in 2009 with funding from
University of Toronto
http://www.archive.org/details/wrterundsachen01heid
Vorwort.
Unsere Zeitschrift soll mit keinem bereits bestehenden Unternehmen in Wettbewerb treten. Wir wollen nur den Raum und die richtigen Existenzliedingungen für sprach- lich-sachliche Arbeiten, wie sie in den letzten Jahren auf verschiedenen Gebieten zutage getreten sind, schaffen.
Nach einer Periode heilsamer Beschränkung der sprachlichen Studien auf die Er- forschung der lautlichen \^eränderungeu scheint die Zeit gekommen zu sein, den Wort- bedeutungen, den „Sachen", wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Unter Sachen verstehen wir nicht nur die räumlichen Gegenstände, sondern ebensowohl Gedanken, Vorstellungen und Institutionen , die in irgendeinem Worte ihren sprachlichen Aus- druck finden.
Jede Philologie kann auf einzelne überzeugende Etymologien hinweisen, die aus der Kenntnis der Sachen entsprungen sind. Daß man trotzdem nicht schon längst für alle Etymologie überhaupt das Herbeiziehen der Geschichte der Sachen verlangt hat, ist in dem fast ausschließlicheu Interesse begründet, das die letzten Dezennien den «Lautgesetzen» zuwandten.
Diese Beschränkung entspricht nicht den Tatsachen: Mit vielen Anderen sind wir überzeugt, daß Sprachwissenschaft nur ein Teil der Kulturwissenschaft ist, daß die Sprachgeschichte zur Worterkliirung der Sachgeschichte brdarl', sowie die Sach- geschichte, wenigstens für die ältesten Zeiten, der Sprachgeschichte nicht entraten kann. Wir glauben, daß in der Vereinigung von Sprachw^issenschaft und Sachwis- senschaft die Zukunft der Kulturgeschichte liegt.
Aber diese Vereinigung ist vorläufig ein Ideal und ist heute noch nicht immer zu erreichen. Die Geschichte der ,, Sachen" ist noch durchaus nicht allseitig ausgebaut. große Gebiete sind noch dunkel, das Material schwer erlangbar; deswegen werden wir etymologische Arbeiten aufnehmen, wenn sie das Ziel dieser Vereinigung wenigstens im Auge behalten, und werden rein sachgeschichtliche Arbeiten bringen, auch wenn die Verwertung für ilie Wortkunde erst der Zukunft angehört.
Wir wollen die Sachstudien fördern, aber nicht nur die Studien der gedruckten Quellen, sondern vornehmlich die Sachstudien im Volke, und wollen dadurch die Wissenschaft wieder mit dem Leben in nähere Beziehung bringen, woraus auch die Sprachstudien Nutzen ziehen werden.
Wörter uud Sachen. I.
'o^
Vorwort.
Mit den Veräuderuugen der Kultur verändern die Wörter ihren Sinn. AVir ver- langen, daß die Erklärung der Bedeutungsveränderungen nicht auf rein spekulativem Wege versucht wird, sondern dieser Tatsache gerecht wird.
Wenn wir, von verschiedenen Forschungsgebieten herkommend, uns zu gemein- samer Arbeit verbunden haben, so möge man daraus ersehen, daß wir Material zu einer umfassenden Kulturgeschichte der indogermanischen Völker herliei schatten wollen. Wir wenden unsere Aufmerksamkeit allen indogermanischen Völkern in alter und neuer Zeit zu und ebenso den Berührungen mit anderen Sprachstämmen und setzen unserem Interesse keine zeitliche Grenze, weil auch die späteren Zeiten und die Gegenwart reich an alten Kulturelementen sind und von Urzeiten bis an den heutigen Tag eine stete, nicht unterbrochene Entwicklung zu erkennen ist — ganz ab- gesehen von dem Licht, das von den klareren historischen Zeiten und der Gegenwart auf die früheren fällt.
Bei den Arbeiten, die sich mit der Geschichte von Gegenständen befassen, werden wir Bilder bringen. Dabei wird unser Ideal sein, zeitgenössische Wörter und Gegen- stände zusammenzustellen. Das wird allerdings nicht immer zu erreichen sein, sondern wir werden öfter bloß nach Analogien die Form des Gegenstandes, der durch eine be- stimmte Wortform bezeichnet wurde, erschließen müssen.
Die Zeitschrift wird Abhandlungen, Besprechungen und kleinere Mitteilungen bringen. Beiträge bitten wir dem fachlich Nächststehenden der Herausgeber zusenden zu wollen.
Die Herausgeber.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen.
(Keule, Stampfe, Hammer, Anke.) Von Rudolf Meringer.
Schon seit uralter Zeit finden wir zwei verschiedene Techniiien zur Verwandlung der Kornfrüchte in Mehl, das Zerstoßen und das Zerreiben. Ihren sprachlichen Aus- druck fiuden diese Techniken in zwei Wortreihen, die ich nach den lateinischen Reprä- sentanten die pinsere- und die «w/ere- Reihe nennen will.' Die letztere ist auf Europa beschränkt, die erstere greift nach Asien hinüber.
Die Werkzeuge der «(o/e/r- Reihe sind bekannt und untersucht worden. Aber so gut wie unbekannt, wenigstens ihrer Entwicklung und (leschichte nach, sind die In- strumente der jjJHSoe- Reihe. Wenn ich diese hier bespreche, so will ich damit einen Beitrag zur Frage der indogermanischen Wirtschaft liefern. Ich verfolge dabei die Sachen wie die Wtii'ter bis in die Gegenwart, bis zu den jetzt noch bestehenden volks- tümlichen Maschinen und zu deren dialektischen Bezeichnungen.
Die Kornfrüchte werden, wenn sie zur menschlichen Nahrung dienen sollen, ent- hülst und geschrotet oder noch weiter zu Mehl zerrieben. Weim das auch nicht der älteste Zustand ist, so gehen diese Arten der Bearbeitung doch schon in sehr frühe Kulturperioden zurück.
Will man Schrot haben, so genügt ein Stampfen der Körner und die Absonderung der Hülsen. Zur Bereitung des Mehls ist ein fortgesetztes Verkleinern notwendig und das Produkt muß durch Siel)en in Mehl und Kleie geteilt worden. Das Mahlen kann ganz mit Stoßen bewirkt werden, oder mit einem Stampfen beginnen, worauf erst die geschroteten Körner zwischen Steinen zu Mehl verwandelt werden, kann aber auch ganz mit Hilfe der Mahlsteine vollbracht werden.
Am leichtesten ist die Arbeit des Schrotens und Mahlens dann , wenn die Korn- frucht trocken ist. Es ist deshalb unter Umständen gut, oder gemdezu notwendig, das Korn zuerst zu darren, bevor es weiter verarbeitet wird. Auch die Hülsen lösen sich infolge des leichten Röstens besser ab. —
' 0. Schrader, RL. S. .Ml.
Rudolf Meringer.
Keule und Mörser. M. Rühlmann sagt': «Zu den allerersten Hilfsmitteln, um Getreide in Mehl zu verwandeln, scheinen hölzerne, steinerne und metallene Mörser mit Keulen (Pistillen) zu gehören^ in welchen man die (vorher wohl auch gerösteten) Körner zerstieß und so- dann durch Trennen der gröberen und feineren Teile mittelst Sieben das Mehl zu ge- winnen suchte». Rühlmann verweist dann auf ein ägyptisches Wandgemälde aus den Ruinen von Theben (vergl. Abb. 1).^
Man sieht auf dem Bilde zwei Arbeiter, mit dem Stoßen beschäftigt. Während der eine die Keule hebt, stößt der andere in den Mörser. Die Keulen sind in der Mitte verjüjigt und können nach beiden Seiten verwendet werden. Ein anderer Arbeiter trennt mittelst eines Siebes das gewonnene Mehl von der Kleie.
Die Mörser dieses Gemäldes besitzen große Standfestigkeit dadurch, daß der Fuß des Gefäßes sich ausbreitet. Besonders tief, wie wolil einige Gelehrte geglaubt haben, sind sie aber nicht, sie haben nur einen sehr starken Boden, wie ja leicht begreiflich.
Die Tiefe der Mörser ist geringer als die halbe Keu- lenlänge, was sich notwen- digerweise daraus ergibt, daß die Hand nicht den Rand berühren darf, wenn die Keule unten ansehlägt und viel Getreide darf auch nicht auf einmal in den Mörser geschüttet werden. Zu anderen Zwecken hatte man verschieden ge- staltete Mörser und auch
g " /
Abbildung,' 1
Melilbereiliing bei den Ägyptern.
verschiedene Keulen. Ein ägyptisches Bild zeigt, wie zwei Männer mit Stößeln an einem Mörser arbeiten, ohne daß aber klar wäre, was sie schaffen.' Auf einem dritten Bilde, der Darstellung einer Küche, hebt ein Mann eine besonders schwere Keule und stößt damit in einen großen Mörser, ebenfalls unbekannt zu welchem Zwecke.*
Blümner scheint zu glauben, daß das Zerstoßen älter als das Mahlen sei. Er sagt'' : «Obgleich diejenigen Vorrichtungen zum Verwandeln der Getreidekörner in Mehl, welche wir vorzugsweise Mühlen zu nennen gewöhnt sind, d.h. also diejenigen, bei denen die Zerreibung mittelst zweier Steine geschieht, . . . schon in sehr früher Zeit erfunden worden sind, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß es eine Zeit gab, wo man keinen anderen Weg kannte, als die Körner in Mörsern zu zerstampfen». Das wäre an und für sich nicht unmöglich, und es spricht wirklich manches dafür.
Unsere Abbildung 2 zeigt uns Mörser und Keule (oX[jlo?, qS-q, I'yo'.? — uTrspo?) in ihrer Verwendung bei den Griechen.'' Wie auf dem ägyptischen Bilde zwei Männer
' Moritz Rülilniann, Allgemeine JMaschinenlelire JI, .S. fi.
' Die Abbilduii},' 1 ist nach J. G. Wilkinson, Manners and customs of tlie ancient Egyptian.s III, S. 181, Nr. 3C7, gemaclit. — * Roselini, Monumenli eivili LXVII. — * Wil kinson. IVfanners and customs 11, S. 383, Nr. 270. Darnach A. Rieh s. v. pilum. — '- H. Rllimner, Technologie usw. I, S. 15 f.
' Vergl. Daremberg-Saglio, Diclionnaire, s. v. mortariiim. — Blümner a. a. O., S. 22.
Die Werkzeuge der pinsere-Re'ihe und ilirf Namen.
an demselben Mörser arbeiteten, so sehen wir hier — dem Volksbrauche der Zeit ent- sprechend, zwei Frauen an einem Mörser beschäftigt. Ihre Keulen sind mit den in Ägypten verwendeten gleichförmig, von derselben Größe und werden auch in derselben Weise gehandhabt. Die flache, schalenartige Ge- stalt des Mörsers ist wohl vom Material bedingt. Für den Stein empfiehlt sich die.se schalenartigc Form, wie für Holz die zylindrische. Dem Zer- stoßen und Stampfen (;tTiaa=iv, (f/c.'.jtv, ),=-u='.v, Tpißsiv, v-ÖK-iiv) pflegte ein Rösten voraufzugehen ('fpü^eiv, iftüYsiv, xoSoiis')- £iv). Das geschah nament- lich bei der Gerste, und zwar dann, wenn poleufa bereitet werden sollte. «Dabei wurde die Gerste erst angefeuchtet, dann getrocknet, geröstet und enthülst, teils durch Zer- stampfen im Mörser, teils wohl auch durch Müh- len, beide jedenfalls die- selben Geräte, die zur Verwandlung der Körner in Mehl angewandt wur- den.» ' Auf welche Weise die Körner geröstet wur- den, ist nicht mehr zu sagen. Sic wird nicht immer und überall die gleiche gewesen sein. Von den zum Rösten ver- wandten Geräten , als welche '^pü^ärpov, xo^o- [isiov, (fcÖYavov genannt
werden, fehlt uns eine genaue Keiuitnis- Waren es Get'äße oder Pfannen, so konnte innner nur eine kleine Menge der Ki>rner geröstet werden, etwa .-jo viel, als zum ein- maligen Füllen des Mörsers hinreichte.
l'linius^ berichtet über die Beliandlung der tJerste bei den Griechen wie folgt:
■ II. Hlümner a. a. O., S. 11 f. — - Kboiula S. l:f f. — ' Pliniiis. Hisl. iiat. .Will, Ti.
Abbilduiii!
Mehlbereitung bei den Griechen.
Rudolf Meringer.
Aniiquissimum /n cibis hordeimi . . . Polentam quoque Graeci non aJiunde praeferunt. Phi- ribus fit haer niodis. (iraeci perfustim aqua Itordinm sircant nocte una ac ])osfrro dir frigunt, dein molis frangunt. Sunt qiti vchemeiitii(s to.^tum riosHS crigna aqua adspenjant et siccent prius quam molant. Ali rero riretitihu>i sj)icis decussinii hordenm rcccns purgant madidnmque in pila tundunt atqtie in corhihiis elnnut ac siccatum sole rxrsns tundunt et purgatum moJutit.
Daun fährt er fort: Italia sine perfusionc tostum in suhtilem farinam molit . . In Italien wäre darnach das Anfeuchten der Gerste vor dem Dörren, Rösten, das in GrieclienUind üblich war, nicht im Gebrauche gewesen.
Über das Zerkleinern der Körner sagt Plinius folgendes': Pistura non omnium facilis, quippe Etruria spicam ferris tosti pisente pilo praeferrato, fisttila scrrata et Stella intus denticulata, ut, si intenti pisant, concidantur grana fcrruiiique frangatur. Die in Etrurien zum Zerstoßen (pistura) verwendete Maschine hatte also drei wesentliche Teile: piluiii praefermtum, einen mit Eisenschuh versehenen Stößel, fistula serrata, eine gesägte, das heißt wohl geriefte Röhre und Stella intus denticulata, einen inwendig gezähnten Stern (?). AVie man sich den Api)arat vorzustellen hat, ist nicht klar, er hat sich auch, wie Plinius selbst andeutet, nicht bewährt und dürfte deshalb verschwunden sein. Mir ist keine Maschine untergekommen, auf welche die Beschreibung passen würde, nur die Zähne, aber an dem Stößel selbst angebracht, am Eisenschuh, findet man auf der alten Anke in Abb. 22 wieder.
Maior pars Italiae nudo utitur pilo, berichtet Plinius weiter, rotis etiani (/uas aqua verset obiter et niolat. Der größere Teil Italiens benütze den einfachen (nicht eisenbe- schlageuen) Stößel, wohl auch die Wassermühlen.
De ipsa ratione piscndi Magonis propionemus sententiam: triticuin ante per f und i aqua multa iubet, postea evalli, dein sole siccatum pila repeti, simili modo hordcutn. Den Weizen möge man reichlich mit Wasser netzen, dann enthülsen, an der Sonne trocknen und mit dem Stößel bearbeiten; ebenso die Gerste.
Über das zeitliche Verhältnis vom Zerstoßen zum Mahlen haben wir ein beachtens- wertes Zeugnis^: Quia apud maiores nostros molarum usus non erat, frumenta torrebant et ea in inlas missa pinsebard, et hoc erat genus inolendi inide et pinsitores dicti sunt, qni nunc pistores rocantur. Auf Grund dieser Nachricht könnte man glauben, daß die Römer die Kenntnis der Mühle einem höher kultivierten Volke verdanken, wogegen aber spricht, daß malere, mola echt lateinische Wörter sind. Ebenso lateinisch sind die Wörter für die Technik des Zerstoßens. Der Name des Mörsers war mortarium, gewiß ein altes Wort, das im Lateinischen in sehr früher Zeit gebildet worden sein muß, da imr moretum dem Sinne nach nahesteht, marceo und morior aber weit abliegen. Die Keule heißt pilum (pistilluni), eine klare Bildung zu jyinserc und aus *pmsloiH entstanden. Pilum «Stößel» neben ^n7a «Mörser» hat Parallelen bei später zu erwähnenden Doubletten.
Das romanische Wort mortarium ist im Sinne von Mörser bei wenigen Nordgermanen aufgenommen worden.^ Die anderen haben Bildungen von einer W. mnrs : ahd. morsari, mhd. zermürsen, wozu morsch gehört, w'oraus klar wird, daß der Mörser den Germanen nicht erst von den Römern übermittelt werden mußte. Lat. mortarium und ahd. morsari sind aber beide von derselben W. mer gebildet, also insofern urverwandt. Was zur Auf-
' Plinius, XVIII, 97. — '' Serv. ad Aen. I, 179.
^ Ndl. mortier, ags. martere (Kluge, Pauls Grdr. l'\ :i41j, engl, mortar. M. Heyne DHA. J, »9.
Die Werkzeuge der ^/«»■«/•e-Rcilic luul ihre Namen.
Abbildung 3.
Ein bölzerner stei-
ri^cber Mör^^er.
Abbildung' 4.
Ein ungarischer
Holzmörser samt
Stößel.
Abbildung 5. Ein finnischer Holz- mörser.
nähme des Fremdworts Ijei einigen germanischen Stämmen Veranlassung gab, ist
unbekannt.
Abbildung 3 bringt die Darstellung eines modernen deutschen Holzmörsers aus
einem Bauernhause in Eibiswald, Steiermark.
Er ist sehr sorgfältig gearbeitet und dient zum
Zerstoßen von Gewürzen; er ist nicht groß,
abei' von typischer Gestalt. Wie Holzmörser in
alter Zeit hergestellt wur- den, kann mau heute noch
in Ungarn lernen.^ Die
Höhlung wird mit Glut,
Zündschwamm, heißen Stei- nen , bei großen Mörsern
mittelst glühend gemachter
Kugeln hergestellt uud dann
mit Messern ausgekratzt und
weiterhin geglättet. «Das
Ausbrennen dieser Holz- mörser ist ein überaus
schwieriges Verfahren und
dauert wohl auch an die
3 Monate, weshalb derselbe
zumeist in der Winterzeit verrichtet wird.» Die Abb. 4 stellt einen primitiven Mörser
dar, eine Urform des Geräts, bei der die Gestalt des Baumstücks noch beibehalten ist.
Auch die Form der Keule ist lehrreich. Wir sehen sie sich dort, wo sie mit der Hand angefaßt wird, verjüngen und begreifen nun die starke Verenge- rung in der Mitte der ägyptischen und griechi- schen Keulen, die eben- falls den Zweck bat, ein volles Umfassen, ohne das ein kräftiger Stoß nicht geführt werden kann, zu ermöglichen.
Wegen ihrer Form bringen wir auch die Ab- bildungen einiger hölzer- Die Abb. ;"> zeigt die einfachste zylindrische Urform.* Die
> Ungar, ethnogr. Anzeiger, 11, u. III. J.ihi-gang (I<t07), S. 36 f. — • G. Retzius. Finnland, übexs. von Dr. C. Appel, Berlin ISSö, S, 8-i, Fig. 60. Dieser zylindrische Klotz von Birkenholz, der nur eine geringe Vertiefung hat, dient zum Mahlen von Salz und Tabak.
Abbildungen 6-
Finnisclie llülzuuirsfr. Zum .■^l.ii;;on dient ein Stein oder Holzstöfiel.
ner Mörser aus Finnland.
8
Rudolf Meringer.
Ahbilduni,' '.>. Ein Stamperl.
unter Abb. 6 — 8 vereinigten Typen zeigen eine weitere Entwicklung der Mörser. Das Holz
ist entrindet und wir erkennen zwei Teile, einen oberen, der die Hiihlung in sich hat,
und einen unteren, den kräftigen Fuß, der die nötige Standfestigkeit gewilhrleisten muß.^
Daß die Abb. 3 — 8 Urformen von Mörsern darstellen, ist gewiß. Eine ähnliche
Form wie Abb. 8 werden wir sj^äter bei den Kaschuben wiederfinden,
und zwar in der Verwendung als Graupenmühle (Abb. 18).
Eine älmliche Form findet sich auch — worauf ich im Vor- beigehen aufmerksam machen möchte — bei gewissen Gläsern, die einen dicken Boden haben, gewöhnlich beim Schnapstrinken ver- wendet werden und Staiiipcrl genannt werden, vergl. Abb. 0. Als Grundwort dieses Deminutivums gilt Stampcr-, das als «kelchartiges Trinkglas» erklärt wird. Im DWB. ist auch das Femininum Stampe belegt: <^in Schlesien kleines Trinkglas mit dickem Fuß, der kräf- tiges Aufstampfen verträgt». Mit dieser Erklärung kann ich mich nicht befreunden. Der Brauch mit einem solchen Glase, nachdem man es geleert, heftig auf den Tisch zu schlagen, so daß eine Kerbe entsteht — je tiefer desto besser — , ist allerdings vorhanden und mir speziell aus Südsteiermark berichtet worden, aber der Zusammenhang scheint mir ein ganz anderer zu sein. Das Stamperl iiat alle die Formen eines kleinen Mörsers, und ein altdeutsches *.slanipa muß diese Bedeutung gehabt haben, weil das aus dem Deutschen entlehnte aksl. st(i2)a «Morser» heißt. Dieses *dampa lebt im schlesischen Stawpe «kleines Trinkglas» fort. Auch das Maskulinum stampf hat übrigens gelegentlich den Sinn «Mörser».-' Von dem Femininum stampe ist nun das Verkleinerungs- wort Stamperl abgeleitet, was also ursprünglich «klei- ner Mörser» bedeutete. Erst daraus scheint mir stampcr im Sinne von ^Trinkglas» (und zwar größeren Formats, aber von der Gestalt des stam- perh) abgeleitet zu sein. Der dicke Boden spricht auch für die Priorität des Stamperls, denn nur bei einem kleinen Glas hat er seinen guten Grund — \'erleihung einer gewissen Standfestigkeit. Den Brauch, mit einem solchen Glase zu i stampfen^ , auf den Tisch zu stoßen oder einzuhauen, wird mir verständlich, wenn ich mir ihn als Folge des Na- mens denke, während der Brauch als das prius mir vollkommen unerklärlich erscheint.
Die Stampfe. Heute versteht mau unter Stampfe eine maschinell zu hebende und wieder fallen zu lassende Keule oder die Vereinigung von deren mehreren. Tn dieser Definition liegt
' G. Retziu.s, ebenda S. 81, Fig. 57— .59. Der Mörser links dient zum Salzzerstoßen. Der Stöfsel ist ein ovaler, glatter Kieselstein. In der Mitte ein Kaffeemörser, rechts ein Mörser, der verschiedentlich verwendet wird. — = Unger-KhuU, Steirischer Wortschatz sv. — DWB. X. 2. Sp. 67.5.
' J. G. Krünitz, Encyklopädie, 169. Teil, S. .520.
AI)l)iliUuiK 10. Die lluzulische Slupa.
I)iij Wurkzfiige der pinsere-Rcihe und ihre Xameii.
schon die Erklärung der Entstehung der Stampfen. Kine ganz einfache derartige Vor- richtung ist die stu2xi der Huzulen, vergl. Abb. 10.' Man .sieht, daß eine Keule durch Treten eines Brettchens, von dem eine Schnur ausgeht, die über eine Rolle geleitet und unten an der Keule befestigt ist, gehoben werden kann.
Beim Anblicke dieser huzu- lischen stujia fällt jedermann ge- wiß sofort ein anderes uraltes In- strument ein, das beim Einram- men von Pflöcken heute noch in Verwendung ist. Hier wie dort wird ein Block oder Pflock an einem Seile in die Höhe gezogen und fallen gelassen.
Eine andere Vorrichtung sehen wir bei den Wotjaken, vergl. Abb. 11.* Wie mir J. J. Mikkola mitteilt, heißt der Mörser wotjakisch gjr (finnisch huhnari), der Stößel serekei (finnisch jx'tkek). Die Konstruktion, die an einen Ziehbrunnen etwa der unga-
Abbildung 11. Eine Wotjakische Stampfe.
Abbildung 12. Eine Kohlenstauipfe des l(i. .lalirliuiiclci't.s.
ä^^ca^
Abbildung 13. Stampfe zum Erzpochen. 16. Jahrhundert.
Tischen Tiefebene erinnert, erklärt sich von selbst. Ganz ähnliche Ziehbrunnen waren im alten Agj'pten bekannt und finden sich auch heute noch daselbst.^
Eine ähnliche Maschine aus dem Aargau wird so beschrieben^: «ein großer Balken
• Szuchiewicz, Huculszczyzna, Leniberg 190:2, S. 190.
- Ich verdanke die Zeichnung Herrn Dr. U.V. Sirelius, Dozent an der Universität Helsingfors. Man beachte, daß der beschwerte Kndbalken niclit ferlipgezeichnet ist.
■"" ,1. Ci. Wilkinson, Miiniiers and customs of Ihe ancient Egj-ptians II, S. 4. Nr. 74, 73; Vignette auf S. 1. — K, W. I,ane, Sitten und (Jebräudie der heutigen Ägj'pter. Übersetzt von Zenker. Tafel 44.
' DWB. s.v. Stampfe nadi Hunz.iker.
Wörter und Sachen I. i
10
Rudolf Meringer.
als Stößel hängt an einem zweiten als Feder dienenden, wagrecbt unter dem Dache des Bauernhauses befestigten Balken und wird mit der Hand in Bewegung gesetzt». Hier zieht also die federnde Kraft des horizontalen Balkens die Keule in die Höhe. Ein Bild dieser Maschine steht mir nicht zur Verfügung, doch ist es leicht, sich von ihr eine ungefähre Vorstellung zu machen.
Diese Art Stampfen sind so primitiv, daß wir ihnen ein hohes Alter zutrauen dürfen und bei fortgesetzter Aufmerksamkeit werden sich wohl die Beweise dafür finden.
Eine Fortentwicklung der Stampfe bestand darin, daß man mehrere Keulen neben- einander anordnete und sie durch eine Daumenwclle in Bewegung setzte. Die Welle selbst kann durch ein Rad mitMenscheukraft bewegt werden. Solche Maschinen bestehen noch heute.
Die -weitere Entwicklung wurde durch die Verwendung von AVasserkraft hervorge- rufen. Wann diese zuerst herangezogen wurde, kann man nicht sagen, jedenfalls wird die Zeit der Wasserstampfe nicht viel verschieden sein von der Zeit der Wassermühle.
Abbildung 14. Trockenpoilnveik. 19. Jahibundert.
Abbildung 1."). Naßpochwerk. 19. Jahrhundert.
Das Prinzip der Wasserstampfe ist das bereits angedeutete. Ein Wasserrad dreht eine Welle und diese Welle hat kurze Dornen, «Daumen», welch« eine Anzahl von Keulen, «Stößel», «Stämpfel», «Schießer» heben und niederfallen lassen.
Solche Stampfen haben eine weite Verbreitung erlangt. In ihnen hatte man ein Mittel gefunden, die Wasserkräfte all das verkleinern oder zerschlagen zu lassen, was man bis dahin mit einer Keule oder einem Hammer bearbeiten mußte. Die folgenden Abbildungen zeigen einige Arten der Verwendung solcher Stampfen.
Die Abb. 12' gibt eine Kohlenstampfe wieder. Ein Arbeiter schaufelt Kohlen (A) unter die «Stämpfel» (C). Diese werden von den Daumen der rückwärts befind- lichen Welle gehoben und wieder fallen gelassen. Man beachte die Form der eisernen Köpfe der Stempel. Die Art des Betriebs dieser Maschine (Wasser- oder Menschenkraft) ist auf diesem Bilde nicht ersichtlich gemacht.
Die Abb. 13^ stellt dar, wie das Erz gepocht wird. B sind «die Säuleu» C Quer- hölzer, D die Pochstempel, E ihre Köpfe, F ist die Welle, G sind «die Däumhnge» der Stempel, H «die Däumlinge» der Welle.
Die Abb. 14 und 15 sind modernere Pochwerke.^ Bevor die Erze in den Scnmelz-
' AusG. Agricola, Vom Bergkvverck, verteütscht durch PhilippumBechiunn. Basel 1.Ö57, S. CCCXIII. - Agricola, S. CCXXVI. - ' Buch der Erfindungen 186tj, IV, S. 52.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen.
11
ofen kommen, müssen sie in manchen Fällen mehlartig zerkleinert werden. «Dies ge- schieht in Pochwerken, welche, einer Ol- oder Walkmühle ähnlich (!), ineist durch ein Wasserrad getrieben werden. Eine mit Hebedaumen besetzte Welle hebt die etwa zentnerschweren, mit Eisen beschuhten Stampfen und läßt sie auf eiserne Platten, welche den Boden eines Trogs bilden, der die Erze enthält, niederfallen. Durch Sieben wird das gewonnene Pochnielil von den noch groben Teilen abgesondert, letztere weiter be- arbeitet und schließlich alles zur Hütte geschafft. Dies sind die Trockenpochwerke, so genannt zum Unterschiede von den gleich zu erwähnenden nassen Pochwerken, die zur Aufbereitung armer Erze dienen. In den Fällen nämlich, wo die Erzteilchen rail der Gangart inniger gemischt, oft nur punktweise eingesprengt sind, wird die Handscheidung untunlich, und es tritt an ihre Stelle die nasse oder künstliche Aufbereitung.» Das ist nun das Schlämmen, welches uns hier nicht weiter berührt. Bei Fig. l.ö fallen besonders die Daumen der Welle ins Auge und machen diesen Punkt der Konstruktion klar, wenn die bisher gegebenen Bilder noch jemand im Zweifel gelassen haben sollten.
Abbildung 16 stellt eine primitive Lohstampfe aus Steiermark dar.
Über das Vorkommen des Wortes Stampfe und seiner Verwandten bei den technischen Betrieben ver- gleiche man Krünitz. ' Die Wörter bedeuten nicht immer dasselbe. Was Stümpel, Stantpfel, Stamper , Stampfer, Stampf heißt, wird auch Stampfe genannt. Die Kfautiitampfe ist ein sförmiges Eisen an einem Stiele, mit dem das Viehfutter (ivraut, Kartoffel) stamp- fend zerschnitten wird. Auch die Stümpel oder StöcJce in den Loh-, Walk-, Papier- und Ölmühlen heißen «■Stampfens «In den Mühleu sind es 12 — 14 Fuß lange und 5 oder 6 Zoll breite Hölzer von hartem Holze, unten mit einem eisernen Schuhe beschlagen, fr. pilons de mouliu.» «Auch die Form, worin etwas gestampft wird, heißt zuweilen die Stampfe», also der Mörser oder raörserartige Teil, wovon schon ol)en die Rede war.
Stampfen heißen aber auch die schweren Hämmer in den Papiermühlen, womit das Papier geschlagen wird. Diese Übertragung des Worts Stampfe auf den Hammer wird uns noch später entgegentreten. Auch in den Pnivermühlen wird ein starker hölzerner Hammer Stampfe genannt.
Gewöhnlich heißt der tätige Teil der Maschine Stämprt, Stampfel usw., wie ange- geben. Sie leisten im Zerstampfen, Zerstoßen, Zerschlagen, Zerdrücken besseres als die Hämmer, meint Krünitz*, weil sie schwer sind und mit vollem Gewicht autfalleu. Krüuitz beschreibt die Hand- und Maschinenstampfeu au der in der Anmerkung angegebeneu Stelle, und erläutert ihre speziellen Einrichtungen für die einzelnen besonderen Aufgaben und Betriebe, was ims hier nicht näher interessiert.
Auch die Bcdeiitungsentwicklung dos Wortes Stümpel bis zu dem, was wir heute ge- wöhnlich unter Ste»ipel verstehen, bedarf keines weiteren Wortes, deun sie ist ohne
■ J. (i. Krünitz, Knoyklop;ulie. Iti«. Teil (IS-'^S), S. 384 ff., öH)\X.
-' Kriinitz, a. ;i. O., S. Ti-Ji ff.
AbbilJunp 16. Eine heutige einfache Lohstampfe.
12
Rudolf Meringer.
Aliliililuntr 17. Koreanerin beim Reisstampfeii.
weitres klar ; zuerst werden gewisse Zeichen mittelst eines StämpeJs eingedrückt, dann heißen diese selbst so und schließlich wird ein Papier mit gewissen Zeichen, das erst aufgeklebt wird, so benannt.
Der Stämpel heißt in der Steiermark auch Schießrr. Bei Unger-KhuU' liest
maus. V. : «Balken bei einem Stampfwerke, der durch eine mit Zapfen versehene Walze (Grindel) emporgehoben werden kann». Der Balken, in dem die mörserähnliohen Ver- tiefungen angebracht sind (in welche die Schießer stoßen), heißt bei uns unkrnhloch.- Die Welle wird auch Wahc genannt.
Über die Verwendung der Stampfe zur Erzeugung von Grütze möge man beson- ders Rühlmann einsehen.^ Unter Grütze versteht man mehr oder weniger grob ge- schrotete Körner von Gerste, Hafer, Buch- weizen, Hirse. Man kann die Körner zwar auch in der gewöhnlichen Mühle enthülsen und schroten, bedient sich aber doch auch oft dazu der Stampfe. Rühlmann benennt die einzelnen Teile: Stempel oder Stampfen, an denen die Hebhdten oder Zungen augebracht sind ; Welle ; Daumen. Den Eichen- holzblock, in dessen Höhlung der Stämpel hineinschlägt, nennt er Stampf oder Gruhensfocl;.
Das Ergebnis dieser kurzen Betrachtung wird wohl sein, daß die Stampfe in ihrer einfachsten Gestalt m-aU ist und ich möchte glauben, daß man den Urindogermanen ihre Kenntnis wohl zutrauen darf. Wie anders stünde das Leben vergangener Zeiten vor uns da, wenn das wich- tigste Kulturmaterial des Menschen, das Holz, nicht so vergänglich wäre !
Der Hammer. Ich stelle die sc/(/a(/r')!f?m Werkzeuge zu den stoßenden, trotzdem die Sprache einen Unterschied macht, weil sie gleiches bewirken.
a. Der Handhammer. In Korea wird der Reis mittelst eines Hammers ge- stampft, wie Abb. 17* zeigt. Der Hammer hat eine breite Schlagfläclie. Der Mörser ist breit und niedrig, was schon deshalb so sein muß, weil der Hammer nicht so tief wie ein Stämpel in eine Höhlung hineinschlagen kann. Jedenfalls ist ein besonderer Schlag notwendig, wenn nicht ein Teil der zu stoßenden Körner aus dem pfannenartigen Mörser herausspringen soll.
Abbildung 18. Kaschubisehe Graupenmühle.
' Unfrei-, Steirischer Wurtsebatz, herausgegeben von F. KhuU, S. 5:58.
2 Mitteilung aus Pettau von stud. phil. Fr. Pogatscher. — Wegen block neben block: Noreen, L:iullehre, S. löG. - ' M. Rühlmann, Allgemeine Maschinenlehre, 2. Bd.. S. 208.
' Aus Rud. Zabel, Meine llothzeitsreise durch Korea. Allenburg, Stephan Geibel. HtlHl.
Die Weikzeuge der pinsere-Heihti und ihre Namen.
13
Aliliildini'; 19.
stAnko» und Slöüel. Sleierin.irk.
Eine ähnliche Maschine kommt heute noch bei den Kaschubcn vor, Abb. 18.* Der Hammer ist breit, doppelseitig zu brauchen, der Mörser seicht.
Dieselbe Vorrichtung findet sich aber auch in der Steiermark. Die Al)b. 19^ zeigt einen primitiven Mör- ser und verschiedene Formen des Stößels: Dieeinfache Keule, die Keule mit einer Handhabe, den Hammer Die Objekte wurden in Bucliegg bei Arnfels aufgenommen. Das Stoß- oder Schlagwerkzeug heißt steassl, der Mörser ihilcii. Hirse (Jiirsch), ver- schiedene Getreide, F'enchel, werden mit diesen Apparaten <h/ii(iiiif, ent- hülst und geschrotet. An/ni hat hier eine unursprüngliche Bedeutung wie in änhihJorJi.
b. Der Fußhammer. Der Handhammer wurde chuch einen größeren ersetzt, der mit Zuhilfenahme des Körpergewichts durch Treten in Be- wegung gesetzt wird und den ich deshalb Fußhammer nenne. Sein uralter, bei uus
noch gebräuchricher Name ist AnJcc, dial. (hikchii.
Schon L. Lindet^ hat in den ethnographischen Samm- lungen des Trocadero gesehen, daß man in China, Korea, Indien, Cambodja zum Enthülsen des Reises einen Mörser verwendet, nni mortier creuse dans un tronc d'arbre, dans lequel, actionne par un grand levier. se meut un pilon de bois».
Ganz trefflich wird die Anke durch eine chinesische Dar.stellung illustriert, die ich in Abb. 20 wiedergebe.'' Die dargestellte Anke dient in diesem Falle zum Stampfen des Feldspats bei der Porzeilanbereitung. Andere Anken aus Ciiina und Indien habe ich bei einer früheren Gelegen- heit abgebildet.'' Man bemerke, daß die Maschinen in Gliina und Indien identisch sind. Beide stimmen auch darin überein, daß der stampfende Mann vor sieh einen Holzgalgen bat, an dem er sich anhält, weil er durch das Treten leicht aus der Gleichgewichtsstellung kommen kann. Vergl. auch das Bild aus Japan (Abb. 21), dessen Instrument Ähnlich- keit mit dem huzulischen (Abb. 23) hat.
Man hat die Anke schon bei Hesiod finden wollen: öX|j.ov [isv Tf.'.;rö57)v täpstv. r)n=pov ^k tpi-Tj/uv,
Abliildunf? !20. Stampfen des Keldspals für die Porzellan- fabrikation in t'.liinn.
' Ernst Seefried, In der Kascliuliei. liier lianil und Meer. 1907. Nr. 44, i^. lO'.t? ff. — ' Zeichnung und Mitteilungen von Professor Kr. Kerk. — ' Rev. aroli. XXXV (lS'l'.t\ S, 4il?. — ' Bueh der Ertindunpen, IV [ISm], S. ;2S1. Al.li. 114, — ■■ Indopenn. Forschunjron. XXI (1907), .< äS:l und Taf. 11, Abb. r>.
u
Rudolf Mei'inger.
Ahliiklung- "21. Ostasiatische Anke zum Stliroten. (Aus Reclams Universum XXIV. 1160.)
a|ova S' l^ttotiröSYjV [j.ä),a ';ä[j vü toi af>[j.£vov ootw. si Se V.BV öxta;rö5-irjv, a^ö xal cj'füpäv xs täjAOto. Hesiod 423 — 425. «Creuse uti trou de trois pieds; il sera ton niortier; que le pilon ait trois coud^es;
qu' une plaiiehe de sept pieds servant de levier s'y emboite.» Diese Erklärung \j. Lindets' liat l)ei Andre Baudrillart "^ Zustimmung gefunden. Lindet berief sich auf eine Anke, die er bei (j. A. Böckler ä fand. Ich reproduziere sie liier in Abb. 22, weil Ijindets Wiedergabe nicht gut ist. Nach Lindet und ßaudril- lart wäre öX[j.o? der Mörser, u^tspoc die
Keule, aswv der horizontale Teil des Hammers. Das wäre schon denkbar, aber mir wollen die Maße zu einer Anke nicht stimmen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Hesiod eine Stampfe meint, deren Keule drei Ellen lang und an einem sieben Fuß langen federnden, ho rizontalen Balken (a^wv) aufgehängt war.
Schwierig ist auch die letzte Zeile: Sagt Hesiod, wenn du einen zu langen Balken (von S Fuß) hast, so schneide einen Fuß davon ab, wodurch du auch eine ^ifOf^a, einen Handhammer, einen Schlägel*, erhältst? Also einen Handhammer zum Fußhammer (oder dei- Stampfe)?
Die Abb. 23 stellt eine huzulische Anke, dort notinä stüpa genannt, vor. ^ Die Zeichnung ist nicht befriedigend. Auffallend ist der Galgen, an dem sich der Stampfende ebenso wie in China und Indien festhält. Abbildung 24 vergegenwärtigt eine Anke aus Un- garn «und heißt bei den Wenden des an den Göcsej anreihenden (sie !) Gebietes Stopa*.'' Die Verantwortung Abbildung; 2^2. Mölile des l7./l,s.
' Rev. arch., a. a. 0. — - Daremberg-Safrlio, Dictionnaire, Jahrhunderts. Vom eine Anke.
s. V. moitarium. — ^ G. A. Böckler, Theatrum macbiiiaium no-
vum, Nürnber}; 1703, Taf. 10. — * Das Wort bedeutet auch einen Schmiedehammer, Od. :i, 434, den man sich wohl aus Eisen hergestellt denken muß. 0. Schrader, Sprachvergleichung und Urgeschichte, ^ 11, S. 1(>. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, daß Holzhämmer auch beim Schmieden verwendet werden; ich habe zu meinem Erstaunen in Varei (Bosnien) gesehen, daß die eisernen Brotbackdeckel mit hölzernen Schlägeln geformt wurden. — ^ Szuchiewicz, Huculszczyzna, S. 100, Abb. 104. '■ Ungar, etlinogr. Anzeiger, II. u. III. Jahrgang (U)07), S. 36 f.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen.
15
Abbildung 23. Eine huzuliscbe Anlce.
Abbildung' 'ü- Anke bei den ungarischen Slowenen.
für das Verhältnis der beiden Hebelarme dieser Anke muß ich dem Zeichner überlassen. Ich erlaube mir daran zu zweifeln, daß der kürzere Hebelarm wirklich gar so kurz ist. Diese sfoi)a dient hauptsächlich zum Zerstoßen von Buchweizen, «dem wichtigsten Nahrungsmittel der Wenden», d. h. der Slowenen. Der Mann, welcher die stopa bedient, hält sich an einem Stock an, der in der Haus- wand in entsprechender Höhe befestigt ist. Überall, auch bei den Deutschen, steht die Anke neben einer Wand des Hauses, natür- lich außerhalb desselben, und überall fand ich wie die anderen diesen Stock, der das freie Gerüst der indischen, chinesischen und huzulischen Maschine vertritt. Daß die un- garische Paprikastampfe ebenfalls eine Anke ist, habe ich an einem anderen Orte schon er- wähnt. ^ Im ethnographischen Museum in Budapest dürfte eine solche — die ich vor 2 Jahren zerlegt sah — unterdessen aufgestellt worden sein.
Auch das Museum in Salzburg enthält eine Anke, wie mir Professor R. Hoemes mitgeteilt hat.
Die schematische Zeichnung Abb. 25 bringe ich wegen der genauen Maße. Sie
stellt eine Anke aus Eibiswald (Steiermark) dar. Die Doppelheit der Löcher erklärt sich daraus, daß das eine Mörserloch durch vieles ncincn (wir kommen auf das Wort zurück)
ansgencint. d. h. unbrauchbar ge- macht wurde. Weil die Möglich- keit vorhanden war, wurde ein zweites Loch ge- bohrt. -
Abbildung 26 ist eine Skizze einer Anke aus Schwanberg
(Steiermark). ä Die Keule mit Eiscnbeschlag ist interessant. Sie ist. soweit meine Kenntnis reicht, von untypischer Form.
Abb. 27 ist etwas verzeichnet. Der linke Arm dürfte etwas länger sein, deun_ sonst würde er beim Horunterfallcn gar keine Kraft entwickeln. Dargestellt ist eine Hirse- stampfe vom Kadolbergpaß zwischen Eii>iswald und Mahrenberg. Die Anke steht nicht längs der Hauswand, sondern senkrecht auf diese, was eine kompliziertere Anlage des
' Indogerm. Foi-scliunjien, XXI (1907). S. 2S4. — - MilteiUnijjen des Herrn Lehrers Fr. Einfall in
Eibiswal.l. — ' Mii- l'ioumlliilisl von riofcssor Fr. Krank zur Verfüsunjr sreslellt.
.\l)hilihing 2.5. Sfeiriscbe Anke.
IC.
Rudolf Meringer.
ildung
Steirische Anke.
Stocks zum Allhalten bedingt. Auch die Art, wie der Knopf Cder hier statt einer Keule ersclieint) mittelst eines Eisenbands befestigt ist, ist uiitvpisch.
Die Abbildung 2S liat Dr. V. Geramb aufgenomnieii. Die Anke steht ebenfalls in Eibiswald längs eines Hauses. Das Bild deutet die Fußhal- tung des Stampfenden, wie sie mir demonstriert wurde, an. Bei so kleinen Maschi- nen mag diese Haltung mög- lich sein, bei größeren ist sie nicht gut denkbar und ge- wiß nicht gebräuchlich. Bei der Bäuerin dieses Hauses konstatierte ich mit Sicherheit das Parti- zipium gnoant v<geneint», was also ein Ver- bum neinen voraussetzt.
Zu dem Namen Anhe ist noch folgen- des zu sagen. Gewöhnlich heißt die ganze Maschine so. Gelegentlich aber hört man, daß Anke eigentlich der Mörser sei, und so heißt auch der Holzblock anlnhJoch. Anhe heißt deshalb auch die Hohlform der Knopf- macher^ und Anhe heißt auch «eine dicke eiserne Platte mit verschiedenen halbrunden Vertiefungen, die der Goldschmied zur Anfertigung von hohlen Kugeln braucht (Dresden)».^ Hier liegt eine Übertragung vor. Die ursprüngliche Bedeutung ist «einfache tret- bare Stampfe in Bauernhöfen, wo mau Hirse und Heiden stampft»,^
Die weitere Entwicklung des Fuß- hammers, der Anke, bestand in der Ver- wendung der Wasserkraft. Das Prinzip dieser Maschinen ist dasselbe wie bei den Wasserstampfen. Ein Wasserrad dreht eine Welle und diese erfaßt mittelst eines Daumens den kürzeren Hebelarm der Anke und drückt ihn nieder, wodurch der vordere gehoben wird. Gerät der
Abbildung 27. Sleirische Hirsestampfe.
AbbilduiiK 28.
Kleine steirische Anke zum Scliruteu und Ölpressen.
' Sanders, DWB., S. 35. — ^ K. Mülle r- Krauheim, Wörterbuch der obersächsischen und erzgebirgischeii Mundarten, s. v.
" Unger-KhuU, s. v. Hier wird als weitere Bedeutunfe' angegeben «Stampfe überhaupt (auch für Schießpulverj», womit wohl eine stehende Stampfe gemeint ist. — Bei Schmeller- Fromm ann I, Sp. 111, wird gesagt, daß in der Schweiz anken «pumpen» bedeutet. Dann stammt der Ausdruck vielleicht von slampfenähnlichen Pumpen. Vergl. Böckler, Theatrum mach., Platte 9.5.
Die Werkzeuge der j^insere-Reihe und ihre Namen.
17
Daumen der "Welle bei der weiteren Drehung unter den kürzeren Hebelarm, so schnellt dieser empor, der längere senkt sich und die Keule fällt mit Wucht nach abwärts. Natürlich kann dieselbe Welle — ähnüch wie wir es bei der Stampfe gesehen haben — auch mehrere Hämmer neben- einander in Tätigkeit setzen.
Diese Art Hämmer lieißen Schwanzhämmer. Ist die Maschine so angeordnet, daß die Welle den Hammer vorne bei Kopfe packt, hebt und fallen läßt, so spricht man von einem Stirnhammer.
Die Anke ist also ein mit dem Fuß betriebener Schwanz- hammer. Mit Wasser betrieben werden die schweren Häm- mer, die eine weit größere Gewalt ausüben, als man zu wirt- schaftlichen Zwecken, zum Enthülsen und Schroten, benötigt. Ein Schwanzhammer ist der typische Eisenhammer. Ich habe schon früher einige Bilder von ihm aus älterer und neuerer Zeit gebracht.^
Die Abb. 29 stellt eine Schmiede mit einem wasser- getriebenen Hammer dar, dessen Kopf (D) sichtbar wird.^ Dieser Hammer ist aber kein Schwanzliammer, denn die Daumen der dicken Welle fassen ihn vorne und heben ihn. Auch diese Konstruktion hat ihre Geschichte, denn nach 200 Jahren finde ich wieder einen solchen Seiteuhammer
dargestellt ^ aus dessen Erklärung ersichtlich ist, daß wirklich gelegentlich die Welle
parallel zum Hammer gestellt war und mit ihren weit vorstehen- den Daumen ihn hob (Abb. 30). Ungläubig bin ich bloß gegen die Anzahl von sechs Dau- men bei Agricola. Der Ilammervou de Feiice hat deren bloß vier. L.Beck, Geschichtedes Eisens II-, S. 47i), 481 nennt diese Maschinen - Aufwerriiäuimer». Ich will im Vorbeigehen
darauf aufmerksam macheu, daß die Am- bosse unserer heute
Abbildung 29. Schmiede
mit Eisenhammer.
16. Jahrhundert.
Abbildun!,' 30. Französischer Eisenhammer. IS. Jahrhundert.
• Indogerm. Forschungen. X.\l (l'.tOT). S. -J^ f. — -' .-Vus G. Agricola, Vom Bei^kwerk . leütscht durch Philipinim Becliium. Basel 1557, S. CCCLIl.
'' de Feiice. Kncycloiiedie oü dictiotniaire univei-sel. l'lanchos. Tome V. Yverdon 1777. Forge.s, 4. Section, Tat'el 6, Fig. 38 und Tafel 7, Fig. -V;?. Die Besclireibung findet sich S. 76 f.
Wörter uud Sachen. I. 3
Yorvl.
18
Rudolf Meringer.
Abbildung 31. Steirischer Eisenhammer.
noch bestehenden, volkstüinlicl)en Eisenhämmer genau so sind wie der von Agricohi dargestellte: Der Eiserne Kopf des Hammers sehlägt auf einen eisernen Amboß und dieser steckt in einem Baumstrunk, der von einem dicken eiserneu Reif umklammert
ist.' Beachte, daß die Blasebälge schon mit Wasserkraft — wie heute — betrieben werden. Auch die Esse hat die Gestalt der heutigen.
Einen Schwanzhammer, der in den Papier- mühlen in \'erweudung steht, bildet Krünitz ab — aber sehr schleclit.^ Auch in den Loden- stampfen sind Schwanzhäramer im Betriebe, wie noch sonst oft.
Die Abb. 31 stellt einen Eisenhammer aus Schwanberg (Steiermark) dar^, ebenso Abb. 32. Abb. 33 ist ein technisch vervollkommneter Schwanzhammer.*
Wie wenig Aufmerksamkeit den besproche- nen Sachen bis jetzt gewidmet wurde, möge man daraus ersehen, daß M. Heyne wohl von den Mühlen, aber nichts von Stampfen oder Anken zu be- richten weiß.^ Nur in seinem nachge- lassenen Werke über das altdeut- sche Handwerk'' macht er die Be- merkung, daß das Wort Milhlc für jede Maschinegebraucht wurde und daß man deshalb von Loh- mühleu, Holzmüh- len , Sägemühlen,
Kalkmühlen sprach. Dann fährt er fort: «älter mö- gen die Walkmüh- len sein, die das nach römischer
Abbildung 3ä. Steirischer Eisenhammer.
' Der estnische Held Kalevipoeg spaltet mit dem Schwerte den «schweren Amboß — Nebst dem dichtberingten Klotze, — Der ihn trug, bis in den Boden». Vergl. O. Schrader, Sprachvergleichung und Urge.schi eilte, ' II, S. 27, Anm. 2. — - Krünitz, Encyklopädie, 21. Teil (1780), S. 337, dann Taf. II, Fig. 1215.
^ Mit den Kugeln auf den Säulen hat es folgende Bewandtnis. Sie werden in zienüich rohem Zu- stande frei auf die Ständer gelegt. Durch die Erschütterung der Schläge werden sie immer ein Stückchen gedreht, wodurch sie allmählich ganz kugelig und glatt poliert werden. — '' Buch der Erfindungen (1866), IV. Bd., S. 77, Abb. 30. — ^ Vergl. M. Heyne, Deutsche Hausaltertümer, 2. Bd., S. 257 ff., 1. Bd., S. 43 f.
" Das altdeutsche Handwerk. Aus dem Nachlasse von M. Heyne (1908), S. 45 f.
Die Werkzeuge der jiinsere-Tieihe und ihre Namen.
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Technik angewendete Treten der Stoffe mit den Füßen durch ein vom Wasser getriebenes Stampfwerk ersetzt haben». In der Anmerkung zu dieser Stelle bemerkt er, daß stampf- miil 1343 belegt ist, und daß schon bei Seifr. Helbling im 13. Jahrhundert stampfhart ein grobes gewalktes Tuch bedeute.
Zum Sprachlichen, a. Stampfe.
Mit den beschriebenen Maschinen hängen drei Wortsippen zusammen: Stampfe [stampfen), Anlce und ein Zeitwort, das in schriftdeutscher Gestalt neuen heißen müßte.
Über Stampfe und seine Verwandten ist nicht vjel Neues mehr zu sagen.' Die Wortindividualitäten sind folgende:
Stampf Masc. bedeutet ursprünglich die Keule. Vergl. ahd. siamfe farnuuuanaz pilo tunsum (Steinmeyer, ahd. Glossen I 287, 35). Sonst wird sowohl pllum wie pila durch stampf übersetzt. Vergl. pilo stampf (a. a. 0. I 229, 2), pilo stampf (I 337, 23), pilo stampf siamp (I 338, 19), pilus stamph (I 538, 36), pilo stampf (I 543, 50), pilo stamplio (? II r)34, 33) — in pvla In stamfe (I 542, 45), pila stanph (I 590, 3), pila stamph (I tJOr), \h], pUc stamph (I 683, 23). Eine abschließende Antwort gibt die Glosse (III 300, 3) : pilum vel pila lignum in quo milium et fruraentum exuitur stanphf.
Nach dem DW'B. Ijedeutet der Stampf ein Gerät zum Bereiten des Schweinefutters, was wohl das s-förmige Eisen sein wird, von dem unter Stampf Fem. die Rede ist. Dann bedeutet das Wort «Keule und Mörser» und «Mörser» allein. Vergl. mnd. stamp Älse it in einem stampc gestoten teere (quasi pilo tusum).- Im Dialekt der VII. und XIII. Comuni in den venetiauischen Alpen bedeutet stampf m. «Mörser», mortajo, pila; da- gegen stemfel «Stämpfel», pestello.^ In der Sprache der Technik ist Stampf ein ver- tieftes Werkzeug von Eisen, um Gegenstände aus Blei oder Blech darin zu bilden (DWB.).
Ob das steirische stampf im Sinne von «Getreidemaß (Unger-KhuU), von der Mürser- form, oder — wie das DAVB. meint — davon seinen Namen hat, daß es die Menge des zugleich unter den Stampf gebrachten Getreides angibt, möchte ich nicht entscheiden. [Vergl. «aisl. stampr Kübel (eigentlich ausgehöhlter Baumstumpf?) Torp a. a. 0. 484.]
Stampfe B^'em. Für die ursprünglichste Bedeutung halte ich «Mörser». Zwischen der stampf und die stampf- ist ein ähnliclies \'erhaltnis wie zwischen pilum «Stößel« und 2>ilit ■' Mörser». Ein starker (irund iiu' die Richtigkeit dieser Annahme liegt in dem altsl. stnpa «Mörser», das einem ahd. *stampfa entlehnt ist.
Aber wieder haben Verschiebungen stattgefunden. Auch Stampfe wurde auf die ganze Maschine übertragen, dann auf den <^StämptVl». So heißt ein sformiges Eisen an langem Stiele je nach der Verwendung Kraittstampfe, Erdiipfehiamjyfc. In der vom
' Vergl. DWB., .•^. v.; I'alk-To rp. Etym. Onlbo?. 190«, s. v. Stampe; J. Fr.iiik. EtymoloFiscli Woordenliock, .*. v. Stainpon usw. [Tnip F:ilk, Fick III' kiiniile iili erst bei der Korreklur einsehen.]
-Si'lii IltM-T.üliliiMi, MillolnioiliM-d. Wöllerb., s. v. — ^.I. .A. Soli niiM 1er, ripiilui^i-hesWiiilerbuch, S. 173.
Abbildung :?.■?. Konstruktion eines moderneren Eisenhammers.
20 Rudolf Meringer.
DWB. angezogenen Stelle in Tieck Don Quixote: es ivaren secJis Stampfen einer WaUiuiihle, die mit ihren abwechselnden ScMügen jenes Lärmen hervorlracliten, ist kläi'licli von den Stämpfeln die Rede. Ebenso heißt der Stößel der Aargauer Maschine, die wir schon oben besprochen haben (S. 9 f.), Stampfe.
Stampfen Ztw. Das ahd. stamfün (nur einmal belegt) ist ein Denominativnm von *stamfa, *stampfa und betieutet «etwas in der Stampfe bearbeiten».
Stümpfel, Stempel bedeutet den aktiven Teil der Stampfe und scheint eine jüngere Bildung zu sein, die notwendig war, als der stampf dw\'d\ Übertragungen unklar geworden war. Die Bildung sehließt sich an die zahlreichen auf germ. -ila- an, die J. Grimm zusammengestellt hat \ von denen ich nur auf die verbreitetsten hinweisen möchte: Bleuel, Flegel, Griffel, Hebel, Henkel, Kegel, Kneuel, Knüttel, Kiibd, Löffel, Meißel, Prügel, Riegel, Schlägel, Schlüssel, Schwengel, Wedel, Wirtel (der Spinnerin), Zügel.
Aus dem Althochdeutschen ist uns noch eine merkwürdige Glosse erhalten : Pila sianif est uas concanum aptum ad frumenta tundxnda superius (lutem lignum cum quo tunditur pilum dicitur. i. stamfi strcmphil nbirstemfe. Steinraej'er, Ahd. Glossen I, 802 z. 34 ff. Der Herausgeber bemerkt hierzu, daß stamf und stremphil zum Zeichen, daß sie getilgt sein sollen, unterstrichen sind. Es scheint also, daß keine Sicherheit herrscht. Einmal soll bloß pila mit stamf übersetzt werden, und pilum mit ubirstempfe, das übergeschrieben ist. Ursprünglich war aber pila mit stamf ebenso übersetzt wie pilum und bei letzterem noch hinzugefügt stremphil. Dieses letztere Wort wird wohl identisch mit * stemphil sein, wie strampfen mit stampfen. Woher das r stammt, ist nicht zu sagen.
Stumpf Masc. und stumpf Adj. stehen im Ablaute zu den bis jetzt genannten Wörtern. Da nach meiner Meinung an so einfachen Sachen am ehesten die älteste Bedeutung der Wurzel haftet, muß ich annehmen, daß man die germanische Bedeutung aus dem Substautivum Stumpf erschheßen muß. Stumpf, ags. stump, holl. stomp, hat die Grundbedeutung «Klotz» gehabt und i.st die suffixbetonte Nebenform zu stampf, mit dem es möglicherweise einmal im selben Deklinationsparadigma vereint war (idg. *stömbo-, stmbe-). Das Verbum stampfen muß also einstens bedeutet haben «mit einem Klotz arbeiten», und die weitverbreitete Bedeutung schwer auftreten» kann daraus her- stammen, daß das Treten des Fußes das Heben eines Klotzes (oder eines Hammers), kurz ein Stampfen bewirkte, oder aber ein schwerer Gang ist bildlich mit dem Nieder- fallen eines Klotzes (oder Hammers) verglichen worden. *
Eine alte Nebenform *stmhh steckt in Stummel, (ver) stammeln (mhd. stumbel «Stumpf», stümheln).
Auffallend ist, wie mächtig die germanischen Wörter zu Slawen und Romanen vor- gedrungen sind. Gewiß war es die Sache, die Nachahmung fand, die Stampfmühle, die darnach wohl von Deutschland aus sich weiter verbreitet haben muß. Wieder sehen wir, wie bei der Geschichte des Pflugs, die Germanen als Lehrmeister der anderen Völker.
Die slawische Sippe findet man bei Miklosich. ^ Aksl. stapa «Mörser» ist erwähnt. Nsl. stöpa «Stampfe», Plural stope «Stampfmühle, Pochmühle», stöpati «stampfen». Tschech. stoupa «Stampfe, Stampftrog, Stämpfel» kroat. sfupa «hölzerner Mörser» «Stampfe» '*,
' J. Grimm, Deutsche Grammatik, III, S. 470. — ■ Indogerm. Forschungen, XXI (1907), S. 286 f.
' Fr. Miklijsich, Etymol. Wöiterb., S. 334, s. v. stompa. — ■* V. St. Karadsc hitsch s.v., gibt auch an «eine Maschine zum Hanf brechen». Wie sieht sie aus? Man sieht aus solchen Fällen, wie wertlos ein Wörterbuch ohne Bilder ist.
Die Werkzeuge der pinsere-Re'ihe und ihre Namen. 21
stupati «stampfen»; poln. st^pa «Stampfe», stqpor, stepor "StämpfeU, rassisch stupa «Mörser», «eine Erdstampfe», «ein Klotz», «ein plumpes Frauenzimmer».
Ital. sfampare, span. port. cstanipar, franz. cstamper, «stempeln, prägen, abdrucken». Ital. stompa «Prägung, Buchdruck , franz. etampc «Stahlstempel», es<am/)e «Kupferstich, ytahlstich».
Die auswärtigen Verwandten. Im ai. findet sich stambä «Pfosten, an den ein Elefant gebunden wird», a pillar; stamhaghand «ein Werkzeug zum Hauen des Grases». Daneben eine Wurzel mit aspiriertem Auslaut stamhJia «Pfosten, Pfeiler, Säule--, stahhuiti, stahhnoti «befestigen, festhalten» (U\'.).
Diesem Nebeneinander von ai. sfamh und stamhh solieint der von Stumpf und Stummel (mhd. stumM) genau zu entsprechen.
Den e-Ablaut finden wir in aTS[j.ßHV «mit den Füßen stampfen, mißhandeln, schmähen», wozu wohl auch lat. temno (==* tembnn) gehört.^
Aus dem lit. gehören hieher stambas (Nesselmann) «Strunk, dicker Stengel von Kohl» u. a., stamhras «Stengel, Halm», stamhns «grob, grobkörnig- (vom Mehl, Brot, Tuch). Man sagt auch tal stamhtis tmogns «das ist ein grober Mensch-, stimherys «Schwanzstummel, -stumpf».
Zu *stemb{li) gibt es auch eine un nasalierte Wurzel *st('h{fi), *sfab(h). Vergl. gr. atoßico, oToßäCtö «schelten, schimpfen». Neben lit. stemhti, iszstemhi>s «strunkig. holzig- finden wir stebctis «staunen», stab/jli «aufhalten». Dem ai. stamh/ia entspricht Ht. stabas tGötzen- bild»^ got. stafs usw.' Zu dem apreuß. mahmastabis, das «Mühlstein» bedeuten soll, will ich, meine früheren Worte ergänzend*, noch sagen, daß es auch «Mühlenstößel» bedeuten könnte, denn es wäre sehr denkbar, daß die Preußen Mörser und Keule ver- wendeten. Jedenfalls glaube ich noch immer nicht, daß sfabis «Stein» heißt. Die nasalierte Wurzel in gr. aatsjKpvji; «unerschütterlich, fest, grausam?, '3ts[j.so).ov «ausgepreßte Oliven, Steinbeeren». Die unnasalierte Wurzel wieder in der Sippe von stapfen (gerra. *stabn-, stapn-), engl. step. [Torp-Falk, Fick HI', S. 4^2.1
Unsere Ausführungen haben ergeben, daß stc(in)b(h) den Shm « Klotz ». «mit einem Klotz hantieren» u. ä. bedeutete. Neben dieser Wurzel bestand noch ein *stap. vergl. Staffel, Stufe, aksl. sfqpiti, stapad, bei dem nur eine Bedeutung «treten, gehen? nach- weisbar ist.
Ein ganz merkwürdiges Nachtgespenst ist mhd. diu Stempel Sie macht ihrem Namen (germ. '''■ stanipjö «Stämpferin») Ehre, denn sie tritt im Schlafe die. welche ihr Essen nicht säuberlich verzehrt haben, hat also eine weitschichtige X'erwandtschaft in den Geistern, welche sich dem Schlafenden auf die Brust legen (Alp, Trud. Mahr, Schratt).
Zur Frage, ob bei der Bedeutungsverschiedenheit von < schwer auftreten» und mit einem Stößel stoßen» schon irgendeine, wenn auch einfache Maschine mitwirkt oder nicht, vergleiche qStc, das auch einen Tanz bedeutet, was ja eine ganz begreifliche Metapher wäre. Die Ähnlichkeit des Klangs eines taktmäßig «stranipfenden^ Tanzes
' A. Walde, Lat. elymol. Wörter!)., s. v. — » liidoperm. Forschungen, XVUI (1905). S. ä79.
» Uhlenbeck, Et. Wörterb. .1. ai. Sprache, S. MX [Torp-Falk, Fick IIP, S. 483.]
* Iiuloserm. Forsoliungcn, XVIII (lilofi). S. 276.
'•> Grimm. Deutsche Mythologie. .*!. -255 f. Haupts Alldeutsche Rlrdler, I, UK>. v. d. Ha^en. G^
sammtabou teuer. 111. :>;!.
22 Rudolf Meringer.
mit dem Klange von stoßenden Keulen ist allerdings groß. Aber ein gewöhnlicher schwerer Gang ist einem Stampfen doch nicht so ähnlich. Allerding.s kann man anderer- seits wieder geltend machen, daß solche Übertreibungen in den sprachlichen Metaphern keineswegs unerhört sind. Sicher ist nur, daß in *ste(m)h(Ji) der Sinn Klotz» ent- halten war.
b. Anke.
Über die Etymologie dieses Wortes könnte man sich verschiedene Gedanken machen. Man könnte an Entlehnung au.s lat. ancus «gekrümmt» denken. Belegt ist beiFestus: AncKS appellatur, qui aduncum bracchium habet, et exporrigi non potest.' Das Wort scheint dem ital. aticino zugrunde zu liegen.- Aber gegen ein Lehnwort spricht vor allem das feminine Geschlecht von Anke, ganz abgesehen davon, daß wir von einer römischen Anke dieses Namens nichts wissen und daß die Anke kein Haken ist. Auch scheint das Wort ancHS schon frühzeitig geschwunden zu sein.
Dann könnte Anke urverwandt mit ancus sein, was bei der Annahme einer -nd- Ableitung lautlich möglich wäre. Aber wieder erhebt die Sache Einspruch, denn die Anhc ist kein Ilaken, ist nicht gekrümmt (ai. ahids 'gebogen>).
Und so bleibt denn bloß die Möglichkeit der Identifikation mit ahd. ancJia Fem. «Genick«, mhd. anlcc «Fußgelenk, Genick«^, ahd. eiichil, anchal, nhd. E»M «^Fußknöchel». Dieses gehört zu ai. ailj (RV.) «sich drehen s üüga <Ghed».* [Torp-Falk a. a. 0., S. 11.]
Wenn ich sage, die beiden Wörter sind identisch, so meine ich aber keineswegs, daß das Wort, welches «Genick» oder «Fußgelenk» bezeichnet, auf die Maschine über- tragen wurde, sondern ich glaube, daß die Anke so bezeichnet wurde, als das Wort noch «Glied», «Gelenk» bedeutete. Die Übertragung lag nah genug, denn die Anke bewegt sich wie ein Glied im Gelenke.
c. Neuen; die Neue; nennen. Das was man mit der Anke macht, wird neuen genannt. Es entspricht mhd. mmverv'; aus dem ahd. ist die Glosse farnnimanaz innsum schon erwähnt und nimvil retundit noch nachzutragen. Weder Graff noch Zarncke sind dem Worte gerecht ge- worden, sondern erst das DWß. und Lexer. Ich gebe nur wenige Belege. ht dem (Bauer) miiost du lünwen dehsen, sicingoi. hliuwen und darzuo die riioben graben Helmb. 1359 das geschah hi einem stampfe, dd lue innr hne. Do hiez ich niuwen sie. ÜWH. 334. In der nuU neuef man. — Die miiller neuen: die gersfrn, dm hirs neuicen Hans Sachs. Im bairisch-österreichischen Dialekt ist das Wort noch weit verbreitet.'' Steirisch nain, tirol. nujen, nojen, kärtn. noin, näun, bair. noicn, nnien.
* Festus, ed. Tljewrewk de Ponor, S. l."i.
=> Körting, Lat. Rom. Wiirterb., s. v. ancus. — Walde, Lat. Et. Wörterb., s. v.
•' Weigand, D. Wörterb., 5. Aufl., ed. H. Hirt, s.v. — Falk-Torp, Norw. dän. et. Wörterbuch, deutsch von H. Davidsen, s. v. Ankel. — •* Uhlenbeck, Et. Wörterb. der ai. Spraclie, s. v.
•^ Graff, Ahd. Sprachschatz IV, 1125. — Zarncke im Mhd. Wörterb. 11,1, S. 418. — Le.xer, Mhd. Wörterb., s. v. — D. Wörterb., s. v. [Torp-Falk, Fick III*, S. 298.]
'^ Vergl. das D. Wörterb. — Schmeller-Frommann, I, 1711, Schmeller, Cimbrisclies Wörlerb., 149. — Schöpf, Tir. Id , 470. — Lexer, Kämt. Wörterb., 196. — Überfelder, Kämt. Idiot., l'.io. — Unger-Khull, Steirischer Wortschatz. 47fi.
Diu Werkzeuge der pitisere-Ueihe und ihre Namen.
23
Abbildung 34.
Das Verbum war ein starkes, ist aber schwach f^ewoiden. Es ist der Rest einer sehr merkwürdigen lang(hi)hthongischen Wurzel, die .1. Schmidt eingehend behandelt hat*, zu der got. bnaiian, ahd. nmn, aisl. gni<a «kratze-, aschwed. gnugga «schaben, reiben» gehört. Im aschwed. finden wir das schwache Präteritum gnöpe.- Ich habe dann ai. nnm, lat. navis zu dieser Wurzel gestellt.^
Im Dialekt hat sich schon seit .Jalu-huuderten eine um ein n erweiterte Form ein- gestellt, vergl. gnaund (neben geneut) Lexer, Mhd. WB. a.a.O., kämt, gnorter brein. Überfelder a. a. 0. und das oben zitierte gnonnt^ Man sagte mir auch, daß in Eibiswald die Anke Nein genannt wird, was ahd. ^niinva, mhd. *ninwe, (nhd. *ncue) zur Voraussetzung hätte und eine begreifliche Bildung wäre, aus der das Verbum * nennen entstanden sein könnte. Ich habe aber das W^ort nicht selbst gehört und es kann nicht weit verbreitet sein, wenn es existiert, denn das Instrument heißt Anl;e und das, was man damit tut, wird nain genannt.
Ich habe der W. *naK, nn die Urbedeutung «schaben», «kratzen» zugesprochen. Hier finden wir sie in der Bedeutung «stoßen». Es muß eine schon uralte Übertragung vorliegen. *W(7h *na paßt bloß auf das Ur- instrument der »woZere-Reihe, auf das Schaben und Kratzen eines mit der Hand über einen anderen 'größeren' Stein hin- und herbe- wegten kleineren Steins. Der schabt und kratzt wirklich zuerst die Hülsen der unter- gelegten Körner weg und zerschabt, zerkratzt sie dann selbst. Man sieht hier den Aus- druck einer höheren Kulturerscheinung auf eine niedrigere übertragen, was aber oft vor- kommt. Vergl. die «Rauchstube», die wirklich keine Stube ist, sondern ihr bloß an- geähnlicht wurde.
Die Mab 1 vo r ri c h t u nge n des Plans von St. Gallen.
])er Plan von St. Gallen zeigt an seiner Südseite drei kleine Gebäude (vergl. Abb. 34). Alle drei sind zweiteilig und enthalten in den ^'orräumen cubUja fawulonini. Lagerstätten für Knechte. Das erste Häuschen ist der locus ad torrcinhis (ninonas, dient also zum Dörren (Rösten) der Feldfrüchte. Dazu ist er mit einem großen Ofen aus- gestattet und mit einem horizontalen Flechtwerk, worauf das zu trocknende Getreide zu liegen kommt. Es ist auch iiKiglich, daß mehrere derartige Flechlwerksgitter über- einander angebracht waren.' Am meisten Ähnlichkeit hat dieser Ort mit den heute noch bestehenden «Badstuben» d. h. Stuben, in denen einst Dampfbäder gebraucht wurden, die aber heute nur mehr als Flachsbrechelstuben verwendet oder bewohnt werden. Dasselbe Schicksal hat die norwegische badsdic durchgemacht. Es bedeutet jetzt ein Haus, in dem Korn durch Feuer getrocknet wird, während früher aucli Dampf- bäder darinnen bereitet wurden."
Stephani sieht in dem Häuschen eine «Malzdarre»", wogegen aber die Inschrift
' Kuhns Zts. für vertrlciclioiulo Sprachf., 21), 10. — ' A. Noreen. Laullelire. S. iO. 35.
' liulogermaniscbe F.uschuiipon, XYII (I91H), S. Itilff. — * Verfasser, Das deulsdic Haus, S. St.
'^ Falk-Torp, Xorw.-ilän. elymnl. Wfirtorb. Doutsch von Davidson, s. v. BadMiie.
6 K. G. Stephani, Der ähesto deutsche Wohuhau. II. S.Ol.
Die Mahlvorrichtungen des Plans von St. Gallen. .Nach Henne am Hhvn, Deutsche Kulturgeschichte.)
u
Rudolf Meringer.
allein schon genügend deutlich spricht. Richtiger hat schon Keller von einer «Frucht- darre» gesprochen.^
Das zweite Häuschen enthält die jnlae; «Stampfmörser» übersetzt Keller. Stephani (a. a. 0., K. 62) sieht hierin eine «Stampfmühle mit ihren Stößern (piktc)^. Beides ist nicht richtig, püa wird zwar ahd. mit stamph übersetzt, aber um eine «Stampfe» in unserem Sinne kann es sich hier nicht handeln. Ich habe schon früher bewiesen-, daß die Zeichnung nur auf einen Fußhammer, eine Anke, wie ich jetzt sage, paßt, und zwar auf eine wassergetriebene, worauf die Welle hindeutet, die am Ende der Hämmer er- scheint. Ich gebe in Abbildung 35 eine Rekonstruktion dieser St. Gallener Wasseranken. Möglicherweise kommt aber jemand noch auf eine andere Erklärung: Man könnte in
Anken >
Plans
der Zeichnung auch bloß zwei Hämmer und zwei Mörser sehen wollen, also eine \ov- richtung, die sich heute noch findet und oben aus Arnfels (Steiermark) abgebildet ist (Abb. 19). Ich halte aber diese Deutung für unmöglich, denn für einen Handhammer sind die gezeichneten Hämmer um ein Vielfaches zu groß, ganz abgesehen davon, daß der Zeichner sie wohl mit dem Kopfe zu den Mörsern, wenn das eben Mörser wären, geneigt hätte und nicht mit dem Stielende!
Das letzte Häuschen enthält die molac, nach Stefani die Handmühle mit den Mahlsteinen». Auch das ist unrichtig. Für Handinühlen sind die Steine zu groß und sonderbar wäre es, wenn ein Musterkloster Handmühlen gehabt hätte. Die den Römern
' F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen, S. 31. ^ Indogermanische Forschungen, XXI (1907), S. 28.5.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen. 25
schon bekannten Wassermühlen' können wir mit Bestimmtheit einem «Großbetrieb», wie ihn unser Kloster in vielfacher lliusicht darstellt, zutrauen.
Zu allen anderen Argumenten für den Wasserbelrieb der Anken und der Mühlen spricht noch die Lage am Rande der Klosteranlage, wo der Zeichner einen Flußlauf annahm.
Wenn wir die drei Häuschen nebeneinander betrachten, so sehen wir die Vor- richtungen für das Rösten (oder Dörren), das Stampfen und das Mahlen vor uns, die drei Stadien der Behandlung der Getreidekörner bei ihrer Umwandlung in Mehl. Die Stampfe steht hier so neben der Mühle wie die Wörter in der Verbindung siamfon undc malcn^ comminuere fruges. Auch heute noch findet man (z. B. in Eibiswald) an Mühlen Anken angebracht ! So zeigt auch die Abb. 22 eine alte Mühle und daneben eine Anke.
Wie hat der Zeichner des Plans in seiner Sprache die pilae genannt? Wenn er ein Deutscher war — wie ich glaube — , kann er stampf gesagt haljen (wie die ungarischen Slowenen ihre Anke stupa nennen, was natürlich aus dem Deutschen entlehnt ist; oben Abb. 24), er kann aber auch *ankha, vielleicht sogar *nhma gesagt haben.
Daß es im 9. Jahrhundert in St. Gallen noch nötig war, einen locus ad tonendas atmonas zu haben, mag damit zusammenhängen, daß das Klima damals noch feuchter war als heutzutage, wohl deshalb, weil die Wälder noch einen weitaus größeren Raum einnahmen. Heute muß man schon erheblich weiter nördlich gehen, um ähnliche Ein- richtungen zum Darren des Getreides zu linden. Aus dem 17. Jahrhundert wird uns noch bezeugt, daß die Litauer das Getreide durch Ofenwärme dörrten' und Nessel- mann* erklärt jäuja als 1) eine Scheune mit einem Ofen, worin das noch am Stroh befindliche Getreide getrocknet wird, so im zemaitischen und 2) eine Brachstube, in welcher Flachs getrocknet und gebrochen wird. Die Südiitauer benützen noch heute die Badstube pirfis als Darrhaus für das Getreide.
Ein eigenes Häuschen zu diesem Zwecke finden wir bei den Letten^, worüber Bielenstein S. 81tt'., DStt". zu vergleichen ist. Dieses Haus heißt lija, Biege (a.a.O. S. 105). Gewiß ist, daß die Riege nur wegen des Klimas sich im Norden erhalten hat (a. a. 0. S. 97), aber die Möglichkeit, daß sie einst auch im Süden notwendig war, ist nicht abzuleugnen. Diese Riege wurde bei den Letten vielfiich bewohnt. «In der kalten Winterzeit hauste Mann und Weib, Groß und Klein in der Hitzriege in der Nähe des mächtigen Ofens, gleichviel ob noch Getreide in der oberen Hälfte der Riege gedörrt wurde oder nicht .
Auch die Finnen kennen die Darre, ria'': «In einer Ecke, zur Seite der Eingangs- tür, steht ein Ofen . . . J)ie Darre soll zum Trocknen des Getreides dienen. Aller finni- scher Roggen wird auf diese Art getrocknet; man ist dadurch in Finnland unabhängig von den Regenschauern der Erntezeit . . . Aber es ist auch erforderlich, daß es in Gegenden, wo die Darre gebraucht wird, Brennholz in Überfluß gibt?.
' Yitruv, X, 5. — Davembcrft-Saplio, Dk-tionnaire, s. v. mola.— M. Heyne, D H A. H. S. ifil — M. Heyne, Das alldeulsclie Handwerk, S. 7."). — 0. Schrader, Reallexikon, s.v. mahlen, S. 511. — Blümner, Technologie, I, S. 45.
- Graff, VI. 6S4. — ■' .A. Uiclenstcin. Die Holzhaiiten und Holzgeräte der Letten. I, S. !09.
■* G. H. F. Nessel man 11 . Wöitorbuch der Liltauischcn Sprache, IS.M, s. \. jaiija.
'' Vorf,'l. meine Anzeige dos Bioloiisteiirschen Werks in den Mitteil, der AnUimpol. Ges. Wien, XXXVUI (1908), !271f. - « G. Retzius, Kinnlaiid. Dcut.sch von A|>pel. S. 95.
Wörter und Siidicn. I. *
26 Rudolf Merlnget*.
Die »HoZere-Gleiobung erstreckt sich, wie bekannt und schon erwähnt, nicht auf das ganze indogermanische Gebiet (got. ahd. malan; ahd. muljan «zermalmen» ; got. malma «Sand»; ahd. niclo «Mehl»; got. gamahvjan «zerstoßen»; gr. jj-oXt], [löXo? «Mühle»; alb. miel «Mehl»; armen, malcm «zerstoße» usw. Sieh Walde s. v. molo). Die Grundbe- deutung ist zweifellos «zerreiben». Dies geschah durch zwei Steine. Der Name dieser ältesten Maschine liegt in got. qairnus, lit. y'irna (ßrnos, altsl. zriAiy, air. hvö, armen. erkan, ai. grdvan- «Preßsteiu des Somas» vor', geht also über die Grenzen Europas hinaus. Ein Zerreiben zwischen Steinen wird ja überall nachzuweisen sein. Die älteste Art dieses Zerreibens besteht darin, daß ein Stein auf einem andern hin- und hergeschoben wird. Auf der nächsthöheren Kulturstufe lernte man einen Stein auf einem anderen konzentrisch zu drehen — es entstand die erste «Mühle» in unserem Sinne.
Auffallend ist, daß das Wort für die Urmühle (got. qairnus usw.) nicht mit dem Verbum molerc zusammenhängt. Vielleicht kommt das daher, daß die Wurzel (j^^erä garnicht «malen», sondern zuerst nur «zermalmen, Früchte mit einem Stein aufschlagen, um den eßbaren Kern herauszunehmen» bedeutete und dann auf das Mahlen übertragen wurde. Jedenfalls möchte ich mich den Gelehrten anschließen, die in *(ßera den Sinn «zermalmen, zerschlagen» — ich füge hinzu: «uzw. mit einem Steine — suchen.'^ Der Begriff «Stein» muß meiner Meinung in' der Urbedeutung enthalten gewesen sein.
Weiter verbreitet als die molere-GleichMug ist die pinserc-GXGichwng (ai. pinästi, «zerstampft», piitum «Mehl», altsl. pbchati «stoßen», pbkno «Mehl», Tribow «stampfe, schrote», ahd. fcsa «Hülse des Getreides, Spreu», nhd. Fese, mnd. viscl «Mörser» usw. Sieh Walde, s. v. pinso). Die Urbedeutung dieser Wurzel ist, wie man richtig gesehen hat, «zerstampfen mittelst Keule und Mörser». Aus der weiteren Verbreitung der pinsere-G\%\Qh\xng und aus der leichteren Herstellung der Werkzeuge kann man wohl — mit 0. Schrader — schließen, daß wir hier eine primitivere Kulturstufe der Bear- beitung der Halmfrüchte vor uns haben als bei der j;?o/ere Gleichung.
Die Instrumente der pinsere-ReWie sind aus Holz. Ein ganz seltener Fall ist die von Schliemann in Troja ausgegrabene Steinschale mit dem zugehörigen Steinstößel.* Schon der Umstand, daß das Material der Werkzeuge der^/«sp/T-Reihe das Holz ist, macht es plausibel, daß das Stoßen älter ist als das Mahlen. Wir haben übrigens ein Zeugnis dafür noch in historischeu Zeiten gefunden.
Die Instrumente der pinsere-^eihe, Keule und Mörser, sind wohl auf der ganzen Erde verbreitet. Aber nicht ebenso scheint es. sich mit der J«/,p und ihrem Geschlecht zu verhalten. Wenn wir diese in geographischem Zusammenhange vom Osten Asiens bis nach Europa finden, so wird wohl der kulturelle, prähistorische Zusammenhang wahrscheinlicher sein als die Annahme vielfacher besonderer Erfindung.
Im großen und ganzen ist uns die Entwicklung klar geworden. Wir haben zwei Urwerkzeuge, von denen auszugehen ist. Das eine ist die Keule, aus der sich die Stampfen entwickelten. Das andere ist der Hammer, aus dem sich die großen Maschinen entwickelten, die noch immer seinen Namen führen. Die Keule wurde zur Stampfe, als sie durch Rolle und Strick gehoben wurde, der Hammer zur Anke, als man lernte, ihn mit dem Fuß in Bewegung zu setzen. Für das hohe Alter der Anke spricht ihre
' 0. Sehrader, R. L., S. 512. — Uhlcii betk, Et. Wörlerb. d. ai. Sprache, s. v. grdcä.
' A. Walde, s. v. glärca. — Th. v. Grienlieit;cr, Untersucliunfreii zur got. Wortkunde, s. v. gakrölOn.
' Daremberg-Saglio, Dictionnaire, s. v. mortariuni, Abb. 5150.
Die Werkzeuge der pinsere-Reihe und ihre Namen. 27
weite Verbreitung. In China und Indien, sowie in Ungarn, Polen, Steiermark, Kärnten, Krain, Salzburg und in Italien' findet sie sich, und wird sich noch in weiterem Umfange nachweisen lassen. Auch das Wort Anke ist ein isoliertes, uraltes.
Die Germanen haben von der pinscreSippe nur spärliche Reste erhalten. Aber gerade sie scheinen die Stampfe und die Anlcc weiter entwickelt zu haben und von ihnen haben andere Völker zugleich mit der verbesserten Sache das Wort Stampfe über- nommen. Die uralten Worter Stampfe, Anke, neuen schließen den Gedanken, daß die Germanen die entsprechenden primitiven Werkzeuge noch nicht gehabt hätten, aus. Nur in der Verwendung der Wasserkraft waren sie Schüler der Römer.
Gegen das urindogermanische Alter der Stampfe und der Anke spricht aber vor allem, daß wir für sie keine Wortgleichungen von größerer Verbreitung finden. Aber das wäre noch kein durchschlagender Grund. Es kommt darauf an, wie hoch wir uns die Kultur der Urindogermanen inbezug auf Ackerbau und Bearbeitung des Metalls (ai. ayas, lat. acs, got. atz) vorstellen, kurz ob sie im Besitze einer Kultur waren, die ohne diese einfachen Maschinen denkbar war. Und von diesem Standpunkt aus möchte ich es allerdings für wahrscheinlicher halten, daß sie solche Maschinen besaßen, als daß sie mit Keule und Hammer das Auslangen gefunden haben. Man denke daran, daß sie nicht nur den Schlitten, sondern auch den primitiven Wagen gekannt haben und wohl auch einen Hakenpflug. Für gewöhnlich wird den Indogermanen nur der Wagen zuge- schrieben. Ist es aber denkbar, daß ein Volk, das diesen kennt, sonst gar keine Maschine hat? Ich halte eine solche Annahme für sehr unwahrscheinlich.
Übrigens scheint es mir ziemlich gleichgiltig zu sein, ob die besprochenen Ma- schinen in ihrer einfachsten Gestalt schon «urindogermauisch> sind oder nicht. Sie sind, namentlich in ihrer Entwicklung betrachtet, wichtig genug, und an ihrem hohen Alter ist mir ein Zweifel undenkbar. Ich glaube, wir müssen es aufgeben, als einziges Ziel der indogermanischen Altertumskunde die Rekonstruktion der gemeinsamen urindogerma- nischen Kultur anzusehen.^ Vielleicht kommen wir aber auch diesem Ziele näher, wenn wir nicht immer direkt darauf hinsteuern. Ich habe schon bei anderer Gelegenheit ge- sagt, daß ich den Pessimismus inbezug auf die indogermanische Altertumskunde nicht zu teilen vermag, obwohl ich die Schwierigkeiten der Erschließung der urindogermani- schen Kultur nicht unterschätze. Was bei dieser Rekonstruktion uns vor größereu Fehlern bewahren wird, das ist die große kulturelle Stabilität, die man bei primitiven Zuständen wahrnehmen kann. Das Urvolk mag eine stattliche Reihe von Jahrhunderten in ganz gleichen oder doch kaum verschiedenen Verhältnissen gelebt haben. Wem aber trotz dieser Erwägung die Ausmalung des Bildes der uriudogermanischen Kultur zu problematisch erscheint, der kann die Einzelfrage studieren und sie vom Ende in der Gegenwart bis zum vermutlichen Ausgangspunkte in der Urzeit zurück verfolgen. Eine indogermanische Altertumskunde, welche die Einzelfragen, gruppenweise geordnet, nach diesem Gesichtspunkte behandelte und dabei ganz darauf verzichtete, ein zusammen- hängendes Bild der Urzeit zu zeichnen, wäre methodisch unanfechtbar und unanfecht- bar auch in ihren Ergebnissen, wenn sie es unterließe, alle die letzten Zustände, zu
' Ihr Name ist frantojo (MiUeilung von A. Ive).
' So denkt auch 0. Schraaer und hat das in trelTenilen Worten pe^agt : vergl. Reallexikon, S. XX XVI und Sprachw. und Urgeschichte' I, S. 2;2'.t. — Weiter P. Kretschmer, Einleitung, S. 75, der auch eine entsprechende Äufierung E. Meyers zitiert.
4»
28 ' W. Meyer-Lübke.
denen sie bei den verschiedenen Detailfragen gelangle, als gleichzeitige hinzustellen. Schon im Interesse der gleichmäßigen Durcharbeitung des Stoffs wäre es gelegen, daß solche Detailuntersuchungen in größerer Zahl unternommen würden und in diesem Sinne habe ich einmal gesagt, jeder Artikel von 0. Schraders Reallexikou ist eine Aufforde- rung, die Sache besser zu machen.
Die Instrumente der ^j/Hso-e-Reihe haben vielfach andere Verwendung gefunden, wie wir schon gesehen haben. Sie spielen eine ungeheure Rolle in der Kultur der indo- germanischen Völker. Mit ihnen wurden nicht nur die Feldfrüchte bearbeitet und die Steine gepocht, sonrlern auch Öl gepreßt, das Tuch gewalkt und verfilzt und das Eisen dem Menschen dienstbar gemacht. Von Urzeiten bis in unsere Tage herein haben sie dem Menschen unendliche Dienste geleistet und es ist eine bezeichnende Einzelheit, daß vor kaum mehr als einem Menschenalter Krupp in Essen noch einen großen Eisen- hammer aus dem Geschlechte der Anken besaß.
Mir kam es hier nur darauf an, das große und wichtige Hauptstück aus der Ge- schichte der indogermanischen Kultur: Uralte Maschinen zu beginnen und einige Grundlinien zu ziehen.
Romanisch BAST-.
Von W. Meyer-Lübke.
Auf Gebieten wie dem Romanischen, wo die Gegenden, aus denen der Wortvorrat geflossen ist, bekannt sind, kann es als letzte Aufgabe der etymologischen Forschung bezeichnet werden, jedes Wort bis auf seine Quelle zu verfolgen. Aber häufig genug sind die Quellen, namentlich wenn sie in gallischem oder germanischem Gebiete liegen, derartig verschüttet, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist, bis zu ihnen zu gelangen, man muß sich vielmehr begnügen, den Flußlauf wenigstens so. lange zu verfolgen, daß man das Quellgebiet angeben kann. Das heißt also zur Wortgeschichte kommt als er- gänzend, unter Umständen erweiternd, die AVortgeographie hinzu, auf beide zusammen kann die prähistorische Forschung aufbauen, bald mit Erfolg, bald auch ohne. Für die kulturgeschichtlichen Fragen, die sich an die Wortgeschichte knüpfen, ist es in sehr vielen Fällen genügend, die Richtung der Entwicklung anzugeben, bleibt es sich ziem- lich gleichgültig , ob die genaue Grundlage , ob , um im Bilde zu bleiben , die Quelle selber gefunden ist, um so mehr als es oft ein bloßer Zufall ist, ob man diese Quelle noch trifft. Ein lehrreiches Beispiel gibt uns die Wortsippe, die im folgenden besprochen werden soll.
Es sind im ganzen sieben begrifflich von einander mehr oder weniger scharf ge- trennte Gruppen, die den Stamm hast- enthalten.
1. frz. hdtir, it. hastire, span., portg. basf/r «Heftnähte machen».
2. frz. hätir, prov. hastir «bauen».
3. it. hasfarc, prov., span., portg. basfor «genügen».
4. it. husto, frz. bat, prov. basf. span. basfo «Saumsattel .
5. it. bastardo, frz. bätard, prov. bastarf, span., portg. bastardo « Bastard >^
Romanisch BAST-. 29
6. it. basfoiic, frz. haton, prov. hastön, spau. haston, portg. hastäo «Stock».
7. it. basfagio, prov. bastai, kat. basfax «Lastträger».
Wie man sieht, hat das Rumänische keinen Anteil, baston «Stock» ist eine junge Entlehnung aus dem ItaHenischen.
Diez hat als Ausgangspunkt für sämtliche Wörter griecli. ßa'jtäCsiv «stützen», ßäatal «Lastträger» angesetzt, also ein basf-, an welchen Stamm auch das spät- lateinische bastcrna «Sänfte» gemahne, und er scheint darin noch heute zumeist Bei- fall zu finden, wenigstens ist in dem besten und neuesten französischen etymologischen Wörterbuche, im Dictionnaire g(^'neral von Darmestetep, Hatzfeld, Thomas nur für bätir «heften« eine abweichende Deutung gegeben. Daß auch bätir «bauen» anders erklärt werden müsse, habe ich in meiner Rektoratsrede «Die Ziele der romanischen Sprach- wissenschaft» S. 33 (1906) ausgesprochen; die nähere Erklärung sollen die folgenden Seiten bringen.
Zunächst ist ßaataJisiv für bätir abzulehnen. Ganz abgesehen von der morpho- logischen Schwierigkeit, von *bastassarc oder *bastadiare, wie ßa-JiiCs'.v im Lateinischen lauten würde, zu bätir zu gelangen, paßt auch, wie wir unten sehen werden, die Geo- graphie und paßt die Bedeutung ganz und gar nicht. Einmal ist « bauen > nicht «stützen« vind dann bedeutet das griechische Wort gar nicht «stützen», wie Diez übersetzt, sondern «aufheben, wegtragen, berühren», entsprechend ngriech. ßa^-äCw «porter, empörter, ti-ansporter, supporter, souffrir», ßa-Jicö «tenir, soutenir, porter, durer, patienter». Auch 1 bastire, 3 bastarc, 5 bastardo liegen begritl'lich zu weit ab, nur bast- erna und 4 basto, 1 bastagio zeigen Bedeutungen, die so stark an ßa-JtiCi'-v anklingen, daß man von vornherein schon geneigt ist, an Zusammenhang zu denken und, wenn Geographie und Geschichte es erlauben, versuchen darf, einen Zusammenhang zu kon- struieren.
1. bätir «Heftnähte machen» ist im Französischen zwar erst im X\'L Jahrhundert in dem Wörterbuch von Oudin belegt, aber natürlich älter. Daß Belege aus früherer Zeit fehlen, ist aus dem Charakter unserer altfranzösischen Literatur ohne weiteres er- klärlich. Dem Provenzalischen scheint es zu fehlen, in Norditalien ist basti dagegen z. B. in Val Sesia, im Trentino, in Pavia, hastir in Engadiu zu treffen, während die übliche italienische Form imbaslirc ist. Im Spanischen und Portugiesischen findet sich das Verbum in dieser Bedeutung nicht, wohl aber span., portg. bastidor «Stickrahmen», Span. «Fensterrahmen, Blendrahmen eines Gemäldes», span., portg. «Kulisse», dazu portg. bastido «im Rahmen gestickt, gesteppt» und «wattiert», letzteres vielleicht nur eine Ungenauigkeit der Wörterbücher, die in solchen Dingen es ja häufig genug nicht allzu streng nehmen, vielleicht aber eine Verschiebung, die sich bei wattierten Steppdecken leicht erklärt. Auch ein \'erbuni kennt das Portugiesische: bastir «die Hutforni machen, den Hut formen, filzen», geht wohl zurück auf bastir »Heftnähte macheu-. Alle diese Verba passen formell und begrirt'lich so genau zu einem germ. *t>astjaii. ahd. bcstan «sarcire», schwäb. tirstn «zusammennähen», daß man an einen Zusammenhang zu zweifeln keinen triftigen Grund hat, besonders wenn man bedenkt, daß auch frz. broder prov. tiroidar aspau., portg. broslar «sticken» auf einem germ. *bro::da». it. brustare auf langob. brustdii beruhen.
Auch das Altspanische kennt bastir, aber in der allgemeinen Bedeutung »herrichten, einrichten». Wir haben also hier ein Beispiel für die Erscheinung, daß Verbn unbe-
30 W. Meyer- Liibke.
stimmten, dehnbaren Begriffes, von einer ganz bestimmten Manipulation ausgehen, die Umkehrung dessen, was nhd. «gerben», gleichbedeutend ital. acconciarc u. a. zeigen, vgl. con vucstro conseio hastir quicro dos a)xhas Cid 85 «ich will zwei Truhen herrichten»; basfir e adobar heißt es im Alexander 1439, dann hadir cäsanücntos «Heiraten schließen», basfir 1a traycion Berceo Sacrif. 71 «Verrat schmieden», d conseio de salud rn cielo fu bastido Berceo Loores 19 «der heilbringende Plan wurde im Himmel entworfen»; los qtie lo bastecieron ya eran rcpcntidos S. Dom. 104, «die, die das angestiftet hatten, bereuten es schon» usw.
Mau kann zu dieser Verwendung leicht von der des afrz. batir gelangen. Es muß aber doch darauf hingewiesen werden, daß prov. basti auch «Sessel flechten» be- deutet, und das steht dem ursprünglichen Sinn von bastjan, der ja eigentlich «mit Bast arbeiten» ist, sehr nah. Freilich wird man nicht annehmen wollen, daß Technik und Bezeichnung des «Sesselflechtens» den Galloromanen von den Goten übermittelt worden sei, wohl aber darf man vielleicht aus dem Provenzalischen. und Spanischen ein westgot. bastjan «flechten» erschließen. Wie nprov. basti «uicher, en parlant de certains oiseaux» zu fassen sei, läßt sich nicht mit Genauigkeit sagen, solange man nicht erfährt, wer diese «certains oiseaux» sind. Daß es in diesen Zusammenhang gehört, nicht zu 2 bätir, ist ziemlich sicher.
Auf dem ganzen Gebiete findet sich endlich ein Wort it. basta , florent. auch bastia, afrz. bastc, nprov. basto, span., portg. basta «Heftnaht, Einschlag, Saum», davon span., portg. bastear, vielleicht auch aprov. bastar, nach dem bastare zu schließen, das Du Gange in einer Urkunde aus Arles nachweist. Postverbale Bildung von rom. bastirc wäre denkbar. Allerdings zeigen gerade die Inchoativ-Verba keine Neigung zu Postverbalien (Rom. Gramm. II § 398), allein man muß im Auge behalten, daß die germanischen Verba ursprünglich nicht zur Inchoativklasse gehören. In der Tat haben wir, auch wenn man frz. het auf germ. Jtatis zurückführen, nicht als romanische Bildung von ha-ir betrachten will, z. B. choix von choisir, afr. hon von honir. Daß baste ein Femininum ist, braucht nicht zu überraschen, da namentlich postverbale Sach- und Werkzeugnamen mit Vorliebe weibliche Form annehmen. Begrifflich deckt sich mit rom. basta allerdings ahd., mhd. bast «Saum», aber formell ist eine Verknüpfung der zwei Wörter nicht möglich, da die germanischen Maskulina und Neutra im Roma- nischen MaskuHna sind, ein rom. basta, also ein germ. «basta» voraussetzen würde, dem germ. bast ein rom. basto entsprechen müßte. Übrigens wäre auch ein germ. bastä nicht unmöglich, vgl. got. Uta «Verstellung» neben litjan «sich verstellen», *nasä (ahd. nasa) und nasjan, ags. satid neben sendian, ahd. wanta «Wendung» neben *ivanfjan tcenten usw. Oder es könnte dieses germ. bastä ein ursprünglich kollektives Neutrum Pluralis sein, das zum Femininum Singularis geworden ist, sich aber nicht gehalten hat, man vergleiche die große Liste solcher Doppelformen bei Zimmer, Die Nominal-Suffixe a und ä in den germanischen Sprachen, S. 212.
2. Frz. bätir, prov., kat. bastir «bauen», daraus entlehnt aital. bastirc, agaliz. baster. Den anderen romanischen Sprachen fehlt das Wort, nur Norditalien scheint eine indirekte Spur zu besitzen, wovon sofort. It. bastia ist, wie man längst weiß, aus afrz. bastie entlehnt, zeigt dann allerdings in hastionc einen selbständigen Trieb, der eine starke Ausdehnungsfähigkeit besitzt; auch bastita «Bollwerk» wird eine Tos- kanisieruug des prov. bustida sein; aspan. bastida «Belagerungsmaschine, die aus
Romanisch BAST-. 31
einem hölzernen Turme auf Rädern und einem Sturmdache bestand», ist wiederum prov. Insiirla «ein Belagerungswerk-, endlich it. Instimcnfo stammt aus frz. büfi- ment, prov. hastimm. Bei Wörtern, die nur in Frankreich, namentlich in Nord- frankreieh vorkommen, ist germanischer Ursprung von vornherein wahrscheinlicher als griechischer. Nun stammt eine ganze Reihe von auf den Hausbau bezüglichen Ausdrücken im Französisclien aus dem Fränkischen, vor allem maron (Meringer, Idg. Forsch. XVII, 149)', dann hourdcr « berappen >, ^aus Brocken aufführen c, Itour- dage «Spritzwurf, rauhes Feldstein-Mauerwerk», hourdis «Lattenwerk». Ich habe an- genommen, daß der maron der ist, der den Lehm -knetet für Lehmhäuser und ge- flochtene Hütten, wogegen der murafor der ist, der die römischen Steinhäuser baut». Mit dieser Annahme sind auch die anderen eben angeführten Worte ohne weiteres ver- einbar, nur zeigt hourdage heute eine übrigens leicht verständliche Verschiebung zum Steinhaus. Trefflich paßt nun häfir in diesen Zusammenhang. Es bedeutet «mit Bast arbeiten, verbinden, flechten», ist also ein weiterer Zeuge für das geflochtene Haus, fügt sich auch in die bisher für hastir ermittelten Bedeutungen ein.
Auch Norditalien dürfte das Wort besessen haben, und zwar auch zur Bezeichnung des Baues von Holz- oder Riegelbauten. In Pavia und Piacenza nämlich benennt hasta jenen Balkenverschlag, in welchen der Hufschmied die zu beschlagenden Pferde stellt, wofür man sonst travaglio von trabs (wohl zu unterscheiden von ttavaglio «Arbeit», frz. irarail, das ganz anderer Herkunft ist) sagt, in Pavia auch einen Stall, in dem Schweine gemästet werden, was sonst arla, lat. handa heißt. Daß hastare «genügen» und Jxistire «nähen» hier nicht zugrunde liegen können, ist klar, auch eine morphologisch nicht wahrscheinliche Rückbildung von bastia oder bastone ist begrifflich unannehmbar. Wenn aber hustirc vom Verbinden der einzelnen Pfähle durch Fachwerk gesagt worden ist, dann kann basta, dessen formales Verhältnis zu hastirr schon dar- gelegt ist, das Geflecht, in weiterer Übertragung auch ein Gerippe aus Balken, eben einen solchen Verschlag bezeichnen, der noch keine Wände hat.
Endlich sei der Vollständigkeit wegen hier noch zweier Bedeutungen von bastirc gedacht, die einzureihen nicht recht gelingen will. Prov. basli heißt auch «lancer avec force, plaquer, frapper» und dazu stimmt astur, basti , das Rato y Hevia Vocabulario de las palabres y frases bables mit «derribar, cchar al suelo» übersetzt. Die geographi- schen Mittelglieder zwischen Asturien und Südfrankreich werden sich vielleicht noch finden lassen, die begrifflichen, die von basfjati zu «schmeißen s- führen, sind schwer zu erschließen, besonders, da es sich wohl ursprünglich um einen scherzhaften Ausdruck handelt. Ziemlich nahe liegt der Gedanke an die Verwechslung zweier Techniken. Wie Imirdcr zunächst Hürden errichten, also doch wohl flechten bedeutet, dann aber «das Bewerfen der Fachwerke mit Mörtel», so könnt« hastir auch dazu kommen, das «bewerfen, berappen» zu bezeichnen, wonach dann die weitere Entwicklung dieselbe wäre wie bei nhd. «schmeißen» gegenüber got. gasinitan «schmieren, streichen?. Nur
• Nur daß das Wort wcslgot. sei, kann ich Meringer, der offenbar durch sein Vorkommen bei Isidor EU einer solchen Annahme vcileitet wurde, nicht zugeben. Isidor hat seine Gelehrsamkeit .-»us so vielerlei Quellen geschflpft, daß, wo wir diese Quellen nicht kennen, er für Lokalisierungen nicht verwendbar isL Er kennt ja auch mcdus. was natürlich nicht, wie Georges tut, mediis. sondern meilus zu schreiben ist, got. aber midtu lauten würde und das auch gerade in Nordfrankreich als mic: weiterlebt. Zudem würde ein got. mai^ja bei Isidor niacin macianis tleklicrl sein, wie die zahlreichen gotischen -i7a-Xamen im Mittelalter in Sivanien ■ilanis llokticreii und honte cnisprechende Formen zeigen, vergl. z. B. porig. JtfdSo aus Biquila.
32 W. Meyer -Lübke.
fehlt uns leider vorläufig ein Anhaltspunkt für die Existenz der vermittelnden Ver- wendung von hasftr.
Im Mailäudisehen wird hasti von Pflanzen gebraucht, die gedeihen, von Fleisch und Früchten, die sich lauge halten, vergl. Cherubini: basfi «parlandosi di carne, frutta o simili, vale conservarsi, mantenersi, durar lungamente» und <far piede; dicesi delle piante quando iugrossano». Letzteres kann von hantirc «flechten, sich verbinden», aus- gehen und ein «sich befestigen» ausdrücken, wobei an Spaliere, Weinlauben u. dgl. zu denken wäre; für ersteres weiß ich keine Erklärung. —
3. Bastare «genügen» ist süd- und westromanisch: it. hafifare. prov., span., portg. httstar. Nordfraukreich kennt das Wort nicht. Wohl trifft mau iu dem von Mayer Lambert und Louis Brandin herausgegebenen hebräisch-französischen Glossar aus dem XIIL Jahrhundert mehrfach ahäta, abäte «genug» und das Verstummen des s vor t scheint auf ein echt französisches Wort zu weisen. Aber aul^erhalb des Jüdisch-Fran- zösischen findet sich keine Spur davon und es liegt auf der Hand, ist historisch ja auch ohne weiteres verständlich, daß bei den Juden ein Wort aus dem Süden (Provence oder Iberische Halbinsel) sehr leicht nach Nordfrankreich verschleppt und da dem übrigen Lautbestaud angeglichen werden konnte, das der eingeborenen Bevölkerung völlig fremd blieb. In der Tat zeigt das betreffende Glossar noch eine ganze Keihe anderer Worte, die wir sonst auch nur aus dem Süden kennen, so arcy «Widder», das mit seinem ci statt oi die fremde Herkunft deutlicher an der Stirne trägt.
Die ausgedehnteste Verwendung zeigt hastar im Spanischen. Hier ist es nämlich nicht nur subjektiv wie in den anderen Sprachen, sondern auch objektiv: mit dem Er- forderlichen versorgen, etwas leisten, li gaJarchin qiie los homhres nnn hasfaii, serd re- mioicrado por Dios «der Lohn, den die Menschen nicht leisten, wird von Gott gegeben» zitiert Cuervo, Dicc. de Construccion y Regimen I, 856 b und die Akademie gibt als Be- deutung auch an «dar 6 suministrar lo que necesita«. Dazu nun ein Adjektivum span. basfo «mit Lebensmitteln versehen», das die Akademie mit einer, wie Cuervo hervor- hebt, nicht ganz verläßlichen Stelle belegt, das aber durch ein einer spanischen Chronik entnommenes mlat. Iiastus bei Du Gänge iu dieser Bedeutung gesichert ist, portg. basto «reichlich, dicht , cabclhs la.stos «dichtes Haar, gedrängt, dick», dann mit weiterer Be- deutungsverschiebung span. «grob, wollig von Schafen, plump, tölpisch, grob». Daraus bask. hnsfo «coraun, de qualite iuferieure, hnst-orratz Sattlernadel [orrats Nadel), Fisch- flosse, Bienenstachel». Daß bastar und basto zusammengehören, hat Diez gewiß mit Recht angenommen, die Frage ist nur, ob das Verbum oder das Adjektivum älter sei. Geht letzteres voran, so muß man, da es Südfrankreich und Italien fehlt, annehmen, daß sich bastar von der Iberischen Halljinsel aus verbreitet habe, und zwar sehr früh, da es in den andern Gegenden schon iu den ältesten Sprachdenkmälern be- begnet. Ein Beweis für diese Annahme ist nicht mehr zu erbringen , aber da das AVort nicht lateinisch ist, so muß es an irgend einer Stelle eingedrungen und rasch weiter gewandert sein. Dabei wird vermutlich die 3. Singular den Ausgangspunkt gebildet haben, die, wie wir eben gesehen haben, ja auch im Jüdisch -Französischen ihr Gebiet überschritten hat, die später von Italien aus als bastf ins Mittelfranzösische, als basta ins Deutsche gedrungen ist. Diez stellt basto zu ßaaiäCstv, ohne sich über die Bedcutungs- entwicklung zu äußern, Cuervo sagt «el seutido de suficiente no sc deja enlazar facilmente con ninguno de estos dos grupos» (nämlich Jiastir «bauen» und basto
Romanisch BASt-. 33
«Saumsattel») und man wird ilim darin voll Recht geben und jeden Zusammenhang in Abrede stellen dürfen. Wohl aber kann man, immer unter der Voraussetzung, daß Spanien Ausgangspunkt ist, Ixi^to zu hastir «herrichten^ in Beziehung bringen. Schon im Cid liest man
68 de todo conducho hien los ovo basfidos «mit allen Vorräten hatte er sie wohl versehen», oder im Alexander
3[a)id(j labrar Antioco navcs de fucrtc inanera
Bastirlas de poderes, de armas, de civera «ausrüsten mit Geld, Waffen, Getreide». Darin liegt -deutlich der Weg zu einer neuen Entwicklung vorgezeichnet. Basfir, hasfrcer «einen mit etwas versehen», zieht has^fo «versehen, ausgerüstet, vollgepfropft» nach sich, dazu tritt ein neues Verbura haMar «versorgen, genügen», objektiv und noch gewöhnlicher subjektiv. Keine weitere Schwierigkeiten machen die ueuprovenzalischeu Bedeutungen von abasfä «erreichen, mit Mühe erlangen» imd umgekehrt «reichlich vorhanden sein». Auch wenn man in der Guyeune von einem Flug Vögel sagt s'abasta «er setzt sich nieder> heißt das eigent- hch «er hat genug».
4. *ha.'^fi(iii «Saumsattel». Das Wort findet sich außer in Portugal überall: frz. ki^ prov. bast, it., span. hisfa, ist auch in den Romanen benachbarte Gegenden gedrungen, basf «Pack-, Sauiusattel, ein dachförmiger, hölzerner Sattel für Wagenlasten, im Gegensatz zum Reitsattel» erklärt das Schweizerische Idiotikon IV 1778 und gibt als Verbreitung Wallis, Bern, Freiburg, Uri, Obwaldeu, Scluvyz, Zug, also die Gegenden, die von starkem Verkehr mit Italien den Saumtierverkehr kennen, dann lothringisch, ferner bre- tonisch bas aus afrz. basf; bask. basto, basta «Saumsattel, Pferdegeschirr» und zwar ist nach de Azkue die alte Bedeutung «Saumsattel» in NiederXavarra, also bei den fran- zösischen Basken, die neue weitere hauptsächlich in Biskaya und Ober-Xavarra zu Hause, ohne daß das Spanische nach Ausweis der mir zur Verfügung stehenden Quellen da- für verantwortlich gemacht werden könnte. Im Valencianischen bezeichnet basf das Sattelkissen, «Kissen an der unteren Seite des Reitsattels und des Saurasattels, um das Reittier zu schonen» nach Escrig y Martinez, während Labernia kat. basf mit basto. basfe, basta übersetzt und als eine Art kurzen Saumsattel, dessen untere Seite mit Wolle ausgestopft ist, erklärt. Man begegnet hier also auch der Form basta. die dem Bas* kischen zugrunde liegt. Sie wird kaum mit dem gleich zu besprechenden it. bnsta zusammenhängen , sondern neu gebildet sein. Als aragouesisch wird nämlich hoste angegeben, das wohl aus kat. bast entlehnt ist. Vom Plural basfcs ist im Aragouesi- schen ein Singular basfa möglich, da hier -ns zu -rs wird, der Singular zu roscs also rosa lautet. Die falsche Form erklärt sich im Munde Fremder um so leichter, als baste.'^, soweit es «Sattelkisseu» bezeichnet, im Plural (genauer Dual) viel häufiger ist als im Singular. Auffällig stimmt dazu «Kissen, das dem Zugvieh zum Schutze der Haut auf den Rücken gelegt wird, samt dem es festhaltenden oder daran befestigten Riemen- zeug», Schwyz, Zug (Schweiz. Idiot, a. a. O.).
Für «Saumsattel» hatten die Römer das griech. aa.-j\iy. übernommen, nicht allzu früh nach den Beiegon, die bei Vegctius und Servius zu Virgil lioginnen. Das Wort findet sich auf dem gesamten romanischen Gebiete außer Rumänien, aber nur in der Bedeutung «Last, Lasttier» und anderen, davon abgeleiteten, einer Bedeutung, die ^ifu.» auch hat, ja doch wohl zunächst hatte, da es zu oittto gehörig ja eigentlich «Be-
Wurtri und Sftolun. I. *
34 W. Meyer- Lübke.
packuDg» bedeutet. Man "wird kaum fehlgehen mit der Annahme, daß die römische Volkssprache die beiden Verwendungen von sagma kannte und daß uns nur zufällig die eine in der Literatur niclit überliefert ist. Die andere, die überlieferte, hat in Italien, Gallien und im Osten der Iberischen Halbinsel *hastu übernommen, während sie in span. jalma «Art Saurasattelzeug für Maultiere» geblieben ist, nur daß der Anlaut,/ statt s, wie in vielen anderen Fällen, arabischen Einfluß zeigt.
Wollte man von der katalanisch-valencianischen Bedeutung ausgehen, so läge ein Zusammenhang mit dem unter hastare besprocheneu Adjektivum hasfo nahe und der Vergleich mit oaYjta zu aätTw scheint das noch näherzulegen. Allein bei näherem Zusehen geht es doch nicht. Auf der einen Seite steht ein deverbales Substantivum von der allgemeinen Bedeutung «Bepackung», auf der anderen ein Adjektivum «dicht, gestopft», das ohne jede formale Änderung eine ganz andere Bedeutung bekommen soll. Außerdem aber gehört das Adjektivum nur der Iberischen Halbinsel an, und zwar dem Zentrum und Westen, wogegen bastum «Saumsattel» gerade im Westen der Iberischen Halbinsel fehlt, im Zentrum nicht eigentlich bodenständig ist. So bleibt die alte Zu- sammenstellung mit ßaatdCstv, hasfoiia übrig, die begrifflich ja paßt, die formell aber noch der genaueren Begründung bedarf
Neben hasto findet sich in italienischen Mundarten auch basfa. Boerio stellt in seinem venezianischen Wörterbuche hasfa sogar voran, erklärt es übrigens als «specie di sella con piccolo arcione dinanzi, della quäle si servono i poveri uomini per cavalcare sui muli o sugli asini», dazu hasfa oder basthi da fachini «cercine, ravvolto a foggia di cerchio usato da' facchini per salvar il capo dalL' offesa de' pesi» ; ebenso gebraucht das Bolognesische baMa neben //«.sf, sagt aber schon bast da fachini. Man wird in diesem letztern Worte nicht an «Bast» denken wollen, da die Reifen, um die es sich handelt, zumeist aus Lumpen oder Stroh bestehen, man wird vielmehr auch hier wie im Valencianischeu und Schwyzerischen die Hervorhebung der Polsterung sehen.
Auch das Provenzalische kennt basta. Es bezeichnet zunächst den «großen Korb, den man am Packsattel befestigt», dann ein Gefäß zum Weintransport und nun ähnlich wie «Saum»' im Deutschen ein «Flüssigkeitsmaß». Weitere Übertragungen wie «Waschkorb», «zweiräderiger Karren» (zunächst «Korbkarren») brauchen hier nicht weiter begründet zu werden ; «Plache um die Karre zuzudecken» wird erst vom Verbum embasta «packen» gebildet sein, vergl. portg. enxalmo S. 37. Darf man danach von basta ausgehen, so ist die Vermittlung mit ßa'jtdCeiv auf zweierlei Art möglich. Wie SixT) StxdCw, 3ö^a So^äCw, im späteren Griechisch Xtjia )a[j.dCio, aräXa ataXäCw neben- eiuanderstehen (Verf. zu Simon Portius 191, Chatzidakis, Einleitung in die neugriech. Gramm. 94 f.), so ist auch ein ßä^Ta zu ßaatäCw möglich, ja wenn man spYov ipYäCo[j,ai zusammenhält, auch ein ßäatov. Die Bedeutung wäre «Trage». Man kann dagegen nur das eine Bedenken geltend machen, daß im Griechischen bis jetzt keine Spur einer solchen Bildung nachgewiesen ist, auch nicht, wie es scheint, in der späteren oder der heutigen Sprache. Vielleicht ist dieses Bedenken nicht allzu schwer, wenn man erwägt, daß 'fävtaY|J.a, das ich für prov. fa)ifau))ia, frz. fautdme vermutet habe (Rom. Gramm. I, 274), von Kretschmer in lesb. <päda[j.a nachgewiesen worden ist (Neugr.
' Ein hübsches Spiel der Laune! Deutsches «Saum am Kleide» und «Saum», Flüssi^'keitsmaß, lauten beide prov. basta. Und doch hängen weder die beiden «Saum» noch die beiden basta untereinander irgendwie zusammen.
Romanisch BAST-. 35
Dialektstud. I, 461). Will man sich aber au das Überlieferte halten, so bietet sich hastaga «Frohulast». Die lautlichen Verhältnisse wären dieselben wie bei it. como aus qitoinodo, bei afrz. viaidrc aus vcrtraijus. Die Umgestaltung von *bas(a zu * bastum ent- spricht der von medulla zu * meduUnm (it. midollo, prov. mezul, gask. medut, span. meoUo, portg. miolo) und zahlreichen anderen (Rom. Gramm. II, § 387), d. h. hasia ist kollektiv- plurahsch «Last, Packung», namentlich wohl auch dualisch «die links und rechts auf- gepackten Säcke», *hastum singularisch «der einzelne Packsattel». Der Übergang von Ladung, Packung zu Packsattel liegt auch in sa(jma vor. Welche von den beiden Mög- liclikeiten vorzuziehen sei, ist vorläufig nicht zu sagen, aber für griechischen Ursprung, d. h. also für Zusammenhang mit ßaaiäCo) spricht vor allem, daß auch das mit *hasta -um aufs engste zusammenhängende scujma griechisch ist. Gegen eine Ableitung von hastire dagegen , der ja morphologisch kein Bedenken begegnet, spricht die Geographie. Wir haben gesehen, daß hdsfire Frankreich, Spanien, Norditalien angehört, hasfo dagegen Frankreich und ganz Italien. Man müßte also eine Wanderung von Norden nach Süden annehmen, die wiederum sachlich unwahrscheinlich ist. Vollends eine Entlehnung direkt aus dem Germanischen ist ausgeschlossen, da ja «Maultier» wie «Saum» für die Germanen römischen Ursprungs sind.
Zu diesem hastnm oder hasta fügt sich begritflich hasterna. nicht zu bastiim cStock>, denn daß die bastema auf zwei amites getragen wird, unterscheidet sie nicht von der Icdica, aber die Anwendung des Suffixes -cnia ist hier ebenso dunkel wie in den meisten anderen Fällen. Auch das wissen wir nicht, wie sich die bastema zur leetica verhält. Das Wort (mit der speziellen Form der Sache?) ist bald wieder ver- schwunden, denn während it. Icüiga, span. Icrhiga das lat. leetica in volkstümlicher Form fortsetzen, ist hastmia nicht erbwörtlich romanisch, vielmehr sind span., portg. bastema deutliche Buchwürter.
In diesen Zusammenhang scheint noch ein anderes Wort zu gehören. Aret. hästrega bezeichnet das um den Leib des Saumtiers gebundene Seil, das die Last fest- hält; dazu kommen zwei Verba: imbattrigare «festbinden», sbastrigare «losbinden». Caix, der in seinen Studi di etimol. it. e romanza 158, diese Formen anführt, erwähnt noch altperug. bastrece «ein Teil des Saumsattels», weiter südHch versagen es die Wörter- bücher der Abruzzen, weiter nördlich bringt Pieri aus der Versilia bästrica «corda o fune per vari usi» ([»er legare alla grcppia il cavallo, per le reti del fieno ecc). Caix denkt an ßä^ta^ mit dem üblichen Übergang von Nomen actoris zum Nomen instrumenta Aber ein Seil ist kein Träger, die bastraga auch kein «Tragseih^ Den Weg zur Deu- tung scheint mir das Verbum iiubasfrigarc zu weisen. Wäre die Grundbedeutung von bastriga «Seil», so wäre wohl eine Bildung mit a-, nicht aber eine mit in- versländlich. Liegt aber bastaga «Last» zugrunde, so verhält sich * imbustagare «packen» dazu wie span. enjalmar zu saJma. In Anlehnung an die zahlreichen ->ro>-e -Verba ist dann *hnbastigare an Stelle von *imbastagare getreten, dazu nun shastigare «abladen» und da bei der Packung der Saumtiere die erste bezw. letzte und damit wichtigste Arbeit das Abseilen bezw. Festseilen ist, konnten die beiden Verben sich darauf beziehen. Dann aber ergab sich ein Substantiv *bastiga «Seil» ohne Schwierigkeit. Der Zutritt _des r nach st ist etwas im Komanischen so Häufiges, daß man ihn unbedenklich annehmen darf, auch wenn man ihn vor der Hand nicht so erklären kann, wie dies Baist für eine Reihe der bekannten frauzösicheu Fälle getan hat (Zeitschr. d. rom. Phil. XXIV. 4 5 ff.). — o'
36 W. Meyer-T;iil)ke.
5. Tt. hasfardo, frz. latard, prov., kat. hasfart, spaii., portg. hastardo Dazu noch afr. ßls de hast, entstellt zu fils de bas und daraus raittelengl. basie «ungesetz- liche Ehe». Daß bastard in der südlichen sForra weiter gewandert ist, ist bekannt. Namentlich die Ausdrucksweise fih de bast hat den Gedanken nahegelegt, daß es sich um eine Ableitung von ■*ias/«)« handle. ,, Auf welche Anschauung sich aber dieser Aus- druck «Kind des Saumsattels» bezieht, ist nicht so leicht ins Klare zu bringen", sagt Diez in der ersten Auflage. Später hat er Mahns Erklärung als «ansprechend» dazu- gesetzt. ,,Das deutsche «Baukert» kommt bekanntlich von Bank und heißt eigentlich der auf der Bank, im Gegensatz zum Bett, erzeugte. Der romanische Ausdruck «Kind des Saumsattels» ging dagegen im Süden, in der Provence oder Spanien, aus den Sitten der Maultiertreiber hervor, die sich in den Wirtshäusern ihre Betten von Saum- sätteln machten und dort mit den Mägden Verkehr hatten. Ein Beispiel dieses Verkehrs findet sich im Don Quijote I. 16."
Obschon diese Ausführungen ziemlich allgemein Beifall gefunden haben und in Frankreich vom Dictionnaire general, in Deutschland von Kluge verbreitet werden, sind sie doch vollständig unhaltbar. Zunächst ist zu bemerken, daß es sich keineswegs um eine in Südfrankreich und Spanien allgemein verbreitete Sitte, sondern lediglich um eine Erzählung aus dem Don Quijote handelt, die ja vielleicht einer gelegentlichen Übung entspricht. An dieser Stelle ist nun aber gar nicht das Wort basto gebraucht. Es wird da berichtet, das Lager des Maultiertreibers sei viel besser gewesen als das Don Quijotes «aunque era de las enjalmas y mantos de sus machos». Also «aus den Sätteln und Decken seiner Maultiere» hat er sich eine Lagerstätte zurechtgemacht. Dabei ist enjalma zunächst ein Wort allgemeiner Bedeutung. Von enjalmar «die jahna auf- legen» gebildet, bedeutet es ursprünglich «Sattelzeug», ja portg. en.ralmo ist geradezu «die Decke, die man über die Ladung der Saumtiere legt». Das ist doch wenig ge- eignet, die Grundlage für ein Wort «auf dem Saumsattel erzeugt» zu geben. Dazu kommt nun aber weiter, daß hastardo nicht in Spanien geprägt sein kann, weil die eigen tHche Heimat des Suffixes -ardo Frankreich und Italien ist, während die Ibe- rische Halbinsel es kaum kennt (vgl. Rom. Gramm IL, § .519). Endlich spricht auch die Bedeutung dagegen. In ältester Zeit ist der Bastard nicht ein uneheliches Kind im heutigen Sinne, ein Kind, dessen Vater nicht bekannt ist, dessen Aufziehung der Mutter überlassen bleibt, nicht ein «Bankert», sondern es ist das nicht mit der recht- mäßigen Gattin erzeugte Kind von Fürsten, von vornehmen Herren, ein Kind, dessen Vater wohl bekannt ist, das von ihm auch nicht verleugnet wird, das bestimmte ge- setzlich geregelte Rechte in Bezug auf Erbe u. dgl. hat. Man sehe die Belege bei Du Gange nach oder man erinnere sich der in der Literaturgeschichte berühmten Bastarde wie Hainfroit und Heudri, die Söhne Pipins mit der Magd, oder des Bastards von Bouillon usw. Damit ist vollends die Mahnsche Deutung ausgeschlossen, denn so un- bequeme Gelegenheiten zur Befriedigung ihrer außerehelichen Wünsche werden sich auch im frühesten Mittelalter die Fürsten kaum gesucht haben. Daher kann auch der von G. Paris, Histoire poelique de Charlemagne 241 gebrachte französische Ausdruck Enfant de Ja halle nicht als Parallele verwendet werden.^
' Wie alt und wie verbreitet ist übrigens dieser Ausdruclc, den weder Liltre nocli Dict. gen. bieten? G. Paris stellt weiter die Vermutung auf, daß die Sage, wonacli Karl der Große auf einem Karren erzeugt worden sei, sieb vielleicbt daraus erkläre, daß der Karren wie die Bank, der Saumsattel, dsr Ballen im
Romauisch BAST-. 37
Die Verbindung mit Jasf «Saumsattel» wäre auf anderem Wege möglicli. Wie das Maultier dem Pferde nachsteht, so ist auch der hast weniger vornehm als die seile. Wenn also ein enfant de seile das auf dem Sattel sitzende, das vollwertige, auf alle Ehren Anspruch habende Kind bedeuten würde, so könnte enfatit de hast das minder- M'ertige sein; oder wenn bete de hast ein ständiger Ausdruck für «Maultier» wäre, so könnte auch hastart «Maultier», dann «Mischling» bedeuten, wobei «MischUng» nicht wie in «Mulatte» sich auf das Resultat der Kreuzung zweier Rassen, sondern auf das zwei verschiedenen sozialen Schichten angehörender Individuen bezöge. Allein die Über- lieferung, die nicht so spärlich fließt, daß man sie nach Gutdünken durch Vermutungen ausfüllen dürfte, versagte für die eine wie für die andere Auffassung die Gewähr.
Da die ursprünglichste Bedeutung des Wortes in Nordfrankreich zu Hause ist, so liegt der Gedanke nahe, daß hier der Ausgangspunkt zu suchen sei, und dazu stimmt, daß nur hier die zwei Formen fds de hast und hastard vorkommen und daß die ganz eigentliche Heimat des Suffixes -anl auch wieder Nordfrankreich ist. Das fühlt auf germa- nischen Ursprung, führt um so mehr dahin, als die Kreise, in denen der Begriff zunächst rechtlich fixiert wurde, die der gotischen oder fränkischen Eroberer, nicht der angesessenen Gallorömer sind. Bekanntlich ist in England im Mittelalter das Wappen der Bastarde durch einen Stock gequert und das könnte darauf führen, daß bastard mit baston zusammenhängt. Aber solche Schlüsse aus der Heraldik sind trügerisch, die Sache kann sich umgekehrt verhalten, daß nämlich in fds de hast der Stamm von baslon empfunden und danach das Wappen gestaltet wurde. R. Much hat einmal die Müghchkeit ausge- sprochen, das Bastenia eigentlich Blendling bedeute. ,, Welchen Sinn dieses Wort hast ursprünglich gehabt hat, ist nicht von Belang, denn ein aus dem Lateinischen stammender Bestandteil des Romanischen ist es gewiß nicht, und wenn eine junge Ableitung davon «Kebskind» bedeutet, kann dies auch bei einer anderen, älteren der Fall sein. Und nichts ist der Deutung des Namens Bastamae Basternae als Blendlinge so günstig als gerade sein Suffix" (PBB. XVII. 37). Das hat vielleicht etwas für sich und würde wiederum darauf führen, daß das Wort germaniscli ist. Aber weiter kommen wir vorläufig nicht. Möglich ist auch natürlich Zusammenhang mit bastum «Stock», wobei dann eine uns nicht bekannte und wohl auch nicht zu erratende oder erschließende rechtssymbolische Handlung zugrunde liegen würde.
6. Lat. hdstus oder -um, ital. Ixistoiie, frz. bätoii, span. baston, portg. basfäo «Stock». Die einfache Form findet sieli nur einmal bei Lampridius im Ablativ Singularis, so daß man ebensogut ein Maskulinum wie ein Neutrum ansetzen kann. Walde schreibt
Gejj:ensalz zum Ehebett .stellen. Dann müßte man aber doch Spuren dieses Gebrauchs hezw. der Redensart fils de cliiir im sjiätern Latein odei' im älteren l'VanzOsisch antreflen, wenn auch sachlich natürlich weniger einzuwenden ist, iiainentlich nach der a. a. 0., S. 225 abg'cdruckten Schilderung «/i reis li pi'M qiie il la li pretdsl la niiU (i cochier ot lai, eil l'otrea si li fit lit sor iin char qui estoit davant Piis, chargii de fougiere». Da sich jedoch diese Karrengeschichte ausschlielilich auf Karl (Martell oder Karl den Großen) bexiehl. so drängt sich unwiUküilich der Gedanke auf, dafi eine nicht allzu alte (denn die ältesten Quellen kennen sie nicht) etymologische Deutung von Caiotus vorliege, die nicht besser und nicht schlechter ist als die noch heute weit verbreitete Verbindung mit canis. Daß man gerade an dem Namen Karl henimdeutelte, reigt auch die Woltersdie Chronik. Als eins! Tipin mit der falschen Bcrtha bei Tisch saß, kam der .Müller mit Bogen imd Pfeil, was nach der mit Pipin getrofTenen Verabredung das Zeichen war, daß die richtige Bertha einen Sohn geboren hatte. Kr traf mit dem Pfeil den Becher der Königin, so daß dieser umstürzte, worauf die Königin rief: weg mit dem Kerl (Karl), er ist zu grob! Aber Pipin bcgrilT sofort und sagte: «Er wird Karl lieißen» (G. Paris a. a. ()., 2-.>i>).
38 W. Meyei-Liibko.
«sehr zweifelhaft ob als Viacsfom zu haoilnni. Nicht zu haffnpre.» Wie morphologisch eiu solches *bacstom zu erklären wäre, lileibt mir freilich dunkel, aber unter den bisher besprochenen Wörtern ist dieses bastum dasjenige, dem ich am wenigsten beizu- kommen vermag. Zunächst fällt auf, daß das Romanische nur *lci!i(-o)ii\ nicht hasfum kennt. Neben den A'ertretern von sabido, ponto und dem zu erschließenden *pla)ifo (Rom. Gramm. II, § 457) bleiben sdbulum, pons, planta. Anderseits scheint span. bästiga, idstago «Schößling», dessen Herleitung aus got. wahstus (Rom. V, 187) einer Wider- legung nicht bedarf, nicht von bastone getrennt werden zu dürfen, ist aber damit nur unter Voraussetzung eines bastum vereinbar. Morphologisch wäre gegen ein ßäatov von ßaatäC") nichts einzuwenden, s. S. 34. Auch dafür, daß ein spätgriechisches Wort für «Stock» nach Italien usw. wanderte, läßt sich nicht nur x^p^xiov, tess., veltl. Mras, niail. skaras, afr. cscharas, nfr. khalas «Weinpfahl» anführen, sondern begrifflich noch nälier liegend, ital. camato «Gerte, dünner Kuotenstock» scaniato, «Stock zum Ausklopfen der Wolle». Die Wegweisung für die Deutung dieses Wortes gibt senes. camaitare, das mit seinem / deutlich auf Zusammenhang mit prov. gamach, aven. gamaito weist und ein cht als Stammauslaut verlangt, d. h. ein griechisches Wort. Die Bedeutung führt auf xä[j.ai, der Form genügt ein *xa[j.äxTov, später *7.ci.\i.ä-/xov, das sich zu 7.a\L'xi, ver- hält wie ßaaräxTV]? zu ßäoTai Und doch bleibt ein Bedenken. Ein ßdatov von ßaatäCsiv würde den Steck als Stütze bezeichnen, wogegen das Charakteristische bei bastum bastone zunächst das Schlagen ist, wie denn auch das älteste rumänische Beispiel des aus dem Italienischen entlehnten baston es in Verbindung mit bäte «schlagen» zeigt. Auch hier wäre freilich der Weg ein oft betretener, vergl. ital. baccJüo «Stock, Stab, Stange», al bacchio «blindlings, unbesonnen». Das sind alles Schwierigkeiten, deren jede einzelne gering ist, die zusammengenommen aber doch bedenklich macheu können. Ich sehe vorläufig auch keine Möglichkeit, bastum so zu lokalisieren, daß dadurch ein Anhaltspunkt für die Entstehung gegeben wäre. Västago neben bastoue könnte nach Spanien weisen, doch ist die Spur unsicher.
7. Ital. bastagio «Packträger», ven. bastazo «facchino impiegato al servizio delle dogane e dei lazzaretti», neap. vastaso, kal., siz., tar. vastasu, abruzz. rastase, auch neu- griech. ßaardcCoc, dann aprov. bastais, belegt aus Marseille, heute von Mistral nicht ver- zeichnet, aber kat. bastax, mallork. bastats «Pflock zum Aufspreizen des Deckels», aragon., valenc. bastage. Also deutlich ein Mittelmeerwort, das, nach den Wörterbüchern zu ur- teilen, nirgends tief ins Binnenland hineingedrungen ist. Sard. basta.viu hat zwar neben seiner ursprünghchen Bedeutung noch die von «Dachbalken», ist aber trotzdem nach Maßgabe der Laute aus dem Katalanischen entlehnt. Es handelt sich also zunächst darum, Ausgangspunkt und Wanderung zu bestimmen. Ngr. ßaaräCo? ist schon nach seinem Akzente romanisches Lehnwort, als solches auch von G. Meyer, Neugr. Stud. IV, 16, ganz richtig von venez. bastazo hergeleitet worden, mit dem allerdings etwas unver- ständlichen Zusatz «der romanische Stamm bast kommt auch im Griechischen vor, agr. ßaotäCw usw.». Es scheint mir ziemlich wahrscheinlich, daß die süditalienischen Formen aus dem Neugriechischen stammen, da mit einer solchen Annahme das v gegenüber dem nördlichen b erklärt wäre und da das s mit dem s, gi nicht vereinbar ist. Sodann kann unbedenklich tosk. bastagio als Entlehnung aus ven. bastaso bezeichnet werden, da die Entsprechung von ven. z bei Erbwörtern im Toskanischen gg lauten würde, g bei Entlehnungen aus Norditalien sehr gewöhnlich ist. Für das Venezianische wird </, j, dy, gy,
Holz und Mensch. 39
als Grundlage gefordert, vergl. /)c^o aus pejus, ra^o aus radius. Dazu passen auch die katalanischen Formen und die altprovenzalische, wenn wir nur das s nicht als starnm- haft, sondern als Flexionszeichen auffassen, also das Wort als fcc/s/ai ansetzen. Wir gelangen somit zu einem den nördlichen und westlichen Mittelmeerländern angehürigen hmta^u, das von Venedig nach Toskana und Griechenland, von da nach Süditalien gewandert ist. Schon Diez hat ßäata^ zugrunde gelegt. Allerdings ist die Bedeutung dieses ßä-iTas in dem einen Beleg bei Theopli. Protos. oiovjl Ss ßä^ta^ t/^? v.s'fa/.f^? ü-äpysi ö Tpa-/T,>.o; nicht ganz durchsichtig, aber ganz unmißverständlich ist Vixpoßa-Jtä; -a-fo; «Tote tragend». Da ßdoT0(4 «Träger» sich an ßaotäCo) anschließt, kann .man das Wort unbedenklich als griechisch bezeichnen. Es muß ins Lateinische gedrungen bastax bastäge flektiert worden sein und im Venezianischen von Plur. bastagi einen neuen Singular bastazo bekommen oder schon früher, aber als g schon gl lautete, den indifferenten Ausgang e oder sogar den griechisclien Akkusativ Ausgang a durch das den Sexus scharf kennzeichnende o ersetzt haben. Darüber, ob man vExpoßäoTai oder vsv.ooßa'STä; betonen soll, gehen die Ansichten auseinander. Die romanischen Formen sprechen für das letztere.
Von Griechenland einerseits , von Germanien anderseits treiben zwei voneinander ganz unabhängige Wurzeln hast ihre Schößlinge hinein in romanische Gebiete, aber nirgends verschlingen sich diese Schößlinge; man siebt nicht, daß die Bedeutung der einen Gruppe durch einen Vertreter der andern gleichklingenden beeinflußt worden wäre, kaum daß man einen geringen Anfang dazu in der speziellen Einschränkung, die lasiii «Saumsattel» in Valencia erfahren hat (Seite 33), sehen darf. Man könnte nämlich dabei an basto «gestopft» denken, aber der Umstand, daß dieselbe Bedeutungseinschrän- kung auf ganz anderem Gebiete sich findet, wo ein solcher Einfluß nicht besteht, läßt auch diesen Gedanken ablehnen.
Holz und Mensch.
Von Rudolf Much.
Goethe sagt:
«Kleid eine Säule,
Sie sieht wie eine Fräule.» Das stimmt auffallend zu den beiden trfmemi, denen nach Hävamäl 48 (B V-S) der Fah- rende seine abgetragenen Kleider umhängt und von denen es heißt:
rrkkiir ßaf pottus, er ßeir riß hgfpo. «In den Lumpen glichen sie leibhaften Menschen ^^ übersetzt Gering die Stelle. Au diesen trrmoni dürfte kaum mehr als der Kopf notdürftig geschnitzt gewesen sein ; und auch zu dieser Arbeit sah man sich wohl erst veranlaßt, weil schon der aufrecht stehende Pfahl selbst an einen Menschen gemahnte. So entwickelt sich aus der Siiitlr die Bild- si'ndc. Vgl. dän. stoüt\ hUlcdsiottc, schwed. hildstod mit gleichem Bedeutuugsübergang. Daß im besonderen das Götterl)ild vom verehrten Ptiock ausgeht, hat Meringer .IF. 16, 151 ff., 17, ir)9. 165 f., IS, 277 tt'., 21, 296 ff. gesehen und ist dabei auf eine Erzader gestoßen, die noch lange den Abbau lohnen wird.
40 Rudolf Much.
Bei den Germanen begegnen uns für diese Entwicklung verschiedene Belege. Ob neben dem wohl aus dem Germanischen herübergenoramenen litauischen stufpns «Säule^ Götzenbild» auch im Germanischen selbst schon ein Wort mit diesen beiden Bedeu- tungen vorhanden war, bleibt ungewiß. Aber dem lit. stähas «Götze» entspricht genau ein alter nordischer Ausdruck. Wenn es in Den ivldre Eidsivathings Kristenrett (Norges gamle Love I) 1,24' heißt: engt madr slal hafa i hnsi sUin staf cffa sialla «Niemand soll in seinem Haus einen stafr oder (und?) Altar haben» — man beachte die stabreimende Verbindung von stafr und stalU — , so kann hier stafr, das sonst «Stock, Pfosten, Pfahl» bedeutet, nicht gut etwas anderes sein als ein Götterbild oder ein Pfahl, der einen fJott vorstellte. Das ist auch Fritzuer entgangen, obwohl schon Maurer, Bekehrung 418 bemerkt: «Stafr muß hier wohl die Säulen mit eiugeschuitzten Götterbildern be- deuten, wie sie das Heidentum liebte» und damit annähernd das richtige traf. Hätte er von jenem lit. stähas gewußt, so hätte er erkannt, daß dieser stafr als ein ganz selb- ständiges Schnitzwerk angesehen werden kann, das nicht etwas getragen zu haben braucht.
Die heiliggehaltenen pnäcef/issülur mit den eingeschnitzten Thorsbildern allerdings sind zugleich Götterbilder und konstruktive Teile des Hauses, beziehungsweise des Tempels. In ganz überraschender Weise eriimert an sie die ungarische bödog-anya <Mutter Gottes», ein senkrecht stehender viereckiger oder runder Eichenpfosten, der mitten im Zimmer stehend den Tram stützt, der die Zimmerdecke trägt, ein Seitenstück, auf das Meriuger JF. 21, 301 aufmerksam gemacht hat.
Sehr nahe steht hier auch die sächsische Irminsül. Wie das Haus vielfach eine Mittelsäule hatte, firstsfd in der lex Baiuuariorura X, 6, 7, bei Notker Boethius 5 magansnl genannt, — in der eben erwähnten lödog-anija setzt sie sieh fort — , so stellte man sich auch inmitten des Weltgebäudes, den Himmel stützend, der aisl. auch fagra- rxfr «schönes Dach» und salpah «Dach der Erde, des Bodens» heißt, eine solche Säule vor. Die im Freien aufgerichtete Irminsül 'ist das Symbol und Abbild dieser den Himmel tragenden Säule.
Als nordisches Gegenstück zur sächsischen Vorstellung von der Irminsül inmitten der Welt und ihrer Verehrung darf der aslcr Yggdrasils gelten. Beide verhalten sich zu einander gerade so wie die firstsül des alten bairischen Hauses zu dem lebenden Baum — er wird als apaJdr bezeichnet, was aber nach nordischem Sprachgebraucli auch einen andern fruchttragenden Baum, besonders auch eine Eiche bedeuten kann, — um den nach einer offenbar sehr altertümlichen Sitte Vi^lsungs Saal herumgebaut war. An diesen hat zur Erklärung der Vorstellung von der Weltesche schon F. Jöusson, Arkiv 21, 399 erinnert und damit schon mindestens ihren Kern richtig gedeutet, um den sich später ja wohl auch anderes angesetzt hat.
In der Egilssaga c. 68 begegnet uns ein merkwürdiges Sprichwort: pä verdr eiJc at fdga, er uiulir shil hiia «die Eiche muß man verehren, unter der man wohnt». Daß hier fdga auf religiösen Kult zu beziehen ist, kann angesichts einer Reihe von Belegen für diese Bedeutung des Wortes wie eigl skuli per ]>d Iduti (nämlich slairgod) rcgsama oh fdga oder cigi sJcaltu goä ßrirra ggfga ne fdga nicht bezweifelt werden: s. Fritzner 1, 365, Cleasby Vigfussou 146. F. Jönsson macht in seiner Ausgabe der Egilssaga, Altnord. Sagabibl. 3, 225 zu der Stelle die Bemerkung: «ein uraltes Sprichwort, aus uer Zeit herstammend, als die Wohnungen (Hütten) noch uuter einem großen Baume oder rings um ihn herum aufgeführt waren; vgl. ^'olsungas. c. 3.» Das ist gewiß zutreffend. Für
Holz und Mensch. 41
uns ist aber jenes Sprichwort um so wertvoller, als es auch ein Zeugnis ist für die Verehrung solcher Bäume. Man kann bei ihr auch an den merkwürdigen Bericht des Herodot 5, 23 über die Argippaier erinnern. Jeder von diesen wohnt nach ihm unter einem Baum (üttö öevöpeLu); über diesen deckt er im Winter einen dichten, weißen Filz; im Sommer läßt er ihn ohne Filz. Wilhelm Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skytliischen Norden, WSB. 117, bemerkt S. 60 zur Stelle: -Die alte Wohnart hat sich vielleicht in einer Opferzeremonie der Altai-Türken (Jys-ki.si, Tuba) erhalten : wenn diese dem Tengri opfern, so stellen sie in einem abgelegenen Birkenwäldchen am Rand einer Lichtung eine Jurte auf, in deren Mitte eine grünbelaubte Birke mit ihrem Wipfel durch das Kauchloch herausschaut ; das Dach wird mit Filzlagen bedeckt (Radioff, Aus Sibirien 11, 19 fg.)». Spielt auch hier der Baum selbst als Kultobjekt eine Rolle?
Wenn die hier für die Irminsül gegebene Erklärung richtig ist, so darf man aus den Zeugnissen für sie schließen, daß bei den Sachsen auch in den Häusern die Mittel- säule für heilig galt und Verehrung genoß. Bei dieser und l^ei der Irminsül an einge- schnitzte Bilder nach Art derer an den ondvegissülur zu denken, nötigt uns nichts, hindert uns aber auch nichts. Und wenn uns bei diesen von einem Bilde Thors erzählt wird, mag man immerhin auch die Irminsül auf einen Gott beziehen, der dann zwar nicht wegen ihres mit irmiti zusammengesetzten Namens, aber wegen ihrer Bedeutung als universalis columna, quasi susünens omnia (MG. 2, 676) niemand anderer als der regnator o»ini)tni clnis des Tacitus, Germ. 39, das ist der Himmelsgott, sein kann.
In einigen Punkten weicht meine Ansicht von der Meriugers ab. So glaube ich nicht an ein ags. eodor, eodur im Sinn von «verehrter Balken», wozu übrigens Meringer selbst jetzt JF. 21, 301 ein Fragezeichen setzt. Auch die Bedeutung «Fürst» hat eodor nicht für sich allein, denn nur Verbindungen wie eodor Säldhuja, Ingwina sind belegt, und diese sind wirklich ganz so zu verstehen wie tpKoq 'AxaiiDv, aus dem man doch auch nicht ein griech. epKO? «Fürst» erschließen darf. Ebenso begegnet heim und MeO, hlcow in Verbindung mit Genetiven wie corla, icigendra, ^ycdra u. dgl. als Bezeichnung des Fürsten, ohne dabei selbst etwas anderes als «Schutz, Schirm» zu bedeuten. Auch die Bedeutung «einzelner Pfahl» ist für ags. eodor nicht erweislich. Das in undcr eoderas Beowulf 1038 : (Hchf pä eorla hleo cahta nirnras
fxtedläeorc on fJet fron) in linder eoderas übersetzte ich gleich Heyne: «hinein in das Haus». Dabei darf man das flet 1037 nicht auf eine bestimmte Stelle des Hallenbodens beziehen, vielmehr heißt hier on fiet ganz formelhaft «in den Innenraum» oder auch einfach «hinein». Und iiiider eoderas an unserer Stelle ist von dem laidar ederös, Heiland 4944 unmöglich zu trennen, und in beiden Fällen haben wir es ebenfalls nur mit einem formelhaften Ausdruck zu tun. Nicht einmal die Pluralform läßt sich mit Bestimmtheit auf die Mehrheit der Zaunpfähle zurückführen. Da sonst eodor im Singular schon «Zaun, Gehege» bedeutet, wird man eher an das gleichfalls pluralische in geardiim für «at home» und die aisl. Plurale gardar, hi'is, tun im Sinn von «Gehöft» anzuknüpfen haben. Mit Recht übersetzt Holthausen, Beowulf II, 130 den Plural von eodor einfach mit «Haus». Gegen die Eiu- wendung, wenn die Rosse schon im Saale sind, sei ein weiterer Zusatz in iindar coderas im Sinne von «ins Haus hinein überflüssig, ist auf die stilistische Eigentümliclikeit der altgermanischen Poesie zu verweisen, die Appositionen liebt und dabei oftmals den-
Woilcr iiiul SiKbon, l. C
42 Rudolf Much.
selben Gedanken mit wechselndem Ausdruck wiederholt. Ein neues Moment braucht also durch das in ttndcr eoderas nicht hinzuzutreten.
An jene tremenn der Hdvamiil, von denen eingangs die Rede war, erinnert es, wenn in der nordischen Mythologie die ersten Menschen, Ashr und Emhla, aus Bäumen oder Hölzern — in Snorris Gvlfaginning ist von tic tvau die Rede — geschaffen werden. Es setzt das eigentlich auch schon voraus, daß mau sich durch Bäume, Baumstrünke oder Stämme an menschliche Gestalt erinnert fühlte. Das leitet uns aber hinüber zum Gegenstück, zur V e r g 1 e i c h u n g d e s M e n s c h e n mit e i n e m B a u m oder einem Stück Holz.
Dahin gehört es, wenn in der nordischen Poesie der Begriff Mann durch den Namen eines beliebigen Baumes oder ein Wort für Säule, Pfosten, Stock ausgedrückt werden kann, sofern nur durch Zusammensetzung oder einen beigefügten Genetiv Beziehung zu einer Sache angedeutet wird, mit welcher der Mann zu schaffen hat. So entstehen kenningar wie rögs apaJdr, nteiär hriiH/s, uudstafr, vighJynr, almr eggpings, sfafr valfreyjuy sverävi&r usw. Auch der Begriff «Weib» wird in ähnlicher Weise durch Um- schreibung ausgedrückt, z. B. durch ouüp^U. lind lins, gäit haiiga. Es versteht sich von selbst, daß dabei besonders weibliche Baumnamen Verwendung finden.
Nach Art solcher kenningar möchte man auch wohl den Namen Gustaf, aschwed. Götstaver, Go(t)stnver, beurteilen. Er lautet altwestnordisch Gautsfafr, und so hieß ein Pferd des Herzog Sküli, «vistnok fordi den var fra Gautland», wie Bugge, Om runeskrif- ten paa Rök-stenen 21 bemerkt, der dabei auch schon an unser «Araber» erinnert. Gautstafr scheint darnach zunächst zu bedeuten «ein Mann aus Gautland». Oder ist das Umdeutung? Und wie verhält sich der Name zu ags. Sigcstef, ahd. Sigistab, dem Sigestap der deutschen Heldensage?
Verschiedentlichen anderen sprachlichen Ausdruck auch dieses Vergleiches von Menschen mit Holz irgendwelcher Art findet man bei Meringer, JF. 18, 277 f. zusammengestellt, darunter russisch 2*««^ «Klotz> und «plumper Mensch» und l&i. slipes. Eine Fülle von Belegen bringt 0. v. Friesens Arbeit Om de germanska mediogemi- natorna, besonders S. 58 f. ; ebenso Jöhannsson, K. Z. 36,. 373 f.
Das tertium comparationis ist in solchen Fällen nicht immer etwas ausschließlich Körperliches. Wir sprechen ja von einem ungeliohelfcn, einem verstoclicn oder einem störrigen (zu ahd. sforro «Baumstumpf») Menschen. Es kann einer auch haumstiU, stocktaub oder ein StocldiUlnH sein. Got. baups «taub, stumm» wird von Meringer, JF. 16, 155. 159 als «klotzig» gedeutetS und so kann auch kelt. *bodaro- aus *bodhro- und aind. badhird «taub» mit mlat. bodina (Thurneysen, Keltoromanisches 91) «Pfahl» zusammenhängen.
In andern Fällen hat man das rein Körperliche im Auge. So wenn wir von einem baumlangen oder baiinistarlcn Kerl, einem saun- oder spindddiirren IVIenschen, einer Hopfenstange — österreichisch auch Heugeig'n — redeu. Mundartl. itempfl bedeutet «kurzer, dicker Mensch», Lenz, Der Handschuchsh. Dial. I, 46. Und hierher gehört eine große Anzahl von Namen und Beinamen. Ein sehr bekannter Beiname dieser Art ist der des berühmten dänischen Sagenkönigs Hrölfr kraki. Das Wort hraki bedeutet «Stange», hat aber schon in alter Zeit auch den Sinn «unentwickelte, hagere Person» im allgemeinen. Von deutschen Namen, die sich hier anschließen, bietet jedes Adreß- buch eine reiche Auswahl. Die altisländischen sind jetzt in F. Jönssons wichtiger
' Veii;l. H. Petersson, JK. XXIII, S. 395. C. N.
Holz und Mensch. 43
Schrift Tilnavne i den islandske Oldlitteratur, Aarboger 1907 leicht zu finden. Als die ältesten germanischen Beispiele solcher Namen dürfen wohl wandalisch *Eaus und *Iiafts gelten, über die ich ZfdA. 36, 47 gehandelt habe.
Oder das Körperliche ist wenigstens mit im Spiele. Wenn wir jemanden einen grohcn Klotz nennen, so denken wir dabei leicht nicht nur an unfeines Benehmen und Bildungsmangel, sondern zugleich auch an plumpe, vierschrötige, klobige Körperformen ; und noch mehr werden sich die Begriffe körperlicher und geistig-sittlicher Unfeinheit miteinander verbunden haben in einer Zeit, in welcher der Rassenunterschied zwischen den sozialen Schichten ein augenfälligerer war.
In diesem doppelten Sinn möchte ich daher bestimmt die Namen von Knechten und Dirnen in der Rigsjiula Drumbr, Drumha und Kumba auffassen. Als Appellativnam bedeutet tredrumhr «Holzklotz» und zu Kumba stellt sich tnkumbr, ablautend mit griech. YÖnqpoq «Pflock, Zahn». Ahnlich wird man mhd. Inno; T;niilz, k)iochs, bürenknorf , solch, holl. Iiiioef zu beurteilen haben. Hierher gehört ferner Benrjcl, Flegel, bair. Zoch, Zochen «von Zweigen gesäuberter Ast, Knüttel» und «grober Mensch, Bursch, Knecht», dän. trunte «Baumstumpf, Block» und «kleiner untersetzter Mensch», älter auch «Tölpel», ebenso dän. Idods «tölpischer Mensch» u. a. m. Auch unser Schwung und Klachel sind verwandte Ausdrücke, nur daß beide, unbildlich gebraucht, Gegenstände aus Metall bezeichnen. Verschiedenen der besprochenen Gruppen reihen sich ein dän. udd. knast, norw. dial. Icult, hmii l-ncrta loiarte, knott, nubb, bikse bjakse, lurk, brand, kause, bagge bdggji: und schwed. dial. phjgg, spinke spink und knagg, über die in den Wörterbüchern von Aasen, Ross und Rietz Aufschluß zu finden ist. Auch auf die Zusammenstellungen bei V. Friesen und Johansson ist hier neuerdings zu verweisen. Aber das Material ist damit auf keinem Gebiet erschöpft.
Zutreffend bemerkt Johansson, K. Z. 36, 373, daß die Benennungen lebender Wesen nach toten Gegenständen — sie sind auch unter Tiernamen stark vertreten — besonders häufig sind in etwas niedrigerer Sprache, in der gemeinen Umgangssprache. Es fallt in der Tat auf, wieviel derartiges etwa die heutigen nordischen Dialekte bieten im Vergleich zur aisl. Literatursprache. Aber zu allen Zeiten steigen doch einzelne Worte dieser Art auf eine höhere Stufe empor. Als ein solches wird man asl. skati «Mann, hervorragender Mann, Häuptling» ansprechen dürfen. Bugge hat es Ant. Tidskr. f. Sverige 5, 146 im Anschluß an P. J. Luudal und Vigfussön mit schwed. dial. skate «etwas empor- oder hervorschießendes, Baumwipfel, Landspitze u. dgl.», norw. dial. skat n. «Wipfelende eines Baumes», skata «in eine Spitze auslaufen», skate m. in Telcmarken «Baumstamm ohne Aste» zusammengebracht. Ich denke auch hier nicht an eine all- dem zugrund liegende «allgemeinere Bedeutung», sondern an unmittelbaren Vergleich des Mannes mit dem Baum. Hierher gehören auch Tiernameu : aisl. skata, norw. skate «raja batis» und schwed. skata, norw. dial. skata. dän. skade «corvus pica»; s. Falk-Torp. E. Ob. 2, 174. 167.
Besonders zahlreich sind die Worte für «Knabe» und «Mädchen ?, die ursprüngUch Pflock, Stift oder ähnliches bedeuten. Auch Stift selbst oder Stöpsel nennen wir wohl einen kleinen Jungen und sind uns dabei der Bildlichkeit des Ausdruckes noch ganr bewußt. Schmeller'' 2, 771 verzeichnet Stiiigel «Mannsperson, insonderheit noch lediger Bursche» — daneben Jleniedstiiigel, was trotz Sthigel «penis» nicht phallisch verstanden zu werden braucht. Viiu. pige, spät aisl. /xA« «Mädchen» gehört nach Johansson, K. Z.
0»
44 Rudolf Mucli.
36,381 mit däti. pig, aisl. p'il- «Spitze» zusammen. Ebeuso ist dän. 7/«*/ «kleiner Knabe», schwed. dial. luil; «Junge», norw. dial. pauJ; «kleine schwache Person, kleiner Junge», ndd. pöÄ- «schwacher Mensch, Kind, kleiner Bursch» dasselbe Wort wie älter dän. poij, norw.^aaÄ:, schwed. päk «Stock», mndd. pol: «Dolch» ; s. Falk-Torj), E. Ob. 2, 45, 68. Auch aisl. drcngr «tüchtiger junger Mann», dän. dreng, schwed. dräng «Knabe» hat Tamm, E. Sv. Ob. 103 f. als identisch mit aisl. und anorw. drcngr «dicker Stock, Säule», aslov. drqg^ «Stange, Baum» erkannt; s. auch Falk-Torp, E. Ob. 1, Ulf. Vgl. den langobardischen Beinamen dra)ui(S, Brückner, Spr. d. Lgbd. 13, und bair. Tn'uiggiii «uubescheideue Weibsperson», Schmeller- 1, 667. Auch die im Neuisländischen gebräuchlichsten Ausdrücke für Knabe und Mädchen, piltur und stülka, erklären sich so; ersteres, &is\. piltr, piUungr, steht zu schwed. dial. pidt «Pflock» in Ablautverhältnis ; letzteres gleich aisl. und schwed. dial. sfidla gehört zu schwed. dial. stidk stoJk «Stiel» ; s. Johansson. K. Z. 36, 377, 381.
In diesem Zusammenhang wird man an die alte Deutung von lat. rirgo aus virga erinnern dürfen; ferner an die von Bezzenberger und Fick, Beitr. 6, 238 vertretene Beziehung von rciXiq zu lat. taJea «Setzhng, Reis», aslov. falij. «ramus virens» und die Zusammenstellung von TTäpaevoq mit Triöpöo? durch Düntzer, K. Z. 16, 29.
Dieses Material wäre leicht zu vermehren. Aber die semasiologische Regel läßt sich jetzt schon aufstellen, und damit ist uns ein Schlüssel zur Erklärung noch einiger anderer Appellativa gegeben. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, daß bei Knaben und Mädchen die Kleinheit und Schlankheit das tertium comparationis mit Gegen- ständen aus der Pflanzenwelt sein kann, bei jungen Männern auch die Kraft und «Stäm- migkeit . Von «Knabe» führt aber sehr oft die Bedeutungsentwicklung zu «Diener, Knecht» Mnüber. Ausdrücke für diesen Begriff können also hier mittelbar entstehen; aber auch unmittelbar, wenn die äußere oder innere Unfeinheit oder Stumpfheit zum Vergleich und zur Übertragung der Bezeichnung des Holzstückes auf den Menschen Anlaß gibt.
Vor allem wird man sich jetzt gegenüber der Fülle der Seitenstücke nicht mehr wie noch Falk-Torp, E. Ob. 1, 386 dagegen sträuben dürfen, Jcnahe «puer» mit hess. Knabe «Stift oder Bolze», Herrn, v. Pfister, Nachträge zu.Vilmars Idiotikon von Hessen 136, gleichzustellen. Vielleicht ist es nicht ganz ausgemacht, wie sich ahd. l:naho, ags. cnafa zu ahd. hiappo und vor allem zu ags. cnapa, as. huqw, aisl. l-napi «Knappe, Junker» verhält, eine Frage, die v. Friesen, Mediogeminatorna 57 ff. behandelt. Aber auch zu diesen Nebenformen stellen sich gleichlautende Worte, die sich sämtlich in ihrer Bedeutung an jenes hessische Knabe anschließen ; s. v. Friesen a. a. 0.
Knabe «Stift, Bolze» wird gewiß mit Recht zu Knebel und zu griech. YÖnqpoi; «Pflock» gestellt. Und auch Knebel bezeichnet im Jütischen einen Menschen von kleinem Wuchs nach Falk-Torp, E. Ob. 1, 388f. — Fejlberg liegt mir nicht vor — ; mhd. kommt es vor in der Bedeutung «grober Gesell, Bengel».
Genau entspricht dem griech. Toncpoi; «Pflock» das ahd. mhd. ehump, kanip «compes» und lampc «Holz, das man dem Schweine um den Hals tut, damit es nicht durch die Zäune kriecht», Lexer, Mhd. Wb. 1, 1505f.; vgl. Schmeller- 1, 1251, Unger-Khull, Steir. Wortsch. 375. Auch durch das Mmmen, hämpen der Zimmermannssprache, das «durch Pflöcke verbinden» bedeutet, wird ein Kamm in der Bedeutung «Pflock» vorausgesetzt.
Neben cliamp steht ahd. chembil «columban. Aus diesem Worte erklärt sich wohl eis, Kambel «großer Mann», Martin und Lienhart 1, 443, in den Lauten sich deckend
Holz und Mensch. 45
mit Kambel «großer zweiteiliger Kamm», und bair. ösieri: Käntpl (mit hellem «) cGeselle, Kumpan» — das Wort hat auszeichnende Bedeutung — , lautlich ebenfalls zusammen- fallend mit Kämpl «Kamm».
Wir sind hier auf einem Wege, der sogar zur Erklärung des von Ptolemäus über- lieferten Volksnamens der Kä|i7Toi aus dem Germanischen führen könnte. Gewiß haben wir es dabei mit einer durch Volksetymologie und den spätgriechischen lautlichen Zusaramenfall von \m mit |uß bewirkten verkehrten Schreibung statt Kdjißoi zu tun, und das könnten ganz gut «die Kampeln, die starken, stämmigen Kerle» oder auch herab- setzend «die Klötze» sein. Aber ich verkenne nicht, daß anderes für keltischen Ursprung des Namens schwer ins Gewicht fällt, nämlich die Verljindung mit den ungermanisch aussehenden Sondernamen "Abpaßai und TTdpiaai und die Nachbarschaft des Flusses Kamp, Camhiis bei Einhart, der sicher so auf keltisch als «der Krumme» bezeichnet wird, wie schon Glück, Die kelt. Nam. 34 gesehen hat. Aber ist nicht im Munde germanischer Nachbarn keltisch *Kamhi)i notwendigerweise umgedeutet worden nach dem so naheliegenden germanischen Worte?
Ähnliche Umdeutung und in diesem Fall auch Umgestaltung nehme ich an bei einem anderen fremden Volksnamen, dem der Hunnen, dessen germ. Form ahd. Hüni, ags. Hinxis, aisl. Hibiar, Hihiir von dem lat. griech. Ouvvoi, Hitinii, Clnoiiii und dem chinesischen Hhnuj-uu (das aber selbst volksetymologisch umgeformt ist) auffallend und durchgehend abweicht. Die germanischen Worte, an die der Anschluß erfolgt ist, habe ich aber in meiner Schrift über den germ. Himmelsgott (.\bhandl. zur germ. Philol., Festgabe für Richard Heinzel) 22 kaum in den rechten Zusammenhang gebracht. Vgl. jetzt über diese Johansson, K. Z., 36, 374. Es stellen sich mit ursprünglicherer Bedeu- tung als Bezeichnungen lebloser Gegenstände zur Verfügung : aisl. ht'om c Würfel» und «ein klotzartiges Stück» als Teil des Mastes, vielleicht «Pflock, Nageh^ oder ^Zapfen», adän. hund «Türriegel, Querholz», aschwed. hun «Schlagbaum, Riegel», gutn. Imn «Dachfirst». Danach scheint mir der Volksname als «die Klötze» verstanden worden zu sein im Hinblick auf körperliche Eigentümlichkeiten. Man beachte die Schilderung der Hunnen bei Ammiauus Marcelinus 31, 2, der sie ebenfalls mit Pflöcken vergleicht, die — nach Art der noi'dischen fn'menn? — roh geschnitzt sind: snicsciint iniberhes ahsque uUa ueniixfate, spado)übus si»iilrs, rompnctia omnes firmisfjiie niembrifi et opiniis ceruicibus, prodigiosac formao sct parui, ut bipcdes existimes bestias ud quäl es in com mar gi- nandis pontibus effiglatl stipitcs dolantur incompte. Geht diese Beschrei- bung auf germanische Gewährsmänner zurück? J. Hoops hat in den Germanist. Ab- handlungen, Hermann Paul dargebracht, Strnßl)nrg 1902, 167 ff. den Namen der Hunnen unter Berufung auf einen ags. Pflanzenuanjcn hünc und griech. Kuavog als -die dunkeln, schwarzen» zu deuten versucht, hält ihn also ebenfalls für germanisch.
Daß man Kegd «unehelicher Sohn» von Kegel «Kegel im Kegelspiel», mhd. auch «Knüppel, Stock», nicht trennen darf, wird nun auch nicht mehr bezweifelt werden. Vgl. ein grober, ein fauler Kegel «Schlingel, Taugenichts'. Martin und Lienhart 1, 428. Kegel wird zunächst wie Bengel eine verächtliche Bezeichnung für Kind sein, woraus eine für uneheliches Kind leicht hervorging. Umgekehrt [ist Bankert örtlich zu einem Scheltwort für ein unartiges Kind geworden, das hier in Wien — in der Gestalt Bdnggal — sehr oft Mütter aus den unteren \'olksschichten ihren eigenen Kindern zurufen.
Wahrscheinlich gehört in diese Gruppe auch Knecht, dessen ältere Bedeutung noch
46 Rudolf Mucli
vorliegen wird in schweizerisch J^T««/;/ «Rebschößling». Besonders heißt, wie es scheint, Knecht ein Schößling am Weinstock unmittelbar über dem Boden, den man stehen läßt, um für den alten Stamm Ersatz zu haben, wenn es nötig wird, diesen zurückzuschneiden ; s. Staub-Tobler 3, 722. Auch Gert und ClineheJ werden als Synonyma genannt. Zu erwägen ist allerdings, ob das Wort hier nicht bildlich zu verstehen ist. Aber sonst wird Knecht übertragen nur von Vorrichtungen gebraucht, die etwas halten, einen Diener oder dienstbaren Geist ersetzen.
Was die Möglichkeit einer solchen Etymologie von Knecht betrifft, sei darauf verwiesen, daß bei Falk-Torp, E. Ob. 1, 3<S0 wegen dän. norw. huuj, hunje «Kleiderriegel, Zahn eines Rades, Handhabe an der Sense», schwed. Icnagg «Knast, Knorren», dial. auch «Sensengriff» und «untersetzter starker Kerl» usw. eine idg. Wurzel *gnngh, verwandt mit *gnabh, angesetzt wird. Man beachte auch mhd. hiochc «Astknorren», knochs «grober Mensch», Lexer, Mhd. Wb. 1, 1650, bair. Kuiichtel «Knüttel», auch Knicll, Schmeller^ 1, 1347. Es wird übrigens schwer halten, die vielen mit In anlautenden germ. Wort- bildungen reinlich in verschiedene Gruppen zu sondern und Grundformen für sie festzustellen. Schon dieser Anlaut lai aber bringt das Wort Knecht in den Verdacht, der Gesellschaft von Knabe, Imtst, knatf, hiag, hiart usw. anzugehören.
Diese Erklärung deckt sich wesentlich mit der von Lewy, Beitr. z. G. d. d. Spr. 32, 145 f gegebenen, wo auch noch etliche andere Analogien der Bedeutungsentwicklung angeführt werden. So Dicustlcnochen, [kleiner] Knapp, F(f)(ninestielche <^ungetauftes Kind», Hintner bei Nagl, Deutsche Mundarten 1, 228. Nur schießt Lewy gewaltig übers Ziel, wenn er bemerkt: «Man darf sogar erwägen, ob Ausdrücke wie Stiefel-, EechenhiecM ohne weiteres als secundär betrachtet werden dürfen». Führt er doch selbst als Seiten- stücke an poln. imehole^ «Kuäblein»: paeholeh «Bursche, Stiefelknecht», russ. mäl'cik «Knabe»: «Stiefelknecht». Schmeller^ 1, 1138 hat ein Stifel-Halnz «Stiefel zieher».
Ans dem bisher Erörterten fällt auch volleres Licht auf das Element *gardiö- in germ. Namen wie anord. Gerdr, Porgerär, Hrimgerdr, Frögertha — sämtlich mytho- logische Namen, und ein solcher ist im Grunde auch Asger&r — deutsch Irmingart, HUdigart, älter -gardi(s). Es gibt für diesen Namenbestandteil keine andere passende Erklärung als die aus dem lautlich völlig mit ihm sich deckenden deutschen Gerte, germ. *(jardiü-, mit dem es auch schon von Edward Schröder bei Bechtel, Die attischen Frauen- namen 100 und Die deutschen Personennamen, Festrede zur akad. Preisverteilung, Göttingen 1907, S. 6 zusammengestellt worden ist. Das Wort scheint mir in den Namen bereits «Mädchen, Jungfrau» zu bedeuten. Dabei ist daran zu erinnern, daß auch franz. gars, garce, gargon von Vising in Le Moyen Age 2, 31 ff. aus ahd. gartea gedeutet wird. Darf man auch Schweiz. Gertel «böser Junge, Schlingel», Staub-Tobler 2, 443, hierher stellen?
In seinem eben genannten Vortrag vermutet Schröder auch für den Frauennamen Gisüa ähnliche Bedeutung wie für Garda (aisl. Gerür) und faßt beide nicht als Ver- kürzungen von Kompositis auf. Aber daß Gisila doch sicher nichts als eine Kurzform von Gebilden wie Gisilberga ist, geht schon daraus bestimmt hervor, daß g^sil massenhaft in männlichen, nie aber, was schon Förstemann aufgefallen ist, in weiblichen Namen als zweites Kompositionsglied auftritt. Auch im Keltischen begegnet gall. -geistlos, -jestlus, corn. -guistel nur in männlichen. Au Schröders Deutung des Wortes aber möchte ich festhalten; nur handelt es sich um ein altes Maskulinum, das deshalb nicht gut un-
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mittelbar für ein Mädchen oder für «Mädchen» oder als zweiter Teil weiblicher Namen gebraucht werden konnte, vielmehr ein Wort für «Knabe, Jüngling» war. Es ist nicht ein Seitenstück, sondern das Gegenstück von *(jardi »Gerte; in Namen, mit dem es auch durch den Stabreim verbunden ist. Germanisch etwa gisloz jah gardiöz, ursprünglich «Stecken und Gerten», wird für «Knaben und Mädchen» gebraucht worden sein. Die hier vorliegende Ablautform, von der in Ger aus *(;aiza- und Geisel «Peitsche», ahd. (/(lisahi, verschieden, ist durch Igbd. i/isil «Pfeilschaft» und air giaUaim «peitsche» belegt und ist idg. ei, das auch für das somit völlig gleichlautende ahd. gisal, ags. gisel, aisl. (ßsl, air. giaU, cymr. gwysfgl, corn. guisH «Bürgschaftsg,efangener» anzunehmen ist. Daß es sich überhaupt bei diesem um kein von Haus aus verschiedenes Wort handelt, hat Schröder ZfdA. 42, 65 gesehen und bemerkt mit Recht, bei g'isal liege der Bedeutung «obses» die Bedeutung «adolescens liber» voraus. In einer Anmerkung heißt es: «vgl. hierzu auch die lehrreiche Glosse 'pignora' chi)i(l ahd. gll. I 228, 37 (R)». Diese erklärt sich aus dem umgekehrten ßedeutungsübergang, der im jüngeren Latein vorhegt, wo pignora auch außerhalb der Poesie für die nächsten Verwandten, Weib und Kinder und Eltern gebraucht wird, so z. B. Germ. 7 und öfters noch von Tacitus. Immerhin darf man sicli auch auf dieses Gegenstück berufen. Nur in einem Punkte weiche ich von Schröder hier ab, der annimmt, daß der Speerschaft, die Rute und der vornehme Jüngling alle drei die «Emporgeschossenen», die «Schößlinge» oder «Sprößlinge» heißen. Ich stelle mir vor, daß auch in diesem Falle der Zusammenhang ein engerer ist. Gerade wie das Mädchen unmittelbar mit der Gerte verglichen und danach benannt wird, so der Knabe oder Jüngling nach dem gtsil, dem Schaft oder Stecken. Diese Etj-mologie des germanischen und keltischen Wortes für «obses» vermittelt uns auch das Ver- ständnis des bisher unerklärten aksl. tah «obses», das sich zu dem früher erwähnten griech. xäXiq und lat. talca, aslov. talij «ramus virens stellt.
Endlich gehört hierher got. skallcs «Diener, Knecht», aisl. slallr, ags. scealc «Dienst- mann>, as. ahd. scak «Knecht, Diener>. Geraeiugerm. ^slallnz «Knecht» ist nach dem Vorgang von v. Friesen, Mediogeminatorna 59 für dasselbe Wort zu nehmen wie norw. dial. shalk m. «Stumpf, Endstück von Brot», färöisch shUkiir «Stück Holz, das in das unterste Ende eines Dachsparrens eingeschlagen wird, auf dem rntnhord und tonhald {= Seitenbretter auf dem Dach, die den Grastorf am Herabgleiten hindern) ruhen, Endstück von Brot>, schwed. sJcalk m. «Brot- und Käseanschnitt>, schwed. dial. skdik und skulk «abgesägter Stummel von Balken, Planken oder Brettern», dän. skalk «Stück Zimmerholz oder kürzerer Sparreu, Endstück von Brot», mndd. schaJk «die kleine Stütze, worauf ein Balken ruht». Schmeller^ 2, 412 hat schdJkoi (HhE.) «in Schalken (Scheite) hauen» und sich Schalken «in Schalken springen, entzweigehen», das ebenfalls hierhergehört.
Was die Beziehung von Schalk «Knecht» zu Schalk «Klotz, Balkeustummel» betriflft, ist freilich auch die Möglichkeit eines umgekehrten Verhältnisses zu erwägen. Man konnte hier an ein Seitenstück zu dem oben gestreiften Knecht im Sinne von «Träger» oder «Halter» denken, wobei unter anderem an den Henhainz oder die Heithahue «aufrecht- stehender Pflock mit Aststummeln zum Trocknen des Heues», Schmeller* 1, 1138. Grimm DWb. 5, 1396, an Hansel in ähnlichem Sinn, Schmeller* 1, 1134 und vor tülem an aisl. drergar zu erinnern wäre, wie die kurzen auf anderen Balken aufstehendea Ständer heißen, die einen Dachbalken tragen. Das geschieht, wie Fritzner I, 275 bemerkt, i Lighed med de d vergär, som Aserue satte til at bivre Himmelen, eu undcr
48 Rudolf Mucli.
hvert af dens Hjörner SE. I, 50'. Audi aisl. drcrgr «fibula» scheint mir, beiläufig bemerkt, als Hälter des Gewandes so beuaunt zu sein. Wirklich weiß Schmeller^ 2, 410 zu melden, daß in Schwaben der Pfannenkuecht oder der Feuerhund Schalk genannt wird, und pfannenschak für das eiserne Gestelle, auf dem die Pfanne über dem Feuer steht, den «Pfannenkuecht», kommt schon bei Neidhart vor. DWb. 8, 2075 bringt noch mehr Belege für die mundartliche A'erwcndung von Schalk «von einem dienenden, helfenden Geräte, Träger, Gestell, auf dem etwas ruht».
Aber das skalk als Bezeichnung für den Klotz, auf dem Sparren oder Balken aufliegen, wird mit Recht nicht getrennt von ostfries. skalk «kleiner Klotz unter einem Spikerkopf, angebracht, um diesen zu hindern, zu tief einzudringen» und hierzu gibt es auch ein synonymes dän. skahn, ndd. holl. schahti. Alle diese Worte gelten daher mit Recht als Bildungen aus der Wurzel xkrJ «spalten», zu der unter anderm auch got. skalja «Ziegel», aisl. sk/lja «trennen, schneiden», deutsch Sdialc, Srhihi, ScIioUr gehören: s. Persson, K. Z. 33, 290, Zupitza, Die germ. Gutt. 95, v. Friesen, Mediogeminatorna 59, Falk-Torp, E.Ob. 2, 169 f.
In oberdeutschen Mundarten verbreitet ist auch ein Schalk «Wamms, Mieder, Jacke», DWb. 8, 2075. Dazu bemerkt dieses (Heyne): «möglicherweise ist das Wort eine besondere Gebrauchsart des Subst. Schalk 1. Hintner vergleicht Ha)is, Hansel, das mundartlich Unterrock oder Hemd bedeutet». Aber Hansl könnte ein Kleidungsstück doch nur gleichsam als Vertrauter, Freund, Geliebter heißen, insofern es einen umfängt, schützt, erwärmt, nicht aber als «Diener». Schalk wird also auf diesem Wege kaum erklärt. Auch kann ich mir nicht wohl denken, daß der Schalk so benannt sei, weil er etwa einmal für den Knecht eigentümlich war. Wenn wir dagegen die Bezeichnung des Kleidungsstückes, das ein kurzes ist, — «ein kurzes Kamisol» nennt es Schmeller ^ 2, 412 — von Schalk in dem älteren Sinn des abgeschnittenen Stückes herleiten, können wir uns auf zahlreiche Analogien berufen. Ich nenne ags. ci/rfcl, aisl. kyrfill «Rock», eigentlich «Kurzkleid»; unser Schurz, Scltiirzc und engl. .s7//r/, Sdsl. shjrla «Hemd», zu ahd. scurz, ags. sceori, lat. *excurtus gehörig; ferner schwed. stuhh «Unterrock der Frauen» neben aisl. stuhbr, stuhhi. stohhi, stüfr «Stumpf», und aisl. stakkr «Stak, Kufte, kort Klasdningstykke til Overkroppens Bedsekning» (Fritzner^ 3, 517), das sich aus dän. stakaandet «kurzatmig», slakkrt «kurz», stakkc «kürzen» usw. einfach als «das kurze» erklären läßt, allerdings aber auch mit Falk-Torp, E. Ob. 2, 283 zu aisl. staka stakka «FelL. gestellt werden kann. Selbst &\s\. pih «Frauenunterrock» deutet Johansson, K. Z. 36, 377 ähnlich. Strumpf, Stutzen, stocking liegen hier nur insofern weiter ab, als sie bloß zur Bekleidung von Gliedmaßen dienen. Auch Schalk als Name für ein Kleidungs- stück scheint mir also ein skalk «Abschnitt, Stutz, Stummel> vorauszusetzen.
Vielleicht tragen diese Ausführungen dazu bei, v. Friesens Etymologie von Schalk die Wörterbücher zu öffnen.
Gerade dieses Wort ist übrigens von besonderem Interes.se, weil es in der Bedeu- tung «Diener» schon gemein- und urgermanisch ist. Bereits in einer Zeit mit sehr einfachen und gleichartigen Lebensverhältnissen und geringen Bildungsunterschieden in der Bevölkerung ist der Knecht dem Herrn als «Klotz» erschienen. Dabei werden, wie wir schon angedeutet haben, Rassemmterschiede mit im Spiele sein.
Ethno-geographische Wellen des Sachsentums. 4-Ö
Ethno-geographische Wellen des Sachsentums.
Ein Beitrag zur deutschen Ethnologie. Von Willi Pessler,
wissenschaftlichem Hilfsarbeiter am Museum für Völkerkunde zu Hamburg.
, Systeme sind Nester;, sie haben keinen Wert mehr, wenn die Wahrheiten, die in ihnen lagen, flügge geworden sind."
Adolf Harnack in mein Stammbuch.
Unter Ethno-Geograpliie verstehe ich die Wissenschaft von der Verbreitung des Volkstums hinsichtüch seiner sämtlichen Äußerungen. Dabei ist Geographie in dem engeren Sinne = Verbreitung, Ethnos in der erweiterten Bedeutung der modernen Völker- kunde als Gesamtbegriff aller Volksmerkmale gefaßt. Ihre Methode ist die geographische, die in der Kartendarstellung ihren vorzüglichsten Ausdruck findet. Die Landkarte ist ihr wichtigstes Hilfsmittel, denn diese bringt die Ergebnisse schneller und sicherer zur Anschauung und Einprägung als seitenlange Ausführungen (ähnlich der geographischen Methode), abgesehen von dem schnellen und erfolgreichen Vergleichen, das erst durch die Karte möglich wird. Diese räumliche Betrachtung des Volkes wird durch die zeit- liche, entwicklungsgeschichtliche, ethno-historische ergänzt, erst beide zusammen bilden die Ethnologie. Ihnen allen zugrunde liegt die Ethnographie, die Sammlung und Be- schreibung des Materials.
Die Äußerungen oder Merkmale des Volkstums sind: Körper, Geist und Sprache, Sache. Ihr Vorkommen muß im Zusammenhang und mit Zielbewußtsein erforscht werden.' Die Ergebnisse für unser deutsches Volkstum, soweit sie kartographisch ab- geschlossen sind, habe ich anderweitig^ zusammengestellt. Die mächtig aufblühende Wissenschaft, der von selten der Anthropologie, Psychologie mit Sprachforschung und der Sachforschung begeisterte Hilfskräfte zuwachsen, hat sowohl die Grenzen nach außen wie die Unterschiede im Innern des ^'olkskörpers zu erforschen. Dabei sind die Außen- grenzen jeder Volksgemeinschaft gleichzeitig Innenscheidelinien hinsichtlich des zunächst übergeordneten Begriffes ; so bezeichnen die Grenzen der Rieser Volksart für den schwäbischen Volksstaram, dessen Grenzen für das Alemannentum, dessen Grenzen für das oberdeutsche Volkstum und endlich dessen Grenzen für das gesamte Deutschtum innere Verschiedenheiten. .Tedes Volkstumsmerkmal hat ein bestimmtes Ausbreitungs- gebiet, eine Tatsache, für die man nicht unpassend die Bezeichnung «Welle» gewählt hat, damit zugleich die Entsteliungsart einer solchen Verbreitung andeutend. Die äußersten geschlossenen Grenzen wären dann die Wellenränder, über welche hinaus noch manche Woge, noch mancher Wellenschaum vorgeflutet ist, um auf fremdem Boden sich abgesondert zu erhalten oder zu versickern. Will man Fremdwörter dafür wählen, ohne die wir auf die Dauer vielleicht doch nicht auskommen, so könnte mau nach dem Vorbild der Physiogeographie (Isohypsen usw.) die Linien, welche die äußersten Punkte gleicher Volksart verbinden, «Is-ethnen» nennen, die dann in Iso-somaten (Linien gleicher
' «rian einer grolien deulsrlieii Eihno-Geograpliie.» Kölnische Zeitung S. VI. 1907.
' «üeutsche Ethno Geographie und ihre Ergebnisse» mit Karte. Deutsche Erde 1909. Heft 1.
Wörter und Sachen. I. '
50 ^Villi Pessler.
Köperbeschaffenheit), Iso-psycheu nebst Iso-glossen und Is-ergen (Gleichheit der Sachen) zerfallen würden.
Für ethno-geographische Betrachtung besonders geeignet ist unter den deutschen Landschaften Altsachsenland, weil hier in vielen Beziehungen ein relativ einheitliches Gepräge herrscht. Eine gleichartige Rasse bildet hier die Bevölkerung nicht, namentlich nicht in der Schädelform ; doch herrschen in der Koiuplexion so große Übereiustitn- mungen, daß man den blonden Typus des Nordwestens dem braunen des Südens gegenüber- stellen kann.' Die Iso-somate, welche die 40 — 54''/o rein Blonden umschließt^ umfaßt in Holland einen sehr breiten Küstenstreifen vom Haag au bis zur Unterems und im Deutschen Reich ungefähr das ganze Land östlich von Ems und Haase nördlich des Tieflandrandes von Osnabrück bis Magdeburg, von hier folgt sie der Elbe bis zur Havel- mündung und wendet sich zur Odermüüdung, hinter der sie in Hinterpommern sehr weit, in West- und Ostpreußen mit Unterbrechungen ins Binnenland hineingreift. Schon jetzt fällt auf, daß das alte Sachsengebiet zwischen Weser und Eider vollständig inner- halb dieser Linie liegt, und daß diese Iso-somate selbst ganz innerhalb des niederdeutschen Sprachgebiets verläuft, aber mannigfsich über die Sachsenhausgrenze hinausgreift, ohne Beziehungen zu ihr zu verleugnen. Einsprengungen des braunen Typus', d. h. Gebiete, in denen ein klein wenig mehr Brünette wohnen (11 — 15"/o), sind nur vereinzelt bei Hameln, Schwerin, Greifswald. Weiter verwerten lassen sich diese Tatsachen einstweilen nicht, denn der helle Menschentypus ist den Sachsen mit Friesen und Nordgermanen ge- mein, also nichts eigentlich Sächsisches, und anderseits sind überhaupt die nach Hundert- sätzen aufgestellten Umgrenzungen recht fließend. Aus letzterem Grunde sind alle Iso- somaten bei der Erforschung alter Volksgemeinschaften nur mit großer Vorsicht zu benutzen.
Isopsychen oder Linien gleicher geistiger Veranlagung sind bislang noch für kein Volk unserer Erde gezogen worden; auch sind sie um so schwerer zu ermitteln, je weniger «faßbar» der betreffende Begriff ist, z. ß. Treue. Doch kann die Volkerpsycho- logie ihre Aufgabe nicht als gelöst betrachten, so lange sie nicht wenigstens den Versuch gemacht hat, die Verbreitung der psychischen Merkmale eines Volkstums zu erforschen und zu kartieren. Praktisch würde diese Darstellung außerordentlich schwierig sein, denn musikalische und zeichnerische Begabung müßten natürlich getrennt werden, ebenso Neigung zum Diebstahl und Roheit usw. Erst all diese Isopsychen zusammen würden ein vollständiges Bild von der «Welle» der völkischen Geistesart geben. Theoretisch aber muß durchaus an der Forderung einer Psycho-Geographie für die Menschheit, zu- nächst für das Deutschtum, festgehalten werden. Einen Notbehelf bilden einstweilen nur die wenigen Karten über Verbreitung der Kriminalität. Hinsichtlich des Sachsen- tums läßt sich a priori vermuten, daß sich mit Angelsachsen und Friesen große Gemein- samkeiten ergeben werden, welche gegen das Franken- und Dänenland hin sich nach und nach abschwächen.
Die Ergebnisse der Sprachforschung hat man schon seit einem halben Jahrhundert in Karten niedergelegt; für die Linien gleicher Spracherscheinungen ist der Name
•• ' ' ' Vergl. Vii-chow, Gesamtbericht, Archiv für Anthropologie XVI, 3, S. 275. Karte 1 : Blonder Typus und Karle 2: Brauner Typus, 1 : 3000000.
- Vergl. «Verbreitung der Deutschen», 1 : 6000000, Meyers Konv.-Lex. 6. Aufl.
^ Vergl. die Karle «Verbreitung des braunen Typus», 1 : 5800000, in Joh. Bänke, Der Mensch II, S. 260.
Ethno-geographische Wellen des Sachsentums.
Isoglossen im Gebrauch. Diese bezeichnen bis jetzt fast ausnalitnslos nur lautliche Über- einstimmungen, sind also genauer Isophonen, während die Verbreitung der Wörter mit ihren Grenzen, den Isolexen, auft'äliig vernachlässigt worden ist. Das größte Unternehmen der deutschen Sprachforschung ist der Wenker-Wredesche Sprachatlas des Deutschen Reichs, der mir durch die Güte der Verfasser in Marburg wiederholt zugänglich war. Der Lautforschung gewidmet, werden seine schönen Karten (l : 1000000) auch der Wort- Geographie große Dienste leisten. Kleinere Lautkarten über das ganze deutsche Sprach- gebiet sind nicht selten ; mehrfach begegnet man auf ihnen der Uugenauigkeit, daß ganz Ostelbien mit Altsachsenland zusammen die Bezeichnung «Niedersächsisch» oder «Sachsen» trägt; zum mindesten müßte es heißen : sächsisch-gemischt, noch besser: ost- elbisches Niederdeutsch. Mit Recht teilt Maurmann' dieses in zahlreiche Untergruppen, denen im Westen eine noch größere Mannigfaltigkeit entspricht. Noch mehr ins Ein- zelne geht Bremer^ mit den Scheidelinien kleinerer Unterdialekte; als Hauptgruppen des Nieder.sächsischen zwischen Zuider See und Odermündung gibt er Westfälisch, Engrisch, Ostfälisch und Nordniedersächsisch an, in der Farbenwahl seiner Karte sehr geschickt. Die «thüringische Tönung» (wenn ich so sagen darf) der ostfälischen Mund- art auf der Karte kann als ein Meisterstück der Sprach-Geographie bezeichnet werden. Das Nordniedersächsische, auf der holsteinischen Mundart beruhend*, ist offenbar reiner sächsisch als die drei anderen Dialekte, die ich demgegenüber vielleicht als «unsächsisch gefärbt» unter dem Namen «Südniedersächsisch» zusammenfassen darf. Für die ältere Zeit haben Piper* und TümpeP Mundartkarten gezeichnet. Daß die große niederdeutsche Sprachscheide von Belgien bis Littauen mit der Sachsengrenze nicht identisch ist, ist ja längst bekannt; denn die Niederrheiner im Westen, die Märker und Preußen im Osten wird niemand als Sachsen bezeichnen wollen. Dagegen hat in Ostelbien eine mehr oder minder starke Mischung mit Siedlern stattgefunden, die aus dem nordnieder- sächsisclieri oder südniedersächsischen Sprachgebiet kamen und auch der Mundart ein mehr oder minder starkes sächsisches Gepräge gegeben haben ; am deutlichsten ist das in einem breiten Streifen an der nordniedersächsischen Sprachgrenze entlang von der Elbe bis zur Leba. Gegen Südosten hin ninnnt dieser sächsische Einfluß nach und nach ab. Es ist eine Hauptaufgabe der Karte, Maß und Ausdehnung solcher Mischungen mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zur Anschauung zu bringen.
Isolexen oder Linien, welche das Vorkommen gleicher Worte bezeichnen, sind mit einer einzigen Ausnahme'' für den deutschen Sprachboden noch nicht gezogen. Vor- bildlich für die Wort-Geographie ist da das große französische Werk von Gilli^ron.^ Anläßlich meiner Hausforschungen habe ich neben der Verbreitung der Hausteile die dafür vorhandenen Volksbezeichnungen verfolgt und so, wie Meringer es wünscht, die Ver- breitung der Sachwelle mit der Wortwelle in Beziehung zu bringen versucht. Für jeden Ausdruck habe ich eine Karte gezeichnet, im ganzen M Karten, deren Ergebnis ich ge- legentlich zu veröffentlichen hoffe. Hier sei daraus mitgeteilt, daß manche dieser Iso-Iexeu
' Karte der deutschen Mundarten in Meyers Konvereationslexikon, 5. Aufl.
- Karte der deut^icllen Mundarten 1 : öS.WOlX) in Brockhaus Konversationslexikon, 14. Aufl., Bd. 5. ' Bremer, Ethiioirraplüe der germanischen Stämme, tJ. Aufl., Straläburp 190-1, S. 13S. * Dialektkarte von Deutschland bis 1300, 1:4700000, Kettlers Zeitschritt I, Tafel 4. =■ Die Mundarten des alten niedersächsischen Gebiets, l:37tX)000, Paul und Braune, Beiträge YII, 1. ^ Wilh. Schwartz, Havelland, Zone der Worte mu^rpel und pierlock. Zeitschrift des Vereins für Volks- kunde 18i).5, Tale] 4, — ' Atlas linguisti(]ue de la France. Preis etwa 1000 Fr.
52 Willi Pessler.
nur Holstein, Laueuburg und Nordhanuover umfassen, daß manche anderen südlicher reichen, aber mit der Linie Ems-Haase-Nordrand des Bcrglandes scharf abschneiden, und daß nur eine beschrankte Zahl der Worte im ganzen Sachsenhausgebiete gemeinsam ist. Vielleicht deuten auch diese Wortwellen, wie schon so manches andere, auf eine Süd- wanderung der Sachsen, deren Volkstum sich um so weniger durchsetzen konnte, je mehr sie südwärts in schon besetzte Landschaften gelangten. — Ethno-geographisch am wichtigsten von den Wörtern sind, weil lokal gebunden, die Ortsnamen. Die darüber un- bedingt notwendigen Karten sind leider für Altsachen spärlich genügt manche Endungen sind Sachsen und Dänen gemeinsam, manche nur sächsische verlieren sich allmählich nach Süden bis zur Ems-Oker-Liuie. Im Osten lassen slavische Orts- und Familien- namen auf starke, ethnisch sich durchsetzende Bevölkerungsreste der Wenden schließen. - Eine zusammenfassende Namen-Geographie von Deutschland wäre zu wünschen.
Die Wortwellen bedürfen der Sach wellen zur Ergänzung.^ Volkstümliche Sachen sind Siedlungsform, Hausform, Gerätform. Die Hauptdorfformen sind Einzelhof, Haufen- oder Gewanndorf, Reihendorf, Weiler, Straßendorf und Rundling, deren Verbreitung* größtenteils national bedingt ist. Die beiden letzten stehen unter slavischera, der Weiler unter römischem Einfluß, während der Einzelhof eine sehr alte, nicht nur keltische Einrichtung ist. Während also die Ausbreitung der Rundlinge östlich der alten Wenden- grenze Schwentine, Recknitz, Ilmenau, Saale den unmittelbaren Rückschluß auf großen- teils unsächsische Bevülkerungsteile erlaubt, geht dies beim Einzelhof westlich der Weser nicht an. Sicher rein germanisch sind die Gewanndörfer, da sie aber allen Germanen gemeinsam sind, lassen sie sich für die Sachsenfrage nicht speziell verwerten. Deutsch sind auch die Reihendörfer, im Mittelgebirge mit Waldhufen, an Fluß- und Seeküsten mit Marschhufen verbunden; letztere deuten an L'nterweser und Unterelbe auf hollän- dische Kolonisation. So wird das Gebiet der Gewanndörfer, die in Holstein und Nord- hannover nur sächsischen Ursprungs sein können, im Osten von den Runddörfern der Wenden begrenzt und an der Elblinie durch den schmalen Streifen holländischer Marsch- hufendörfer, der bis zur Sorbengrenze vordringt, fast völlig zerschnitten. Ethnisch besteht der Unterschied gegen Osten noch heute fort, während er. in den Marschen durch Nach- wanderu der Niedersachsen großenteils, zum Teil völlig verwischt ist.
Das wichtigste Volkstunismerkmal, häufig nächst der Sprache, bei den Sachsen über- haupt, ist der Typus des Bauernhauses. Wo die Sachsen nie hingekommen sind, fehlt auch ihr Mittellängsdielenhaus völlig, so an den Küsten des alten Friesland, auf der Halbinsel Eiderstedt in Nordschleswig, am Mittelrhein, im hochdeutsch sprechenden Hessen. Wo die Sachsen hinkamen, brachten sie auch ihr Haus mit: ganz Westfalen, später Ostholstein, Mecklenburg, Pommern; daß sie es in Ostfalen nicht durchsetzten, kann nur durch eine stark unsächsische Grundbevölkerung erklärt werden, die ja auch durch die Mundart bewiesen wird. Wo sonst das Längsdielenhaus herrscht, ist Sachsen- einwanderung (vergl. oben) belegt, so am Niederrhein, wo die Franken im dritten nach- christlichen Jahrhundert von den Sachsen zurückgedrängt wurden.^ Wo schließlich
' Reimer Hansen, Ortsnamen der Cimbern halbin sei, 1:5000000, Deutsche Erde, 1902, S. 7"2, und A. Gloy, Ortsformen und -namen in Ostholstein, Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, VIF, 3.
? Hans Witte, Karte von Mecklenburg, Deutsche Eide, 19Ü5, Karte ].
' Rudolf Meringer, ,Wörterund Sachen". Indogermanische Forschungen XV'I, S 101, und XVII, S. 100. — * Au^st Meitzen, Siedelung und Agrarwesen, Berlin 1895, Atlas, Übersichtskarte. — '" ßrenier, a. a. 0., S. 157,
Ethno-geogra))hisehe Wellen des Sachsenlums. 53
ihr Haus fehlt, haben sich Saehsen überliaupt nicht niedergelassen (Süd- und Nord- holland) oder nur ganz vereinzelt (Litus Saxonicum) oder unter fremdem Volk in er- obertem Land (Ostfalen). Alles in allem spricht das Dielenhaus für starkes, mindestens maßgebendes Sachsentum (vergi. weiter unten die Ausführungen über die Abarten des Haustypus). Die Grenzen des Sachsenhauses habe ich auf eigenen Wanderungen durch ganz Niederdeutschland über tausende von Ortschaften verfolgt.' Im Süden fällt sie von Wupper bis Weser im Berglande haarscharf mit der niederdeutschen Sprachscheide zusammen, während sie gegen den Rhein hin hinter ihr zurückbleibt und sich der Nordgrenze der niederfränkischen Mundarten anschließt })is zur Maas ; an dieser und am Niederrhein hinab reicht das Sachsenhaus bis Utrecht, bis zu den alten Grenzen der Friesen*, die es auch bei der Zuider See, Unterems und Jade nicht oder nur un- bedeutend (in Ostfriesland) überschreitet. Die Südgrenze bleibt von der Weser ab er- heblich hinter der niederdeutschen Iso-phone zurück, folgt dem Lcinetal nordwärts und geht über Alfeld, Braunschweig, Wittenberge und Neubrandenburg zur Oder- mündung, hinter der sie noch den hinterpommerschen Küstenstreifen umfaßt; in der Altmark ist sie mit der Grenze des Bistums Verden und der Grenze der wendischen Flurnamen (nicht Ortsnamen) identisch und umschließt in Ostelbien alle Landschaften, die nachweislich eine starke niedersäehsische Besiedlung zusammenhängender Art er- fahren haben. Auf der Cimbernhalbinsel geht die Sachsendiele bis Norderdithmarschen und über Eider und Schlei, hinter der siegreicheren Sprache der Niederdeutschen um einen Streifen zurückbleibend. Das ist das Gebiet des reinen altsächsischen Stils, bestiuunt nach dem Vorkommen der hohen Mitteldiele in Längsrichtung. Weit darüber hinaus greifen Übergangs- und Mischformen, die ich auf einer Haustypenkarte des Deutschen Reichs" mit eingetragen habe. Es sind vorgelagerte Zonen, im Westen die bergische Mischform, wenig umfangreich, im Osten die ostelbische Übergangsform und die alt- sächsisch-rnitteldeutsche Mischform, alle drei im Giebelflur sächsische Überlieferung be- wahrend, alle drei noch innerhalb iler niederdeutschen Sprachscheide, aber nahe an sie heranreichend. Die beiden östlichen Formen erfüllen in Brandenburg und Pommern Gebiete, wo die Sachsen nicht als Volk, sondern als einzelne gemischt mit Fremden, mit andern Deutschen, kolonisiert haben, wie die Geschichte berichtet und auch der Dialekt bestätigt. Die Is oike der Mitteliängsdiele (ostelbische Übergangsform und alt- sächsisch-mitteldeutsche Mischform) bezeichnet die äußersten Vorposten sächsischer Art in deutschen Landen.
Ebenso überraschend und ethnologisch ebenso wertvoll sind die Wellen, welche die Abarten des altsächsischen Bauernhauses begrenzen ; in zwei großen Karten habe ich sie niedergelegt.* Nach Meringers Vorschlag** habe ich dort getrennt, und zwar so, daß die Konstruktion und der Grundriß auf je eine besondere Karte kam. Wie sicli dabei herausstellte, lassen sich nach der Konstruktion (Karte I) zwei Hauptabarten des Sachsen- hauses unterscheiden, je nachdem die sparrentragenden Balken nur auf den Dielen- ständern ruhen oder über diese hinaus auch auf die Außenwände aufgelegt sind.
' Das altsiuhsisihe Bauernliaus in seiner geoprapliisclien Veibreitinifr, Prannschweip 1906.
- Roderich von Eickcrt, Wanderungen und Siedlungen der germanischen Stämme, Atlas, Berlin 1901. Karte 12. — ' Die Haustypengebiele im Deutschen Reich, Deutsche Erde, 1908, Heft i und 3, mit Karte 3 im Maßstab 1 : -iT.'iOOO«. — * Die Abarten des altsächsischen HaH>typus, mit :J;? Abbildungen und 2 K.irten, Archiv für Antluopologie, lOO'.t, Heft 1. — •' Banc.alari und die Methode der Hausforschung, Mitteilungen der anthropologischen Gesellschalt, Wien 1903,
5t Willi Pessler.
Während dabei das Mittelschiff, die Diele, stets gleich bleibt, sind die Seitenschiffe im ersten Falle niedriger als diese, liegen unter angesetzten Verlängerungssparren und somit unter der Dachschräge und werden dann Kübbung genannt. Im zweiten Falle ist die Höhe der drei Schiffe gleich, so daß die Querbalken im Innern auf den Dielen- ständern, außen auf der Wand und somit auf deren Ständern ruhen, M-ofür das Volk die Bezeichnung Yierständerhaus gewählt hat. Eine schmale Kontaktzone zwischen Zweiständer- oder Kübbungshaus und Vierständerhaus weist ein Dreiständerhaus auf und reicht von Limburg über die Ruhrmündung, Mittelwestfalen, Lippe und Braun- schweig zur Altmark. Die Kübbungskonstruktion findet sich unter allen Haustypen der Erde imr beim nördlichen Sachsenhause (und in dem verschwindend kleinen Ge- biete des' benachbarten Nordfriesenbauses) und ist als spezifisch sächsisch anzusprechen. Das Vierständerhaus erfüllt Südwestfalen, Lippe und das Weserbergland, hier vom mitteldeutschen Haustypus noch teilweise oder völlige Zweistöckigkeit übernehmend, und reicht in einem schmalen Streifen ostwärts nach Mecklenburg und Pommern. Das Kübbungshaus umfaßt das ganze übrige große Gebiet des Sachsenhauses, im Lande der Niederfranken durch Erhöhung der Diele etwas abgewandelt, wozu noch links des Rheins Zweistöekigkeit tritt, beides Avahrscheinlich unter friesiscliem und fränkischem, jedenfalls unsächsischem ßaueinfluß. Das Vierständerhaus ist auch aus dem Kübbungs- haus hervorgegangen und zwar durch Hineintragen des mitteldeutschen ßaugedankens, wahrscheinlich macht sich darin noch heute in Westfalen die vorsächsische Bevölkerung (Brukterer) geltend. Nach Ausscheidung der fremdtümlich beeinflußten Abarten ver- bleibt als das Gebiet des unerhöhten, rein sächsischen Kübbungshauses : Ostholland, Nord Westfalen, Niedersachsen, Holstein, Mecklenburg und Vorpommern. — Dem Grund- riß nach zerfällt das Sachsenhaus in die Abarten der Flettdiele (Längsdiele mit quer- gerichteter Wohndiele, dahinter Wohnteil), der Durchgangsdiele (von Giebel zu Giebel durchgehend) und des T-Hauses (Wohnteil mit eigenem Querdach), welches im nieder- fränkischen Gebiet herrscht. Wiederum kommt die eine AV>art, die Durchgangsdiele, nur in den fremdvölkisch beeinflußten Landschaften vor, in Südwestfalen (Brukterer), in Ostholstein, Mecklenburg und Pommern (Wenden) und den holsteinischen Elbmarschen (Holländer). Das übrige Gebiet fällt der Flettdiele zu, die sicherlich reiner sächsisch ist. — Baulich am reinsten sächsisch ist das Gebiet, wo Kübbungshaus und Flettdiele im Hause vereinigt vorkommen, also Mittel- und Südholstein, Niedersachseu, Nordwest- falen, Hollands Ostrand.
Der Hausrat des Sachsenhauses ist einigermaßen bekannt, doch nicht annähernd so genau erforscht wie der des oberdeutschen Hauses durch Meringer\ seine geogra- phische Abgrenzung, die Voraussetzung seiner ethnologischen Verwertung, dürfte auf außerordentliche Schwierigkeiten stoßen. Die Grenze der Giebelzierden hat Karl Brandi^ für das W^eserland kartiert; es scheint danach, als ob die Pferdeköpfe stärkeres Sachsen- tum andeuten als die Giebelsäulen.
Das Gesamtergebnis unserer Untersuchung wird durch beifolgende Karte darge- stellt. Es lautet: Die Grenzen des sächsischen, wie jeden Volkstums sind nach der Verbreitung sämtlicher ethnischen Merkmale festzustellen, die nach ihrer Zugehörigkeit (Körper, Geist und Sprache, Sache) eine Dreiteilung zulassen. Die allerletzten Ausläufer
' Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft, Wien.
'^ Mitteilungen des historischen Vereins zu Osnabrück, XVIU, Tafel 1 und 2,
Ethno-geographische Wellen des Sachsenlums. So
sächsischer Art liegen überall noch innerhalb der niederdeutschen Sprachgrenze, die aber noch viel anderes (Niederfranken, Oslfriesen, Ostniederdeutsche) umfaßt. Die nach Prozenten, also nur annähernd, feststellbare Iso-somate, welche die Xordgrenze der Be- völkerung mit mehr als 10" o braunem Menschentypus bildet, greift am Khein, an der Weser und breit an der Oder bis tief nach Mecklenburg weit über die niederdeutsche Iso-phone herein und deutet, in Übereinstimmung mit anderen Merkmalen, fremderes Volkstum an. Ganz innerhalb der niederdeutschen Iso-phone, vona Rhein bis Weser mit ihr gleich, verläuft die niederdeutsche Is-oike, welche den altsächsisclien Haustypus und seine Verwandten, die bergische, ostelbische und -mitteldeutsch-altsächsische Misch- form umfaßt; sie bezeichnet am besten die Ausdehnung reinsächsischer und sächsisch beeinflußter Art. Die niedersächsische Mundartgrenze bleibt am Niederrhein liinter ihr zurück, durch das Niederfränkische aufgehalten, und ebenso sehr stark im Osten an Elbe, Ucker und Swine, vor sich ein Mischgebiet von Dialekten lassend. Die Grenze des altsächsischen Längsdielenhauses deckt sich mit ihr zwischen Wupper und Weser, greift bis Maas und Lek und in Ilinterpommern darüber hinaus, bleibt aber in Fries- land und Schleswig begreiflicherweise hinter ihrer siegreich vordringenden Schwester zurück, ebenso in Ostfalen, wo diese Abweichung auffallend ist, doch in Überein- stimmung mit der stark thüringisch gefärbten Mundart ein Sichdurchsetzen des Volks- tums dieser von Sachsen eroberten Landschaft andeutet. Einen engeren, reiner sächsischen Bezirk umschreibt das unerhöhte Kübbungshaus, das den Niederrhein, Südwestfalen und das Weserbergland ausschließt; ähnlich das Flettdielenhaus, dessen Welle zwar bis Rhein und Lenne darüber vorschwingt, aber Ostholstein, Mecklenburg und Pommern und die rechtselbischen Marschen ausschließt. Die Grenze der nordniedersächsischen Dialekte bleibt an Hunte, Weser und Aller weit hinter der Flettdiele zurück, greift dagegen iu Ostelbien gleich dem Kübbungshaus weit darüber hinaus, von der Ilmenau an mit der Linie der niedersächsischen Mundarten überhaupt gleich. Das so eingeengte Gebiet zwischen Schlei, Hunte und Eide wird nun im Osten durch die Westgrenze der sla- wischen Rundlinge und die etwas darüber vorgreifende Westgrenze der slawischen Orts- namen noch mehr beschränkt, ähnlich im Nordwesten durch die äußerste Linie der friesischen Orts- und Personennamen, die noch genauer erforscht werden muß. So er- halten wir endlich durch fortgesetztes Abtreunen fremder .Volkslumsmerkmale ein Ge- biet, wo alles zusammentrifft: brauner Menschentypus unter 10"/o der Bevölkerung, nordniedersächsische Mundart, Bauernhaus mit Flettdiele und Kübbuugen und ohne fremde Einflüsse (Altland), Fehlen der wendischen Ortsformen und Namen, Fehleu der friesischen Namen. Dies ist das Gebiet des reinsten Sachsentums, soweit es sich ethno- geographisch feststellen läßt. Es ist das: Holstein von Schlei bis Elbe mit Ausnahme des Ostens und der Westmarschen, forner Nordhannover und Oldenburg mit Ausschluß der Marschen und südlich bis zu einer Linie Saterland, Kloppenburg, Visbeck, Wietings- nioor, Diepenau, Steinhuder Meer, Leinemündung, nördliche Orlze und südliche Ilmenau, wo die Oslgrenze beginnt, die von hier bis zur Kieler Bucht läuft, ^'on diesem engen Gebiet aus, das bezeugt die deutliche Sprache der Isethnen, hat sich das Sachsentum dann weiter ausgebreitet, am reinsten gegen die Ems hin, überall sonst bald auf fremdes Volkstum stoßend und diesem bald das eine, bald das andere Merkmal seines Volkstums opfernd. Dieses auf rein ethno-geograpbischem Woge gewonnene Ergebnis stimmt durchaus zu aller historischen Übcrlicfcruug, welche eiu Wandern der Saxoues von Holstein süd-
56 Willi Pessler.
wärts und ihre spätere Ausbreitung über Thüringer und ßrukterer, ihr Vordringen ge- gen die Niederfrankeu, ihre Kolonisation des Wendenlandes und ihre Beteiligung an der übrigen ostelbischeu Besiedlung belegt.
Einen glänzenden Beweis für die Wichtigkeit der Eihno-Geographie und die Rich- tigkeit ihrer Folgerungen liefert ein Vergleich mit den rein archäologisch gewonnenen Ergebnissen hinsichtlich der tSachsengrenze, die Carl Schuchhardt' in übersichtlicher Knappheit zusammengestellt. Der große Archäologe bestimmt hier das Gebiet, das die wirklichen, echten Sachsen der Zeit des 3. bis 8. Jahrhunderts innehatten, nach der Verbreitung dreier Gegenstände: der Buckelurnen, der kleinen Rundwälle und der rö- mischen Bronzeeimer, an sich schon ein bedeutsames Zeugnis für den immer mehr er- kannten Wert der Sach-Geographie. Die Welle der Buckelurnen, an Frisias Küste vor- greifend, verbleibt im Binneniande von Wehden und Loxstedt überBlumental bis Nienburg ganz innerhalb der ethno-geographischeu Grenze des sächsischen Kernlandes, die sie mit Limmer bei Hannover südwärts in Übereinstimmung mit der Kübbungshauswelle ein wenig überschreitet, während sie mit Bergstedt bei Rendsburg wieder innerhalb bleibt. Der Linie der sächsischen Urnenfriedhöfe ähnlich ist die Grenze der kleinen Rundwälle, die im Süden von Damme (beim Dümmer) bis Rehburg die ethnische Grenze begleitet und bis Celle und Gifhorn darüber hinausgreift, hier mit der Küb- bungshauswelle deutlich parallel, sowie auch der weit vorschwingenden Grenze der Be- völkerung mit über 40"/o des rein blonden Typus. Die (römischen) Bronzeeimer, «von den Sachsen selbst geholt und in deren Handel- und Interessensphäre verbreitet» und auf diese einen Rückschluß erlaubend, reichen südwestlich bis Barnstorf und Stolzenau, also genau bis zur ethno-geographischen Grenze, und greifen südlich bis Börrie bei Hameln, wo auch das Flettdielenhaus aufhört, darüber hinaus, und westlich bis Leer, einem Orte, der in großer Nähe und genau in der Richtung des westlichen Vorsprungs des ethno-geographischen Sachsenlandes Hegt. Vergleicht mau die archäologischen Sachwellen ^ untereinander, so bezeichnen die Urnen den engsten, die Rundwälle den mittleren und die Bronzeeimer den weitesten Begriff des Kernlandes, in ihren Grenzen mehrfach voneinander abweichend, doch in deutlicher Beziehung zueinander und zu den ethnischen Grenzen. Daß der Sachsenstamm seit Urzeiten im Vordringen war, ist bekannt, ebenso, daß ethnische Grenzen nicht unverrückbar sind, hierdurch lassen sich also kleinere Abweichungen leicht erklären. Alles in allem ist Übereinstimmung in den Ergebnissen der archäologischen und der ethno-geographischen Wissenschaft ganz überraschend groß und sicherlich von nicht abzuschätzender Tragweite für beide.
Wie hier für das Sachsentum, so ist überhaupt für jedes Volkstum dieser Men- schenerde die EthnoGeographie das wichtigste und sicherste Mittel, um Fremdes und Eigenes zu scheiden. Sie hat noch viel zu leisten, und sie wird erst überflüssig sein, wenn wir genau wissen, was deutsch und undeutsch, was germanisch und ungermaniscb, was arisch und unarisch ist, und jedes Volk nach Art und Maß seiner Verbreitung kennen, dann erst ist ihr System gleich einem Neste, das keinen Wert mehr hat, denn dann sind die Wahrheiten, die in ihm lagen, flügge geworden.
' Archäologisches zur Sachsenfrage, Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, 1908, ein hochwichtiger Aufsatz, der durch die Güte des Verfassers als Sonderabdruck in meinen Händen ist; ich folge hier seinen Angaben.
- Die ich, wie auch stets alle ethno-geographischen Erscheinungen, sofort in Karlen eingetragen habe.
nio-geographisdie Wollen des Sachsenlums.
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r>. M. Meyer.
Isolierte Wurzeln.
Von R. M. Meyer.
Für die «quantitative Analyse» der Sprache bildet die «Wurzel» die Einheit; wir verstehen unter diesem althergebrachten Terminus das Residuum, das nach Abzug aller durch Flexion oder Wortbildung bewirkten Lautvarietäten in verwandten Wort- formen unveränderlich übrig bleibt. Scheinbar bewegen wir uns dabei in einem circulus vitiosus, indem einerseits die Verwandtschaft dieser Wortformen eben bereits auf dem gemeinsamen Besitz dieser «Wurzel» beruht, die dann doch erst aus ihrer Vergleichung abgeleitet wird; in der Praxis jedoch bietet der Gebrauch dieses Begriffs keinerlei ernste Schwierigkeiten.
Wenn die Wurzel der engste hierhergehörige Begrift' ist, so stellt sich an die an- dere Grenze als der weiteste Begriff der des Wortkreises. Dieser Kunstausdruck ist mir in der Wissenschaft zwar noch kaum begegnet und ich weiß kaum, ob er über- haupt von andern schon verwandt worden ist; mir scheint er aber für die bestimmte Art, das sprachliche Material zu übersehen, um die es sich hier handelt, schlechterdings unentbehrlich. Ich verstehe also unter einem «Wortkreis» die Gesamtheit der aus ein und derselben Wurzel «abgeleiteten» Wörter, also etwa das, was Bruno Liebich in seinen «Wortfamilien der lebenden hochdeutschen Sprache» (Breslau 1899; vgl. meine Rec. Zs. f. d. Phil. 32, 413) als «Wortfamilie» bezeichnet. Dieser Terminus scheint mir aber weniger zu empfehlen, weil zu dem Begriff des «Wortkreises» sich ergänzend der (gleich näher zu erläuternde) des «.Formeukreises» stellt, während man von «Formen- familien» nicht gut reden könnte. Auch spricht die Analogie von Kunstausdrücken wie «Sagenkreis» und «Vorstellungskreis» für unsern Ausdruck; denn es handelt sich auch hier um ganz dasselbe: die Gesamtheit der von einer bestimmten Wurzel ausstrahlenden Sagen oder Vorstellungen — eine geschlossene Gruppe, die wir uns eben in dem Bild eines Kreises am besten veranschaulichen.
Der Wortkreis ist jedoch keineswegs mit der Gesamtheit der ein und derselben Wurzel entstanimenden Wortformen identisch. Vielmehr ist jedes «Wort» seinerseits Mittelpunkt eines geschlossenen Formenkreises, zu dessen Varietäten es in dem gleichen Verhältnis steht wie die Wurzel zu den Worten. Das Wort «Vater» ist sozusagen die Wurzel aller Flexionsformen, die zu diesem Nom. Sg. gehören; nur daß wir hier nicht eine Abstraktion, sondern eine bestimmte Einzelform zur Überschrift wählen: den Nom. Sg. bei einem nominalen, die 1. Sg. Ind. Präs. Act. bei einem verbalen Formeukreis. Alle Formen also, die in Kasus, Numerus, Genus oder in Personalendung, Modus, Tempus, Genus verbi unterschieden zueinander in flexivischeu Beziehungen stehen, bilden einen geschlosseneu Formenkreis.
Der Formenkreis bezeichnet also begrifflich die weitere wie der Wortkreis die engere Abstammungsgemeinschaft einer Wurzel. Übrigens sind die gegenseitigen Be- ziehungen der Glieder innerhalb beider Gruppen nicht völlig gleichartig. Vor allem ist der Umfang des Wortkreises von vornherein nicht bestimmbar. Selbst das Allgemeinste, daß zu jeder Wurzel ein verbaler und ein nominaler Wortkreis gehört, läßt sich nicht unbedingt behaupten: es gibt rein nominale Wurzeln wie die der Pronomina und Zahl- worte (worüber unten mehr), wenn es auch wahrscheinlich keine einzige rein verbale Wurzel
gibt, d. h. keine, aus deren Stamm nicht Nomina agentis oder actionis entsproßt wären. Dagegen ist der Umfang des Fornienkreises von vornherein bestimmbar und wir wissen, welche Kasusformen usw. zu einem Nomen, welche Tempusformen usw. zu einem Yerbum gehören. Ausnahmen gibt es auch hier: Singularia oder Pluralia tantum, Deponentia u. a. m. ; aber das ändert nichts an dem prinzipiellen Unterschied, daß die «Ableitungen» innerhalb der Wortbildung fakultativ, innerhalb der Flexion obligatorisch sind. Gerade dies bildet eben den wesentlichen ßegriffsunterschied von Wortbildung und Flexion, der allerdings durch vermittelnde Formen abgeschwächt wird. (Hierüber habe ich aus- führlicher in dem Aufsatz «Klassensuffixe», P. B. B. 22, 548, gehandelt.) Ganz im groben können wir sagen, daß es nur zweierlei Formenkreise gibt: nominale und verbale; wissen wir von einem «Wort» nur, ob es Nomen oder Verbum ist, so ist sein Formen- kreis der Quantität nach bestimmt. Nicht der Qualität nach: die Endungen können die der starken oder schwachen Deklination, der bindevokalischen oder biadevokallosen Konjugation usw. sein; aber daß wir einen Gen. Plur., eine 3. Plur. Perf. usw. zu er- warten haben, wissen wir. (Ich wiederhole meine Einschränkung: «ganz im groben»; denn möghch ist es ja, daß Kasus wie der Instrumental oder der Ablativ oder Locativ von vornherein nur bei bestimmten Deklinationen obligatorisch waren.)
Dagegen läßt sich über die Wortkreise von vornherein auch nicht entfernt das behaupten, was von den Formenkreiseu mit einiger Bestimmtheit ausgesprochen werden kann. Von keinem einzigen Suffix kann ohne empirische P^eststellung ausgesagt werden, daß es an irgend eine Wurzel herantritt; auch nicht von Zinimers Suffix -a, das doch so ungeheuer häufig ist, daß man an seinem .Suffixcharakter irre werden und zu der älteren Auffassung des «Bindevokals» zurückkehren möchte. Von keiner Wurzel können wir von vornherein wissen, ob sie Nomina agentis oder actionis einer bestimmten Kate- gorie bildet. Es ist z. B. von allen Wiu-zeln, die eine manuelle Tätigkeit ausdrücken, von vornherein sehr wahrscheinlich, daß sie Werkzeugnamen vom T^'pus unserer nhd. Bohrer, Träger oder Scliiissd, Schlüssel oder Deche, Sehrank bilden; aber sicher ist es nie. Wer würde z. B. nicht erwarten, daß es zu unserem so häufigen Verbum fliehen ein Nomen agentis gäbe, sogut wie zu hämpfen oder morden ? Aber wir müssen den, der eben jetzt flieht, mit dem Verbaluomen bezeichnen: dem Fliehenden sollst du goldene Brüchen hauen; den, der gewohnheitsmäßig flieht, mit einem stammfremden Appellativ von moralischer Prägung: als Feigling oder Ausreißer; und nur für denjenigen, der sich infolge einer Flucht in bestimmter eigentümlicher Lage befindet, haben wir die sekundäre Ableitung Flüchtling. — Ebensowenig besitzen wir z. B. nhd. eigentliche Nomina agentis zu ziehen, stürben, fallen, was bei den beiden letzten vielleicht, gewiß aber nicht bei dem ersten aus inhaltlichen Gründen erklärt werden könnte.
Es scheint mir nun eine der dringendsten Aufgaben der Linguistik, eine voll- ständige Aufnahme der idg. Wortkreise (mit besonderer Hervorhebung ihrer Lücken !) vorzuneinnen. Über die ursprünglichen Beziehungen zwischen Wurzel imd Suffix, über den Gang der Bedeutungsdififerenzierung, über die Wortschichten unseres Sprachmaterials können wir auf keinem andern Wege zu irgend welcher Klarheit ge- langen. Freilich wäre es eine Arbeit von größter Schwierigkeit, da es mit einem bloßen Excerpieren der Wörterbücher nicht abgetan wäre; aber bedarf nicht gerade die Linguistik neuer Wege, neuer Methoden, schon um aus der Skepsis herauszu- kommen, die immer bedrohlicher und lähmender ihre Vertreter ergreift?
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60 H. M. Muyer.
Auf einiges nun, was sich bei solchen Untersuchungen ergeben dürfte, sei es erlaubt, mit vorausgreifenden Verniutung,'en hinzuweisen.
Wir pflegen in den historischen Disziplinen gern von Längs- und Querschnitten gleichnisweise zu reden ; es liegt aber im Wesen der geschichtlichen Forschung selbst, daß sie die ersteren bevorzugt. So vergißt auch die Sprachwissenschaft über ihrer Hauptaufgabe: die Entwicklung der Sprache darzustellen, gern die zweitwichtigste Auf- gabe: den Zustand der Sprache in bestimmten Entwicklungsphasen zu beschreiben. Sie schiebt das ganz der Philologie zu ; nun gut, so müsseij wir ebeii neben den idg. Sprachvergleichem idg. Philologen haben! Von der Rekonstruktion des «Uriudo- germanischen» will man nichts mehr wissen, und Hermanus scharfsiuniger Aufsatz (K. Z. 41, 1) schiebt die Erschließung der idg. Ursprache beinahe soweit zurück, wie Fincks geistreiche Rezension von Trombettis Werk (Gott. Gel. Anz. 1908, S. 689) die der menschlichen Ursprache. Bei den methodologischen Kämpfen um die «linguistische Paläontologie», etwa zwischen O. Schrader und Kretschmer, spielt diese Skepsis eine Hauptrolle. Dabei ist aber auf eine merkwürdige Tatsache hinzu-weisen : Der Stand- punkt der Zweifelnden hat sich von Grund aus geändert. Als man von Schleichers fröhlicher Zuversicht , ein Handbuch der Konversation mit den Indogermanen zu schreiben, zurückkam, hielt mau die Erschließung der «Urworte» für zu schwer; heut hält man sie für zu leicht. Aus zwei, drei Übereinstimmungen werden urarische Wörter hergestellt; und man hat anfangen müssen (worauf z. B. Hermann auch hinweist), innerhalb dieses rasch anwachsenden indogermanischen Sprachstotts Perioden zu unterscheiden. Da nun aber fehlt es eben an Kriterien 1 Ich glaube, nur jene \'ergleichuug der Wortkreise kann helfen.
Greifen wir zu einer nhd. Analogie, «Kraft» und «Brüderlichkeit» sind beides ger- manische Worte, beides deutsche Worte, beides reindeutsche Worte. (Auf eine etwaige inhaltliche Beeinflussung der zweiten Bildung durch das «fraicmite-» der französischen Revolution brauchen wir uns hier nicht einzulassen.) Aber sie gehören ganz verschie- denen Sprachschichten an. Das Wort «Kraft» ist jahrtausendelang von den Germanen (oder ihren Vorfahren) gebraucht worden, ehe das Wort- «Brüderlichkeit» existierte. — Ahnliche Verhältnisse mögen zwischen idg. «Kulturwörtern» herrschen. Der Begriff der «Schlacht» kann seit Jahrtausenden Männern klar gewesen sein, deren Urenkel mit dem Begriff «Ehe» noch nichts aufzufangen gewußt hätten; und dabei kann der jüngere Begriff noch sehr gut in die proethnische Periode fallen.
Nun denke man sich jenes «Sprachgeschichtliche Wörterbuch» hergestellt. Es Avürde in drei Teile zerfallen: 1. eine Zusammenstellung sämtlicher idg. Wurzeln oder Basen, 2. eine vollständige Sammlung derjenigen zu jeder Wurzel gehörigen Worte, die als idg. anzusehen sind, 3. eine summarische Darstellung der späteren Entwicklung jedes Wort- kreises. Es würden also die linguistischen Wörterbücher von Fick und Liebich von neuen Gesichtspunkten aus geordnet, in eins zu arbeiten und reichlich zu ergänzen sein. Wir würden dann für zweifelhafte Fälle mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit feststellen können, welche Worte der Lh-sprache, der ältesten oder mittleren urgermanischen, ur- griechischen, urarischen Sprache augehören — und würden auch, was für die linguistische Paläontologie fundamental ist, über die Bedeutungen wenigstens AnhaltspunKte ge- winnen. Weiter müßte man dann, von der Analogie der Entwicklungstendenz geleitet, zu den Schichten innerhalb der uridg. Lagerung konnnen. Hierbei müßte man dann dei:)
Isolierte Wurzeln. 61
umgekehrten Weg einschlagen: ist mau zuerst von der Wurzel zu den Worten vorge- schritten, so gih es nun von den Worten zu der Wurzel zurückzugehen: zu ermessen, welche als gemeinsamer Besitz der ungetrennten Indogermanen bezeugte Wortf)rägungen der ursprünglichen Anschauung am nächsten stehen. (Der Grundanschauung, nicht der «(hundbedeutung» ; vgl. auch Edw. Schroeder, Zs. f. d. Alt. 37, 241 f.) Wobei es auf sich beruhen mag, welcher Gang der historischen Evolution entspricht, ob aus nebenein- anderstehenden Formen sich erst allmählich eine Grundform gebildet hat, oder ob sie wirk- lich ursprünglich vorhanden war. Denn so undenkbar, wie man es heut übereinstimmend glaubt, ist die einstmalige wirkliche Existenz gesprochener Wurzeln denn doch nicht: daß die Menschen einmal ausschließlich nur «in Wurzeln> gesprochen hätten, läßt sich nicht nur denken, sondern vom Boden einer bestimmten Sprachschöpfungstheorie aus sogar wahrscheinlich machen. Wenn nämlich die menschliche Rede ihrem Hauptstamm nach aus unwillkürlichen Begleitlauten instinktiver Gebärden entstanden ist — eine Theorie, die sich auf Darwins «Ausdruck der Gemütsbewegungen > gründet — , so dürften die Urworte wohl unsern nicht vokalisierten Wurzeln recht ähnlich gesehen haben.
Doch «glottogouische Phantasien» sind verpönt. Kehren wir lieber wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, den wir für hypothetische Luftschlösser einen Augen- blick lang leichtsinnig verlassen haben I
Betrachtet man, um von den idg. Wortkreisen eine deutlichere "\^)rstellung zu er- halten, wieder die neuhochdeutschen an der Hand von Liebichs Buch, so fällt ihr ver- schiedener Umfang in die Augen. Es gibt Wurzeln, die beinahe alle überhaupt mög- lichen Ableitungen auch wirklich besitzen, neben solchen, deren Sproßkraft auf ein Minimum beschränkt ist. Man vergleiche etwa ^-Scldag^ (Liebich X. 2003, mit 223 Worten) und «Knopf» (N. 1071, mit zwei Worten). Natürlich wird man gleich mit der Er- klärung bei der Hand sein, das liege au der Bedeutung. Im letzten Sinn wird das auch richtig sein; nur hegt die Sache durchaus nicht so einfach. Ich erinnere an mein obiges Beispiel: warum hat ißiehcn» wohl ein «Flucht^ entwickelt wie ((schlaf/cn» ein tScJdacht», aber (vergl. Liebich N. 530) kein <Flicher», wie dies ein *Schl(iger»?
Man sagt nur eine Tautologie, wenn man antwortet, es gebe eben produktive und nichtproduktive Wurzeln. Sicher; aber weshalb? Weshalb ist bei einer Wurzel wie idg. hh((r der Wortkreis beinahe so vollständig, wie bei den Worten der Formkreis zu sein pflegt, während wir andere Wurzeln nur aus zwei, drei Worten erschließen ? Seltene oder nur hier und da durchdringende Worte werden natürlich unproduktiver sein; aber bei den meisten Wurzeln ist innerhalb ganz üblicher Synonyma die Verschiedenheit des Umfangs deutlich.
Worauf sie beruhen kann, wird uns vielleicht ersichtlich, wenn wir bis zu den extremsten Fällen gehen. Es gibt nämlich, was im Zusammenhang noch nirgends er- örtert zu sein scheint, ganze Gruppen isolierter Wurzeln. Mit anderen Worten: wenn es sich im allgemeinen von selbst versteht, daß einer Wurzel eine größere Anzahl von Nominal- und Verbalstämniou entspringen, gibt es bestimmte Kategorien von Worten, die sich im Alleinbesitz ihrer Wurzel bclindcu. Wie schon bemerkt, ist ihnen vor allem der Mangel verbaler Ableitungen gemein.
Ich gehe bei der Aufzählung dieser Gruppen von denjenigen Worten aus, dereu Isolierung am stärksten ausgeprägt ist, und endige mit denen, die sich scheinbar ganz in dem übrigen Sprachstolf verlieren.
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1) Die am deutlichsten in der Sonderstellung charakterisierte Gruppe bilden die Zahhvorte. (Vergl. auch Osthoft", Suppletivwesen, S. 31 f.)
Ich habe über die flexivische Eigenart der Kardinalia (P. B. B. 22, 554 f.) früher gehandelt und zu zeigen versucht, daß sie als Gesamtheit eine fremde Gemeinschaft bilden, iu ihrer Ausbildung vermutlich jünger als die Masse des sonstigen Sprachstoffs. Hier handelt es sich um eine andere Sonderstellung. Mit Ausnahme der Wurzel für die Zweizahl zeigt kein Zahlwort ursprüngliche etymologische Verwandtschaft. Mit seinen eigenen Sproßformen — Ordinalzahlen, Distribution usw. — steht auch in diesem Sinn jedes Zahlwort wie eine importierte Kulturpflanze in dem einheimischen Wörterwald; denn Bildungen wie «(leci»tarc>\ «drifhln^ sind ja ganz späte Neologismen und nicht aus den ursprünglichen Wurzeln oder Stämmen, sondern erst aus den sekundären Ordinal- zahlen abgeleitet. — Eine Ausnahme aber bildet die Wurzel dra (Fick, 4. Aufl. 1, 242), aus der sehr früh ein eigentümlicher Verbalstamm mit der Bedeutung «zwischen zwei Meinungen stehen» oder besser: «zwischen zwei Parteien stehen» entwickelt scheint (vgl. Kluge, 5. Aufl., S. 413; ähnhch dubifare zu diw?). Dafür läßt aber auch die flexivische Natur dieses Zahlwortes vermuten, daß es mit den anderen Kardinalien nicht gleichartig ist. Auch die Achtzahl mag appellativische Grundlage besitzen: hierauf deutet ihre dualische Form, wenn die Dualform nicht überhaupt erst nachträglich aus den Zahl Worten entsprungen ist! Das Zahlwort der Einzahl aber vollends, das allerdings nicht von Prouominibus mit der Bedeutung «allein» zu trennen ist (vgl. Fick, aao, S. 13), ist gar kein echtes altes Zahlwort, sondern erst spät zur Vervollständigung der Reihe eingefügt, ursprünglich genügte eben zum Ausdruck der Einzahl die Setzung des Appellativs im Singular: rex, ein König — trcs rrgcs drei Könige (vgl. Osthoff, Sup- pletivwesen, S. 47).
Die Zahlworte also haben jedes seineu eigenen isolierten Stamm. Verba werden aus ihnen nicht unmittelbar und nicht in der Urzeit gebildet; Appellativa irgend welcher Art ebensowenig. Abstrakta («die Dreiheit» und dergleichen, besonders die rasch zu Suffixen herabgedrückten «Zehnheitem^) sind wie die anderen Zahl Wortklassen, fakul- tativ oder obligatorisch, vorhanden, aber sekundär und durchaus auf den numeralen Sinn beschränkt.
A priori notwendig wäre das nicht, so begreiflich es auch scheint. Kluge bat z. B. «Zweig» mit «zwei» in Zusammenhang gebracht und weshalb hätte nicht etwa das Kind in seinem Verhältnis zum Vater mit einem Appellativum aus der Zweizahl, das Kind im Verhältnis zu den Eltern mit einem solchen aus der Wurzel der dritten Zahl bezeichnet werden können? Weshalb hätte man den Begriff, «sich in viele Teile auflösen» in der Epoche, die nach Usener «drei» noch als allgemeine Bezeichnung der Vielheit verwandte, nicht mit einem Verbum aus der Wurzel treiirs (Fick, S. 449) aus- drücken können?
2) Isoliert stehen ferner (wie schon Bopp bemerkt hat; vgl. Delbrück , Einleitung in das Sprachstudium, S. 77) die echten Pronominalstämme. (Osthoff aao. S. 37 f.) Zu einer Wurzel wie /ca (Fick 1, 180), to (ebd., S. 445), / (ebd., S. 6), ya (S. 290) gibt es keinerlei verbale Ableitungen und keine nominale, die nicht zu ihrem engsten Formen- kreis gehörte. Ebenso steht es mit germ. Wurzeln wie der von jener oder uroialek- tischen wie der von (dl.
Möglicherweise geht die Isolierung der ältesten Pronominalstämme noch weiter.
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«Von einer Anzalil der geschlechtigen Pronominalstämme gab es schon in uridg. Zeit nicht alle Kasus, sondern Kasusformen verschiedener Stämme ergänzten sich zu einem vollständigen Paradigma» (Brugmann, Grundriß 2, 7G6). Haben wir ein Recht anzu- nehmen, daß sich erst allmählich ein solches Mischparadigma gebildet habe? dürfen wir nicht mit Brugmann vermuten, daß jeder Stamm nur einen beschränkten Formenkreis besaß? Melleicht tun wir hier gar einen Blick in die Vorzeit der eigent- lichen Deklination; in eine Periode, die die Kasus durch verschiedene indeklinable En- klitika bezeichnete, die dann später teils zu Endungen der nominalen Deklination, teils zu diesen angeähnlich ten Bestandteilen der pronominalen Flexion wurden.
Jedenfalls liegt eine Verwandtschaft dieser beiden Gruppen auf der Hand. Beide stehen wie erratische Blöcke innerhalb des sonstigen Sprachstoffs — wenn auch vielleicht aus verschiedenen Ursachen : die Pronomina mögen älter, die Zahlwörter jünger sein als die Appellativa. Beiden ist aber innerlich eine wesentliche Eigenart gemein: sie benennen nicht, sie sind keine «Nomina». Wir fassen aus unserem Gebrauch heraus die «Pronomina» als Stellvertreter der Nomina auf: natürlich sind sie das von vorn- herein nicht, sondern ganz was anders als die Nomina. Diese «benennen», d. h. sie geben ein Kennzeichen, reihen in eine dadurch charakterisierte Kategorie ein: «ein Mann!», «ein Baum!», «eine Eichel». Die Pronomina lehnen das ab, geben nur eine Gebärde: «dieser hat es getan» — dieser bestimmte, auf den ich mit dem Finger weise ohne mich mit seiner Rubrizierung unter die Männer oder Dämonen, Greise oder Jüng- linge, Freunde oder Feinde aufzuzählen. (Vgl. allg. Brugmann, Die Demonstrativpro- nomina der idg. Sprachen, S. 3 f.) — Infolge dieser Bedeutung kann das Pronomen auch dienend zu einem Nomen treten, was eine nur «stellvertretende» Form offenbar nicht könnte: «dieser Mann!».
Genau so steht es mit den Zahlworten. Auch sie lehnen alle Benennung ab und werden dadurch dienstbar, sobald die unbenannte Zahl benannt wird: «drei Speere». Sie stehen allerdings dem Nomen näher und besonders dem Substantivum, mit dem die meisten die Eingeschlechtigkeit teilen; aber die Fähigkeit, ohne Kennzeichnung auszusagen, haben sie bis zu Goethes Faust bewahrt: «Vier sah ich kommen, drei nur gehn».
3) Isoliert stehen die Wurzeln zahlreicher alter Eigennamen. Daß es sich für uns fast imr um Götternamen handelt, braucht nicht notwendig deren besondere Eigen- art zu beweisen, da offenbar menschliche Namen leichter systematisiert werden als die heiligen archaischen Bezeichnungen; man denke noch an heutige Ausdrücke wie «Heiland» oder «Weihnachten». Wahrscheinlich ist es aber doch, daß die Götternamen gewisser- maßen in noch höherem Grad als andere Personennamen «nicht appellativ» waren. Welche Mühe haben die meisten alten indischen, griechischen, germanischen Götter- namen den Etymologen bereitet! wie unsicher blieb die Erklärung z. B. von Xrj>tumis (Wissowa, Religion u. Kultus der Römer, S. 250, Anm. 6) oder Lar. Lares (ebd.. S. 151, Anm. 2), von Ing oder Nerthus-Njprd' (vgl. Mogk in Pauls Grundriß, 2. Aufl.. 1, 320)! Es wäre wohl möglich, daß solche isolierte Namen einfach deshalb allem Etymologisieren Widerstand leisten, weil sie keine Etymologie haben: weil der Stamm sein eigenes Etymon ist wie in Onomatopöien. -Hums» ist ein sprachliches Atora, lug oder Las vielleicht auch, mag es nun laut^ym bolischen Ursprungs sein oder ein fest- gehaltener Ausruf verzückter Priester oder was sonst.
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Diese echten alten Eigennamen — es konnte ancli solche Ortsnamen geben I — teilen wiederum mit Zalilworten und Pronominibus jene Eigenschaft, daß sie nicht appcllativ sind. Spätere Götternamen sind appellativ Frcyr «der Herrscher» oder Apollo, fder Abwehrer; (oder was es sonst heißt); oder sie sind, wie alle nichtrömischen Personen- namen der Indogermanen, aus Appellativstämmen zusammengesetzt wie Heimdall oder Brhas})ati, wenn sie nicht schon als movierte Feminina wie Frci^ja {zu Frei/r) und Juno (zu Jovis) ihren sekundären Ursprung an der Stirn tragen. Aber die ältesten Götter- nanien scheinen überall isoliert und deshalb notwendig nichtappellativ (denn wie könnte ein einzelstehendes Wort in eine Kategorie einreihen?). Sie bezeichnen eben Individua, nicht T3'pen. Nach langer, langer Entwicklung mögen sie auch typisch gebraucht werden, Shakespeare mag den Herodes überheroden lassen und wir mögen Worte wie heinein (in Heines Art dichten) oder '^michelangelcsk» bilden, man mag auch Verba an sie angelehnt haben wie hoijl:otl irren an einen Eigennamen — der Urzeit war natürlich jeder Gott ein einzig dastehendes Wesen.
4) Viel merkwürdiger ist es nun aber, daß auch einzelne Appellativa isolierten Wurzeln anzugehören scheinen (vgl. Misteli-Steinthal, Charakteristik, S. 499). Westidg. niari Meer ist (Fick 1, 507) in die seltsamsten Verbindungen gebracht worden; hätte man es gar zu der idg. Wurzel mar (vgl. Kluge, S. 252) gestellt, wenn nicht auf jeden Preis eine Etymologie hätte gegeben werden müssen? Das Meer, das ewig bewegte Meer, die Heimat der Fische, das Bad der Schiffe als «tote Fläche» ! Aber auch nordeurop. haid (vgl. Kluge, S. 225) scheint isoliert (landen ist eine ganz junge Neubildung aus dem niederländischen Und niederdeutschen Seewesen, vgl. DWß. 6, 101). Wie steht es drittens mit Sw (vgl. Kluge, S. 344)? Wie unsicher ist der Zusammenhang mit saevus oder mit idg. sik sinlicn und wie wenig bezeichnend wären diese Etyma für den See, dessen Kennzeichen eine breite Wasserfläche ist und nicht das gelegentliche Aufbäumen oder gar der Umstand, daß man in ilim, wie im Moor, versinken kann! — Erde wird wohl zu ar 2>tli(f/en gehören (doch vgl. Fick-Torp 3, 26); aber ^m/ (vgl. Kluge, S. 30) scheint ohne V'erbindung mit der Wurzel berg rerhrrgen (ebd., S. 37; vgl. Fick-Torp, S. 265) eine isolierte Nominalgruppe (mit sekundären verbalen Ableitungen wie ags. hehyrgan) zu beherrschen. TJial ist wieder nicht isoliert, ebensowenig wie Strom, Fluß u. a. (Strom ist nachträglich isoliert worden, weil das Germanische die idg. Wurzel aufgab und ihren Verbalbegriff durch ein sekundäres «strömen» ersetzte). Aber das germ. Uarh (Kluge, S. 23, Fick-Torp 3, 257) und das nd. Deich samt dem hd. Teich (ebd., S. 374, Fick- Torp 3, 205) scheinen isolierte Nominal wurzeln zu sein. Denn daß man aus doktri- nären Gründen der Wurzel ohne weiteres irgend eine schwierige oder nichtssagende Verbalbedeutung gibt, beweist natürlich gar nichts; und daß z. B. wieder Welle, Woge inmitten eines großen Wortkreises stehen, beweist, daß es eben Wurzeln von verschiedener Triebkraft auch unter diesen «geographischen Worten» gibt. Aber Meer, See, Land, Berg, Bach. Teich — das ist doch eine interessante Gruppe; sollte es nur Zufall sein, daß bei allen die Etymologie unsicher ist, bei allen primäre Verba fehlen? Es mögen auch noch andere wie Ufer (Kluge, S. 355) hierher gehören.
Eine andere Gruppe: die der Jahreszeiten. Fwgen, Schnee. Wind stehen regelrecht in vollständigen Wortkreisen (d. h. solchen, die nominale und verbale Ableitungen enthalten). Aber idg. Sommer (Fick-Torp 3, 445) und germ. Winter (vgl. Kluge, S. 351, 408; nach Torp aao. 384 zu der germ. Wurzel vet «netzen») und Lenz (S. 235) haben isolierte Stämme.
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Ich nenne noch ein paar Appellativa, die eigentlich keine sind, weil sie kein be- zeichnendes Etymon zu besitzen scheinen: gerni. Hird (Kluge, S. 165; Verbindung mit lat. creware problematisch; vgl. ßerneker Wb. s. cerm S. 146); germ. Hof (S. 170; doch vgl. Fick-Torp 3, 94); germ. Wald (S. 395, Fick-Torp 3, 403); germ. hanw, (üd. lion/r (Fick-Torp 3, 77), germ, tdlis (doch vgl. Fick-Torp 3, 21), ahn. seidrr. All diesen Begriffen, von denen kein einziger eine sichere etymologische Basis besitzt, ist gemein, daß sie begrifflich (nicht grammatisch!) Singularia tantum sind: es gibt in jedem Haus nur einen Herd; es gibt für Bauer und Knecht nur einen Hof, den, wo sie arbeiten; aller Wald gehört zusanunen wie alles Land und alles Meer eine Einheit bildet, oder wie alle Arten der Magie nur die eine Zauberei ausmachen. Von See, Berg, Bach gilt das freilich nicht; dagegen wieder von den Jahreszeiten: es gibt nur einen Sommer, der immer wiederkehrt. (Die Verwendung des Wortes zur Zeitmessung, wie im Hilde- brandslied, ist jünger.)
Man könnte also sagen: es handelt sich hier auch um eine Art Eigennamen. Land, Meer, Wald werden als eine nur einmal existierende Einheit gefaßt; Herd, Hof werden mit Ignorierung aller ihresgleichen so benannt, wie wir «Vater» oder «Mutter» zur Bezeichnung bestimmter Einzelpersonen verwenden.
So ist denn in diesem Zusammenhang noch auf eine andere wichtige Gruppe zu verweisen: die der Verwandtschaftsnamen (vergl. auch Osthoff, S. 41). Ihre Iso- lierung ist ja längst anerkannt und muß sehr alt sein, da sie sich sogar in flexivischer Sonderstellung abspiegelt. Mit der Etymologie hat man sich hier reichlich so viel ab- geplagt wie bei den Götternamen; und ebenso fruchtlos. Denn von dem <Beschützer2 und der «Bildnerin» und vollends der «Melkerin» ist man wohl längst abgekommen. Hat man denn überhaupt ein Recht, hier Nomina agentis mit dem Suffix fer — tor zu sehen? Kann dies Suffix, das ja nur bei Ariern, Römern und Hellenen produktiv wucherte, bfei den Germanen aber kaum eine Rolle spielt (Kluge, Nominale Stammbldg. der altgerm. Dialekte, 2. Aufl., § 30 aE.), nicht aus den \'er\vandtschaftsnamen erst erwachsen sein?
Jedenfalls bilden hier fünf bis sechs Worte eine eng zusammengehörige und gegen die Außenwelt abgeschlossene «Wortfamilie'. (Ich würde Liebichs Terminus lieber so, auf begrifflich verwandte Worte, anwenden.) Man ninnnt jetzt überwiegend für «Vater» und «Mutter» Ursprung aus Kinderworten an (so auch Finck. a. a. O.); für «Bruder» und «Schwester» würde auch das nicht weiter helfen. Sollen nicht auch hier «unetymologische Worte» vorliegen, Eigennamen im weitereu Sinne, d. h. Appellativa für bestimmte Einzelpersonen, wie wir eben noch heute «der Vater», «der König', im Silin von «unser Vater», «unser König» schlechtweg gebrauchen? Worte jedenfalls, die aus keinen Verbalwurzcln entsprungen sind und keine erzeugt haben — mag selbst nachtraglich im Sanski'it oder im Ciriechisirhen eine Anlehninig an Verba erfolgt sein!
Aber ich muß hier doch auf die Möglichkeit phonetischer Bedingungen aufmerksam machen. Wie Land scheint Strand isoliert (Kluge, S. 365), wie landen ist stranden ein Neologismus. Und hier ist daran zu erinnern, daß wir so wenig das Nomen agentis der Ziclivr zu ^ielirn besitzen wie der Flichrr zu /liehen. Das können zufhUige Koinzidenzen sein. Aber weshalb ist der Herhsf, die Zeit des Ptlückens und Erutens, appellativisch benannt? Es mag jünger sein als die Beneniumg der ursi^rüngliohen drei Jahreszeiten. Gut; aber weshalb ist der Jxieh nach einem anderen Prinzip benannt als der Fluß.''
Wörlci- uud Sachen. I. 9
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Das beweist am Ende doch, daß die inhaltlichen Gründe nicht ausreichen — oder aber es liegt eben eine uralte Begriffsverschiedenheit fundamentaler Art vor.
Die isolierten Substantiva bilden jedenfalls die merkwürdigste Gruppe, mit der wir uns zu beschäftigen haben. Natürlich mag eins oder das andere doch mit Yerbal- wurzeln zu verbinden sein; dafür wird eine ungleich größere Zahl reiner Nominal- wurzeln noch aufgedeckt werden können. Ich verspreche mir von der Untersuchung gerade dieses Phänomens viel für die Chronologie der idg. Wortgeschiclite. Denn im letzten Sinn war ja jedes tnomen^ einmal ein Eigenname, und es ward dann erst verallgemeinert, wie unsere appellativischeu Eigennamen: «der Müller» ist zunächst einfach der Müller in unserm Dorf und «der Zerreißer» ist zunächst nur dieser Wolf, den wir erschlagen haben, nachdem er das Schaf zerrissen hatte. Sonach wäre die Isolierung der Stämme als ein Atavismus anzusehen und die betreffenden Wurzeln selbst als besonders altes Sprachgut. Rein theoretisch liegt ja auch die Möglichkeit vor, daß ihnen alle Verwandtschaft abgestorben wäre; wo sich das aber nicht, etwa aus laut- geschichtlichen Gründen, motivieren läßt, hat es geringe Wahrscheinlichkeit.
ö) Von der Betrachtung der Substantiva wenden wir uns zu der der Adjektiva und nähern uns damit wieder unserm Ausgangspunkt. Denn das Adjektiv ist zwar im eigenthchen Sinne ein «Appellativum»: 'es gibt ein Kennzeichen, wodurch der Mann, der Baum, die Speise in die Kategorie der alten Personen, der grünen oder süßen Dinge eingereiht werden; aber es teilt mit Zahlwort und Pronomen die Fähigkeit, dienend neben dem Substantiv stehen zu können. Auch das Adjektiv «benennt» nicht in dem Sinn wie das Substantiv: diesem überläßt es die Hauptcharakteristik, die es nur er- gänzt. Daher stellt .syntaktisch das Substantiv das Subjekt, während das Eigenschafts- wort (in Verbindung mit der Kopula) das Prädikat liefert. Insofern also steht das Ad- jektiv, auf seine syntaktische Leistung hin geprüft, dem Verbum, das immer prädiziert, eisentlich näher als dem Substantiv.
Ich habe nun früher, auf diese syntaktischen Erwägungen gestützt, den Unter- schied von Substantiv und Adjektiv für durchaus sekundär gehalten und den Satz for- muliert: «Diejenigen Nominalstämme, die gewohnheitsmäßig zur Herstellung des Prä- dikats verwandt wurden, bilden allmählich die besondere Klasse der Adjektiva; zu ihren besonderen Kennzeichen gehört namentlich, daß sie im Interesse der Kongruenz statt der normalen Eingeschlechtigkeit der Substantiva sich zur Dreigeschlechtigkeit ent- wickeln y.
Aber ich bin durch die hierhergehörigen etymologischen Tatsachen an dieser Meinung irre geworden und neige nun doch dazu, die herkömmliche Anschauung, daß Substantiva und Adjektiva von der Wiege an unterschieden sind, mindestens für die große Masse für richtiger zu halten.
Denn ist es nicht auffallend, wieviel häufiger Adjektiva keinen Verbalstamm neben sich haben als Substantiva? was eben hieraus zu erklären wäre: die kenn- zeichnende Note gewinnt das Appellati vum fast durchweg aus einem Verbaibegriff. Ich weise vor allem auf die Tiernamen hin: die «zitternde» Biene, die «brummende» Bremse, der «glänzende» Brassen, die «dröhnende» Drohne, die «tauchende» Ente, die «spinnende:. Spinne (daß unser Verb sich an die Nominalform anlehnt, ist ja sekun- där), den 'ergreifenden» Habicht, den «singenden» Hahn, das «springende» Roß, die «krähende» Krähe, den (mit den Augen) «leuchtenden» Luchs, den «Erde aufwerfenden»
Isolierte Wurzeln. 07
Maulwurf, den «ein mürrisches Gesicht» machenden Mops, die «8tehlende> Maus, die «schleichende» Blindschleiche, die «sich drehend bewegende» Schlange, die < schnap- pende» Schnepfe; um nur Klugesche Erklärungen herauszuziehen. Oder die Kleidung: den «bergenden» Helm, den «gesponnenen s. Rock; oder die Körperteile: die «leckende» Lippe, den «geschwollenen» Daumen, den «aufwühlenden» Rüssel; oder gar die Werk- zeuge, die ja fast durchweg primäre sachliche Nomina agentis sind. Für das Appella- tivum ist also ein verbales Etymon beinahe selbstverständlich. Wie viele Namen von Sachen sind uns gerade auf diese Weise durch Meringer aufgeklärt worden! Wie viele wird die archäologische Etymologie noch deuten (vgl., 0. Sehr ad er, Geschichte und Methode der linguistisch-historischen Forschung, S. 213)!
Adjektiva können natürlich gleichfalls zu Verbalwurzeln gehören wie «süß» zu «fließen» (Bechtel, Bezeichnungen der sinnlichen Wahrnehmungen in den idg. Sprachen, S. 132; die Gruudanschauung wird die des klebrigen Fließens sein, wie es dem Honig oder Sirup eigen ist) oder «weiß» zu «glänzen».
Aber dreierlei Tatsachen geben den Eigenschaftsworten eine Sonderstellung in etymologischer Hinsicht: a) wie bei den Pronominalstämmeu finden wir auch hier eine ganz eigentümliche Kombination verschiedener Wurzeln in der großenteils gemeinindo- germanischen, «unregelmäßigen» Komparation, b) eine auffallend große Zahl von Ad- jektivstämmen bleibt etymologisch vereinzelt, c) es zeigt sich mindestens im Deutscheu eine entschiedene Tendenz, Verbalnomina, die adjektivische Funktionen übernommen haben, von den Verbalstämmen zu lösen.
a) Das Phänomen der «unregelmäßigen Steigerung» gehört zu den merkwürdigsten in unserm Sprachleben und ich habe mich immer darüber gewundert, daß man sich so wenig darüber verwundert. Man bedenke doch : gerade eine Reihe von Eigenschafts- worten, bei denen eine Vergleichung, ein Abmessen besonders nahe liegt und besonders häufig sein mußte, entzieht sich der Steigerimg. Zu «gut» gibt es weder griechisch noch lateinisch noch deutsch einen rechten Steigerungsgrad; etwa ebenso steht es mit «klein» und «groß», «alt» und «viel». Oder zu einem Adjektiv im Komparativ gehört im Positiv nur ein Adverb (Kluge bei Paul, 2. Aufl. 1, 483). — Dabei ist aber ursprach- lich nur eben dies Mosaik selbst, nicht aber die Steine, aus denen es zusammengesetzt ist; ein idg. Paradigma, das sich bei den Pronominibus zum Teil noch aufbauen läßt, ist hier schlechterdings unmöglich. (Vgl. Osthoff, Suppletivwesen, S. 3f., S. 20f., S. 42.)
Man kann sich ja den Gang der Entwicklung etwa denken. Für die häufigsten «Verglcichungen» gab es zunächst «Adjektive mit Komparationsbedeutung» (Brugmann. Grundriß 2, 420), deren Wesen wir uns durch deutsche Positive wie «nah» und «fern> und ähnliche Adjektiva von relativer Bedeutung veranschaulichen können. Was «nab»- ist, ist «weniger fern», was *fern» ist, ist «weniger nah-; die Gegensätze rücken zu einer Komparationsleiter zusammen. Diese «Adjektive mit Komparationsbedeutung> be- saßen gewisse Suffixe, die die Relativität ausdrückten: sie entsprechen dem Numerus beim Nomen, indem der Komparativ den Wortinhalt auf zwei, der Superlativ auf viele verglichene Gegenstände bezieht. Der bessere Mann>- ist unter zweien der gute; «der älteste Mann» ist der Alte unter Vielen. — Allmählich wäre dann dies Schema auf alle Adjektiva übertragen worden und somit wäre, wie so oft, die «unregelmäßige Steigerung ein l'bcrblcibsel älterer Art, die «regelmäßige» aber würde einer jüngeren, nivellierenden, systematisierenden Epoche angehören. Ursprünglich steht die Koni-
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paration venimtlich fakultativ neben ähnlichen Atljektivumfoimnngen: der Modifikation, Negation, Verstärkung, Klage, vor allem der Minderung (vgl. meinen Autsatz P. B. B. 22, 559 f.); allmähhch ist sie allen obligatorisch geworden.
So also (vergl. Ost ho ff, S. 42 f ) würde sich das Paradoxon erklären, daß gerade diejenigen Adjektiva, die der Steigerungsfähigkeit am entschiedensten bedürfen, keine echte Komparation haben, sondern sich durch fremdes Blut auffrischen lassen. (Die Häufigkeit allein kann, wie bei dem Verbum substantivum, nur der oberflächlichsten Betrachtung ein genügender Grund für den Synkretismus sein.) Nur bleibt dabei noch unerklärt, weshalb nur ausnahmsweise (wie bei ttoXlk; und nXelojv TrXeicTTOi;, vielleicht auch bei nüMJa-maizan- und meista) jene Steigerungsadjektiva der gleichen Wurzel ent- stammen -wie die Positive? und weshalb sie so selten Verbalstämme neben sich haben? (Auch für nühils Fick 1,279 ist es fraglich.)
Wir werden doch wohl ähnliche Zustände wie bei den Pronominibus anzunehmen haben. Auch diese Worte sind besonders leicht durch Gebärden zu «ersetzen»: «klein», «groß?, «alt», «gut», «böse». Sie mögen irgendwie aus diesen Gesten unmittelbar oder mittelbar (lautsymbolisch) herausgewachsen sein, ohne je einer produktiven «Wurzel» anzugehören.
b) So sind wir schon dazu übergeglit'ten, daß viele Adjektiva etymologische Isolierung zeigen. Ich füge zu den eben angeführten «gut» und «übel» zwei andere spezifisch germ. Wortpaare (Kluge, S. 15): «mild» und «argx, «hold» und «treu»^ von denen nur «hold» (ebd., S. 171) vielleicht verbale Verwandtschaft hat; dagegen steht der Begriff «treu» schon idg. oft in eigentümlichen nominalen Beziehungen (vgl. Osthoff, Etymologische Parerga 1,99 f.). Auch «arm», «schlecht», «eitel» und viele andere germ. Adjektiva stehen isoliert, wogegen z. ß. «schön», «reich», «krank» zu vollständigen Wort- kreisen gehören.
c) Eine stattliche Zahl alter Partizipia sind im Deutschen isolierte Adjektiva ge- worden: aJf, halt, laut, tot, kranl;, scui [K\\\gQ, S. 182) — eigen. Die Verbalstämme, die in anderen idg. Sprachen noch leben, sind bei uns abgestorben, zum Teil (wie bei alau) erst in historischer Zeit.
Man wird den Zusammenhang der beiden Erscheinungen bestreiten wollen: hat das Absterben des Verbums alan mit der Adjektivierung des Partizips alt irgend etwas zu tun? — Die gewöhnliche Erklärung: das Partizip sei erst nach dem Absterben des zu- gehörigen Verbs ganz zum Adjektiv geworden, scheint gegenüber modernen Beispielen nicht zu verfangen: ein Partizip wie «gelungen» existiert ruhig in adjektivischer Funktion neben dem lebenden Zeitwort «gelingen». Aber eine Tendenz der Spi'ache, die Adjektivierung des Partizips durch Aufgeben des Verbs zu erleichtern, kann man sich doch auch schwer vorstellen!
6. Zum Schluß ist auf die allerumfangreichste Gruppe isolierter Wurzeln nur kurz hinzuweisen: auf die Partikeln der verschiedensten Art. So etwa die proethnischen Präpositionen (Delbrück. Vergleichende Syntax 1, 666 f.) und viele ihrer einzelsprachlichen Nachfolger (ebd., S. 754 f); so Konjunktionen wie me (Fick 1,518), ea-it-h (Delbrück 2,511), griech. ye, |uev (ebd., S. 498, 506); diejenigen Adverbia, die nach Brugmanns Ausdruck (2, 524) «von Anfang an nicht Glieder eines ganzen Kasusparadigmas, sondern isolierte Satzwörter» waren. Auch von den Partikeln mögen überdies manche erst nach- träglich zu Pronominibus oder andern Stämmen in Beziehung gebracht worden sein.
Isolierte Wurzeln. 69
Jedenfalls blieben eine selir große Zalil dieser Indeklinabeln auch sonst außerhalb der Masse des Sprachstofls und verraten damit jene Ursprünglichkeit, die bei Einer Gruppe von Partikeln mit so zweifelloser Deutlichkeit hervorspringt: bei den Interjektionen. Daß diese (von verschwindenden späteren Ausnahmen wie Herrgottl u. dgl. aljgesehen) niemals eigentliche «Wurzeln» hatten, zu keinem Formen- oder Wortkreis gehören, auch nicht einmal gegenseitig in geregelten Beziehungen stehen (wie etwa die ortsbezeichnenden Adverbia und andere «Correlativa»), hat man nie in Frage stellen können. Sie mögen eine vokalische Skala darstellen, so daß wir uns «durchs ganze Alphabet verwundern» können, wie Goethes Jansen im «Egmont» (Weim. Ausg. 8, 249) höhnt; eine syste- matische begriffliche Skala bilden die ah! und <ih! nicht. Sie gehören der Zeit vor der logischen Durchbildung des Sprachstoffes an, vor jener großartigen unbewußten Tätigkeit instruktiver Grammatiker, der wir die Kategorien unserer Wort- und Formenbildung verdanken. Denn Steinthal ging doch zu weit, wenn er die Logik ganz aus der Sprachbildung heraus verweisen wollte: der Stoflf ward gewiß von der Psychologie ge- reicht, aber von der Logik bearbeitet. Oder sind die Tempora, die Genera verbi, die Unterscheidung von Casus rectus und obliquus nicht auf logische Formeln zu bringen?
Bei den Partikeln liegt nun die Ablehnung alles «Benennens> auf der Hand: «Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch». Und so schließt sich der Kreis: von den optischen Gebärden, die sich zu Pronominibus umsetzen, sind wir zu den akustischen gelaugt, die wir als Interjektionen transkribieren. —
Wir glauben also gezeigt zu haben, daß den verschiedenen Gruppen ganz oder teilweise (durch Fehlen verbaler P^ormen) isolierter Wurzeln überwiegend eine gemein- same Eigenschaft anhaftet: die individualisierende Bezeichnung. Das Zahlwort gibt nur die bestimmte Zahl, das Pronomen nur den Hinweis auf die bestimmte Person, der Eigenname nur deren Bezeichnung und die geographischen Termini, die Ver- wandtschaftsnamen, die Appellative fiir gewisse «usuelle Singularia lantuni» geben kaum etwas anderes; die Partikeln wieder bedeuten nur bestimmte Hinweise oder Ver- bindungen. Bei den Adjektiven steht es allerdings etwas anders; aber auch das Eigen- schaftswort (was die Syntax nur zu oft verkennt) individualisiert das typisierende Appel- lativum: «König» ist ein Begriff, dieser aber ist «der blinde König» — als gäbe es unter allen Königen nur einen, der des Augenlichts entbehrt.
Für Worte also, die einen singulären oder doch isoliert gedachten Begriff aus- drücken, scheinen oft auch singulare oder doch isolierte Wurzeln vorhanden : man hat ihnen einen Namen gegeben, sie aber nicht zu andern (iegcnständen in Beziehung gesetzt.
Ist das richtig, so würden sich zwei wichtige praktische Folgerungen ergeben. Erstens für die Etymologie: daß es eben -Stämme ohne Etymon» gibt, an denen sie sich nicht länger die Zähne auszubcißcn braucht — ohne Etymon, das heißt auch ohne ein onomatopoetisch nachgeahmtos Klangbilil als Grundlage. Zweitens für die Sprach- geschichte: daß sich zusammenhängende Gruppen von solchen isolierten Worten finden, die wir dann als besonders altertümlich ansprechen dürfen, und die uns hei der Chrono- logie besonders auch der ursj)rachlichou Wurzeln und Worte gute Dienste leisten können.
Denn das ist ja klar, daß eine «alleinstehende isolierte Wurzel? (mau verzeihe die nur scheinbare Tautologie!) gar nichts beweist. Ihre Sonderstellung kann ja selbst- verständlich sekundär sein, wie wir das bei nhd. Adjektiven vom Typus alt oder ^<?/^ so deutlich vor Augen haben. Aber es gilt hier, was Schrader gegen Kretschmer
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Josef Slrzygowski.
vortrefflich ausgeführt liat: wo ganze Reihen vorHegen, beweist jedenfalls schon die Existenz dieser Reihen eine sprachgeschichtliche Tatsache.
, Leider mußten meine eigenen Betrachtungen isoliert, aphoristisch bleiben ; aber sie sollen ja auch nur für eine umfassende systematische Aufnahme und Vergleichung der idg. Wortkreise Stimmung machen!
Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus
des Refektoriums.
Von Josef Strzygowski.
Bei meinen Arbeiten über christliche und islamische Kunst in Ägypten, Winter 1894/5 und 1901, fielen mir Steinplatten von halbrunder Form mit eigenartig unter- brochener Randleiste auf, die in den Jahrhunder- ten vor und nach dem Jahre 1000 unserer Zeit- rechnung von Christen und Muhammedanern als Grabsteine benutzt wor- den waren. Da der Typus völlig abwich von den sonst von Kopten und Arabern stereotyp zur Anwendung gebrachten Grabstelen , so entstand für mich die Frage, wie das Aufkommen dieser sonderbaren Abart wohl zu erklären sei. Ich legte das Material schon vor Jahren in einer Zeitschrift niederS die leider wenig beachtet ist. Es wird da- her erwünscht sein, wenn ich hier einleitend noch- mals in Kürze darauf eingehe. Die halbrunde Form schien mir damals verständlich aus der Verwendung der gleichen halbrunden Platten für den christlichen Altar in den halbkreisförmigen Kirchenapsiden. Was ich nicht verstand, war die hartnäckig wiederkehrende Bildung des Randes. Doch auch dafür ergab sich inzwischen, allerdings bei ganz unerwarteter Gelegenheit, die Erklärung.
' Le relazioiic i\\ Salonn coli' Ei;itto. Hulk-tliiio di archeologia e strn-ja flaliuata. l'JOl. p. ."jS— 05, Taf. 11 -IV.
Abbildung 1. Koptischer Grah.slein in Kairo.
Der sigmaföiniige Tisch und der älteste Typus des Refektoriums.
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Dies geschah, als icli mit oiucm der Herausgeber dieser Zeitschrift, Rudolf Meringer, gemeinsam ein Kolleg über den Bauplan von St. Gallen las und das mir bekannte Material über die Entwicklung des Refektoriums im Oriente zusammenstellte. Im vor- liegenden Aufsatze möchte ich über diese interessante Reihe von Beobachtungen be- richten und zwar in dersell)en Aufeinanderfolge, in der mir das Material selbst seiner- zeit entgegentrat und mir allmählich das Verständnis des Zusammenhanges aufging. Ich deute das Resultat gleich in den Überschriften der einzelnen .\l) schnitte an.
1. DerTisch als christlicher Grabstein. Im ägyptischen Mu seum zu Kairo l)efindet sich ein Grabstein (Abb. 1) (Crum 8706)i in Alabaster (Crum Marmor), 0,9U m breit, 1 m hoch. Die oben halb- runde Platte wird von einem breiten Rande umzogen, der unten in der Mitte zwischen den abgerundeten Enden eine Unterbrechung zeigt, die dem Niveau des tiefer liegenden Mittelfeldes entspricht. Dieses Mit- telfeld ist eng beschrieben mit einer koptischen In.schrift, die außer Zweifel stellt, daß es sich um den Grabstein eines CoYÖ? Kosmas aus dem Jahre 786 n. Chr.- handelt. ^ Auf die wild entartete Palmettenraukc, die den
Abbildung -2. Arabischer Grabstein in Damaskus.
' Coplic monumeuts. (latalogue gcii. des antiquites egyptiennes au nuisee du Caire. Le Caire 1902. p. 144, i.l. LV. Dort auoli weitere Literatur.
'-' k'h teile die liiscliril'l in der tVeuiid- licli von Clarl Scbniidt l)esiirgten Übersetzung mit : Wenn vorhanden ist ein heiliger Prophet (itpo'ffiTYi?), welcher «Klagelieder» zu schrei- ben verstellt, so möge er sich stellen mit mir (? uns) an diesem Teile ((ispoc). Wenn Jemand vorhanden. der zu weinen versteht mit den Weinenden, auch dieser möge zu uns sich rechnen. Wenn Jemand vor- handen, der den Verlust (V) seines eigenen Hauptes empfindet (ahtt-ävscfl-ai), s<i möge er sich zu uns pe^Uen.
Wer wird geben Wasser auf mein Haupt und Thntnenquelle (-riY-f|) auf meine Augen (cf. Jerem.l. auch daß ich weine über die Rotrübnis, welche uns deinetwegen ergriflen hat. O der süße und in seinen Worten gütige i^angenehme) Kosnui, der C'J'fö? (Bezeichnung des Handwerkes resp. des Amtes), welcher liegt in diesem Grabe (xäfo?), der Verständige (-lü-^poiv) und in seinem Geschlechte (vsvoct Glänzende, der be- riilimt ist unter denen, welche (öffentlich) bekannt sind, und der blühend wie eine Rose, indem er ergütil (tepitetv) in seinem Hause und man sich freut über sein gute^ Wesen.
Plötzlich ein Moment (äfviS-.ov) erfafite ihn auf Refehl (xsXsaai?) Gottes: er vollendete (starb) durch die Baruiherzigkeit Gottes ohne irgend welche Unruhe (Bestürzung). Seine kurze F^bensdnuer erlosch ge- schwind, er wurde wie das Gras ()(öpTo;), welches verdorret und dessen Bhnne abteilt (cf. Jes. 40,7\ Er ließ in großer Betrübnis zurück seine Brüder und ging hinauf zu Gott mit dem Siegel (jipiTi;! des Christen-
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Josef Strzyguwski.
Rand schmückt, gehe ich hier nicht weiter ein; sie läßt sich ähnlich auch in kop- tischen Handschriften nachweisen.
Ein zweiter Grabstein gleicher Art in grauem Stein, 0,93 X 0,94 ra groß, findet sich, aus vier Fragmenten zusammengesetzt, im griechisch römischen Museum zu Alexan- dria.^ Form und Rand genau gleich dem vorhergehenden, die Palmettenranke ist noch barbarischer eingeritzt. Das Mittelfeld füllt eine ähnliche Inschrift, datiert in das Jahr 796.^
Einen dritten (irabstcin dieser Art fand ich als Altarplatte im Kloster Abu Hennis beim alten Antinoe verwendet. Er nennt eine gewisse Febronia und ist 75U n. Chr. datiert. ä Ein verwandter Grabstein im Berliner Museum ist viereckig; die Inschrift ist veröffentlicht von Steindorff (Ägyptische Zeitschrift XXXVIII, 57). Für einen Grabstein sehe ich auch eine halbrunde Platte aus Kalkstein im Museum zu Kairo (Inventar No. 35184) an, in deren vertieftem Mittelfelde zwei Oranten, die größere Gestalt weib- lich, dargestellt sind, überihnen das Kreuz.'* 2. Der Tisch als arabischer Grab- stein. Ich kenne in Ägypten drei Grab- stelen von der typi- schen Form mit ara- bischen Inschriften. Einen vom Jahre 1027 in Derr in Nubien, 85 X 85 cm groß. Es ist der Grabstein einer gewissen Fatima.^
Einen zweiten in derselben Moschee in Derr vom Jahre 113G,7. Er gehört dem Scherif Abul Hassan Muhammad. Einen dritten vom Jahre 1259 in der Qaräfah bei Kairo, dessen
A.J.B
SCALE OF FEET
AbbilJun
Koptische Altarplatten.
tums (/f.sTLavöc). — Ein .ledt'i- aber PA), welcher stehen wird bei ihm, bete für ihn, damit er erlange die Gnade Chiisti.
Er entschlief aber (oi) am 7. des Monats Phamenoth der '.). Indiction im .1. 502 von Dioclelian.
' Abbildung im Bullettino. Dort auch weitere Literatur.
2 Die Inschrift lautet in der Übersetzung, die Carl Schmidt freundlich für mich angefertigt hat: O, was ist das für eine Trennung! O Gang in die Fremde, weil über (n'/pd) alle Maßen! 0 Fahrt (jtXeEv), beschwerlich um zum Ufer zu gelangen! Das Meer (a-äXaGocf.) ist breit und seine Wogen sind wild (ä-fpioO, klein aber (?s) ist mein Nachen {zv-ifoi;), d. i. die Tugend meines Korpers (aü)|xa) und meine kurze Leben.sdauer.
' Die koptische Inschrift lautet nach Carl Schmidt: «Das ganze Leben (^to;) des Menschen gleicht einem Rauche (xäicvo;) und alle Sorgen dieses Lebens (ßio?) sind wie ein Schatten, der sich senkt. Alle Werke Gottes sind uncrforschlich und in gerechtem Gericht sind die, welche vor ihm (sc. Gott) sich befinden. Indem nun (ouv) die Zeit eintraf, daß ich den Körper (3iü|j.a) ablegte, kam über mich seine (sc. des Körpers?) Furcht, da ich mich zur Erde gewandt nach ''-/.'/.to.) Art meiner Eltern. Gedenke nun (oyv) meiner, der un- glückUchen (taXaliiujpos) Febronia, möge Gott Erbarmen mit mir haben, die ich entschlief am il. des Monats Epiphi des Jahres 466 ab (aitö) Diokletian.»
■* Abb. in meinem Teil des Catalogue gen. »Koptische Kunst», S. 102.
^ Die Inschrift lautet in der Übersetzung von C. H. Becker: Deine geringe Magd Fatima, die Tochter des Husain b. Muhammed b. Ali b, Harun b. Abdallah, verzeihe ihr und sei ihr gnädig. Sie starb in der Nacht des 22. Ramadan im Jahre vierhundertundachtzehn (418).
Der sigmaförmige Tisch und der älteste Typus des l'iefektoriums.
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Inschrift den Coraischiten Abd-ar-Rahmäu nennt. ^ Ich habe alle drei Stelen auf Tafel IV meines Aufsatzes im BoUettino dalmato abgebildet. Hier sei nur eine Photo grapliif reproduziert (Abb. 2), die ich dem Legationsrate Freiherrn Max von Oppenheim verdanke. Die Stela hat besonderen Wert, weil sie nicht aus Ägypten, sondern aus Syrien stammt. Sie befindet sich in der Derwischije Moschee in Damaskus. Mau sieht den Außenrand mit der Inschrift und den halbrunden Enden unten in der Mitte. Darin einen zweiten unten jedoch verschlossenen Rahmen, ebenfalls mit einer Inschrift. Nach Mitteilungen von Max van ßerchem, dem Bearbeiter der Oppenheimschen Auf- nahmen, geben diese Inschriften nur Koran- sprüche. Zur Datierung muß daher die zweite Platte der Derwischije herangezogen werden, deren Inschrift leider sehr zerstört ist. Der Eigenname ist nicht mehr zu lesen, doch sind die Steine nach den Titeln 471-488 d. H. (1070—1095 n. Chr.) zu datieren. Die Moschee, in der sie sich heute befinden, ist viel jünger. Auch die Ornamente, die in Abb. 2 die Platte um- geben, haben natürlich ursprünglich mit dem Tisch, bezw. dem Grabstein nichts zu tun.
3. Der Tisch als christliche Altarplatte. Es war oben davon die Rede, daß der Grabstein der Febronia sich heute als Altarplatte in ^'erwendung fin- det. Das ist nicht Zufall. Schon Butler'-' hat festgestellt, daß solche halbrunde Stein- platten mit dem unten durchbrochenen Rande in koptischen Kirchen ganz all- gemein als Altarplatten \'erwondung linden. Ich gebe nebenstehend seine Aufnahme (Abb. 3). Links der Typus, wie er auch unter den Grabsteinen vorherrschend ist, rechts die seltenere Form, wie sie in dem
Berliner Grabstein vorliegt, wo das Halbrund nach außen ins Rechteck überführt ist. Bezeichnend der Querschnitt: das tiefer ausgebettete Mittelfeld mit der im gleichen Niveau liegenden Otl'nung unten. Ich sah selbst drei oder vier solcher Altäre in Kairo, einen im Deir Moharag. einen in schwarzer Breccia in der el-IIadrakirche des Deir Surjani an den Natronseen u. a. 0. Im allgemeinen kann gelten, daß die Altarplatte entgegen dem Grabstein ohne Inschrift ist. Ich habe daher eine solche Marmorplatte, die ich im Bestände des ägyptischen Museums in Kairo fand (Cataloguo